# taz.de -- Schwangerschaftsabbrüche in Europa: Abtreibungen ohne Grenzen
> Ungewollt Schwangere müssen teils quer durch Europa reisen. Die
> Initiative „My Voice, My Choice“ hat eine Idee, mit der sich die
> EU-Kommission nun befassen muss.
(IMG) Bild: Schwangerschaftsabbrüche sollten medizinische Grundversorgung sein: Aktivistin mit Merchandise von Abotak im März 2025 in Warschau
Als der Test positiv anschlägt, sitzt K. im Bad und beginnt zu weinen.
Ungewollt schwanger, in Polen, dem Land mit den schärfsten
Abtreibungsregeln in ganz Europa. In der kleinen Stadt Hel auf einer
Halbinsel in der Danziger Bucht, in der K. lebt, gibt es weder allgemeine
Krankenhäuser noch spezialisierte Kliniken. Und selbst wenn, hätte das K.
auch nicht geholfen. Denn hier sind Schwangerschaftsabbrüche seit einem
Urteil von 2020 nur noch nach einer Vergewaltigung oder Inzest erlaubt oder
wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Ein Jahr später, 2021, schaut
K. auf den positiven Teststreifen in ihrer Hand. Sie hat Angst.
Abtreibungen sind ein gesellschaftliches Tabu und seit der Gesetzeänderung
gab es nicht nur die größten Proteste, die Polen seit Langem gesehen hat –
mehrere [1][Schwangere mussten sterben], weil Ärzt:innen nicht sicher
waren, ob sie einen Abbruch durchführen dürfen. Wer Menschen hilft, an
Tabletten für eine Abtreibung zu kommen, dem drohen bis zu drei Jahre
Gefängnis. Es gibt Frauen, die deshalb bereits vor Gericht standen. Und
andere Frauen, die für ihren Abbruch ins Ausland reisen mussten.
„Ich wusste damals nicht, dass ich Optionen hatte“, sagt K., die ihren
Namen nicht nennen will. Schließlich erzählt sie ihrer Tante von ihrer
ungewollten Schwangerschaft, die das an die Großmutter weitergibt und die
wiederum an K.s Mutter. Die erschrickt, aber ergreift Initiative. „Sie
sagte: ‚Ich glaube, wir müssen ins Krankenhaus‘“, erzählt K. „Da fiel mir
ein Stein vom Herzen.“ Auch K.s Mutter habe gewusst, dass sie in Polen
nicht weit kommen würden. Eine Freundin sei für einen Abbruch nach
Tschechien gefahren, also wählen sie die Nummer einer Klinik im
Nachbarland. Am Telefon antwortet man auf Polnisch: 2.000 Złoty,
umgerechnet etwa 470 Euro, soll der Eingriff kosten. Viel Geld bei einem
durchschnittlichen polnischen Gehalt von 1.288 Euro.
Kurz darauf steigen K. und ihre Mutter ins Auto. Von der kleinen Stadt Hel
ganz im Norden fahren sie viele Stunden Richtung Süden nach Tschechien.
Nach einer unruhigen Nacht im polnischen Ort Radom erreichen sie das
Krankenhaus. In welchem Ort es liegt, sagt sie nicht. Nach ihrer Ankunft
stellt K. sich in die Reihe der Frauen, die auf einen Abbruch warten. Ein
Arzt zeigt ihr auf dem Ultraschallbild, dass sie in der siebten oder achten
Woche ist. Dann schlüpft K. in ein Hemd und geht in den Operationssaal.
Wieder laufen ihr die Tränen. Krankenschwestern tätscheln ihr den Kopf.
„Sie sagten mir: ‚Sonnenschein, alles wird gut, gleich wird alles gut‘“,
erzählt K. „Sie waren sehr einfühlsam und das hat mir sicherlich geholfen.“
Das Nächste, woran sie sich erinnert, ist, wie sie nach dem Aufwachen nach
ihrer Mutter ruft.
Zurück in Polen hält sie geheim, weshalb sie in Tschechien war. „Meine
Freunde fragten mich, ob es Spaß gemacht habe“, sagt K. und schüttelt den
Kopf. Kein Wort über die Schwangerschaft, kein Wort über die Reise in die
Klinik, über die Abtreibung. „Niemand wusste davon. Ich habe befürchtet, es
würde schlecht aufgenommen werden.“
Dabei geht es vielen Frauen in Polen wie K. Die offizielle Statistik für
2024 weist 896 Schwangerschaftsabbrüche in Krankenhäusern aus. Diese Zahl
bildet jedoch nur einen Bruchteil der Realität ab. Das Netzwerk Abortion
without Borders geht davon aus, dass trotz des Quasiverbots allein im Jahr
2024 knapp 180.000 Abbrüche in Polen stattgefunden haben, ein großer Teil
davon medikamentös, also mit Tabletten.
„Frauen können nicht in diejenigen unterteilt werden, die Abtreibungen
vornehmen lassen, und diejenigen, die Babys bekommen“, sagt Kinga Jelińska.
„Wir sind dieselben Menschen.“ Jelińska ist treibende Kraft in der
Organisation Women Help Women. Sie spricht schnell, auf ihrem Pullover
lächeln sich zwei Smileys an. Miso und Mife – Misoprostol und Mifepriston
–, die beiden Medikamente, die weltweit genutzt werden, sind über ihre
Organisation mit Sitz in den Niederlanden erhältlich, nachdem man eine
Onlinekonsultation durchgeführt hat. „Wir bekommen mehr Anfragen von dort,
wo das System repressiver und frauenfeindlicher ist“, sagt Jelińska. „Ich
glaube, im letzten Jahr waren es etwa 40.000 Menschen, die uns geschrieben
haben. Hunderttausende von E-Mails.“
## Die Niederlande erlauben Online-Beratung
Jelińska und ihr Team verschicken die Pillen per Post und begleiten die
ungewollt Schwangeren digital durch den Prozess. Dieses telemedizinische
Vorgehen ist in den Niederlanden möglich. Abbrüche sind hier je nach
Zeitpunkt der Empfängnis bis zur 24. Woche erlaubt und die Hürden niedrig.
Die obligatorische Wartezeit von fünf Tagen zwischen dem ersten
Klinikbesuch und dem Eingriff wurde hier abgeschafft.
Für Jelińska kein Grund zur Zufriedenheit. In ihrer Stimme liegt ein Hauch
Wut. „Es gibt diesen großen Mythos, dass westeuropäische Länder gute
Abtreibungsgesetze haben, obwohl das eigentlich nicht stimmt.“
Europa ist bei Regeln für Schwangerschaftsabbrüche ein Flickenteppich. In
vielen Ländern steht er im Strafgesetzbuch. Auch in Deutschland: Nach
Paragraf 218 ist er rechtswidrig, bleibt aber in den ersten zwölf Wochen
straffrei, wenn vorher eine verpflichtende Beratung mit dreitägiger
Wartezeit erfolgt ist. Kostenpunkt: rund 600 Euro.
Selbstbestimmung hängt vom Wohnort ab. Viele Regionen innerhalb
Deutschlands, vor allem im Süden, sind unterversorgt. Und zwischen
EU-Ländern variieren etwa die Fristen stark: In Frankreich, Luxemburg,
Spanien und Rumänien ist ein Abbruch bis zur 14. Woche erlaubt, in
Schweden, Norwegen und Dänemark bis zur 18., in Island bis zur 22. Woche.
„Auf welcher Grundlage wird das festgelegt?“, fragt Jelińska. „Welches
gesellschaftliche Werturteil vermittelt man damit?“ Sie gibt die Antwort
selbst: „Nämlich, dass bestimmte Schwangerschaftsabbrüche als legitim
gelten, andere hingegen als moralisch problematisch.“
Jelińska ist Mitgründerin der Organisation Abortion Dream Team (Aborcyjny
Dream Team), einer polnischen Initiative, die Menschen in Polen
unterstützt, die Abtreibungen benötigen. Allein im letzten Jahr hat
Abortion Dream Team 44.000 ungewollt Schwangeren in Polen geholfen.
## Erste sichtbare Anlaufstelle Polens
Am internationalen Frauentag, dem 8. März 2025, öffnete die Organisation in
Polen die erste öffentlich sichtbare Anlaufstelle für ungewollt Schwangere
ihre Türen: Abotak. Das ist ein Wortspiel aus „abo“ (kurz für „aborcja“,
was Abtreibung heißt) und aus „tak“ („ja“), also „Ja zur Abtreibung“. Das
kleine Ladenlokal mit dem bunten Schaufenster direkt gegenüber vom
Warschauer Parlament wirkt wie ein Farbklecks im regnerischen Grau.
Ausgerechnet hier hat sich eine für Polen neue Form des zivilen Widerstands
gebildet.
„Wenn jede dritte Person mit Gebärmutter in ihrem Leben eine
Schwangerschaft abbricht, warum sollte das Thema nicht auch auf der Straße
vorkommen?“, sagt Zośka. Die 32-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren
für reproduktive Rechte und arbeitet regelmäßig in dem kleinen
Abotak-Lokal. „Wir wollen hier einen Raum bieten, indem man sich über
Abtreibungen informieren kann und in dem eine Gemeinschaft aus Menschen
entsteht, die sich gegenseitig unterstützen.“
Im vorderen Teil des Ladens liegen Merch, Kleidung, Poster und Infoartikel
aus, im hinteren gibt es einen kleinen Raum, warmes Licht, ein weiches
Sofa. Ungewollt Schwangere, die sich selbstständig Abtreibungspillen
besorgt haben, aber diese nicht allein zu Hause einnehmen wollen, können
hierherkommen und auf dem samtigen Polster Platz nehmen. Zośka und andere
aus dem Abotak-Team beantworten Fragen und kümmern sich um die
Hilfesuchenden.
„Was wir hier tun, ist in keinster Weise illegal“, sagt Zośka. Es handele
sich um eine Grauzone: „Weil man laut polnischem Recht Abtreibungspillen
kaufen darf, solange man sie aus einer legalen Quelle bezieht. Man darf sie
für den eigenen Gebrauch besitzen und einnehmen.“ Mit anderen Worten:
Solange ungewollt Schwangere sich komplett allein um die Medikamente
kümmern, gerät niemand in rechtliche Schwierigkeiten. Aber: „Menschen, die
ihnen dabei helfen, können Probleme bekommen“, sagt Zośka.
An einem Novembernachmittag steht vor der Tür des kleinen Ladenlokals von
Abotak die Polizei. Die Beamten spannen Absperrband über den Bürgersteig,
weil sich dort eine kleine Gruppe Demonstrierender in roten Regencapes
versammelt hat. Sie sind von „Leben und Familie“ (Fundacja Życie i
Rodzina), eine konservative, katholisch geprägte Stiftung, die sich für ein
umfassendes Abtreibungsverbot einsetzt. Auf Nachfrage wollen die
Demonstrierenden aber nicht sagen, was sie heute vorhaben.
Innerhalb von wenigen Minuten bauen sie ein großes Banner vor dem Fenster
von Abotak auf, das das Licht von außen abschirmt und den kleinen
Verkaufsraum verdunkelt. Statt des Novemberhimmels ist vor dem Fenster nun
eine riesige Gebärmutter voller Blut zu sehen. Daneben ein
Plastikaufsteller einer lebensgroßen Maria, Rosenkränzen, Fahnen, ein
Lautsprecher und Mikrofone. Die Demonstrierenden beginnen, das Vaterunser
zu beten.
„Der Protest ist heute ziemlich ruhig – wir haben schon Schlimmeres
erlebt“, sagt Natalia Broniarczyk, Gründungsmitglied von Abotak und
Abortion Dream Team. Die zentrale Lage und die Kameraüberwachung aufgrund
der Nähe zum Parlament schützten das Zentrum zumindest ein Stück weit
davor, noch massiver attackiert zu werden. Tatsächlich seien frühere
Demonstrationen deutlich heftiger ausgefallen. Einmal brachten die
Stiftungsmitglieder von „Leben und Familie“ eine nackte Babypuppe mit, die
sie mit roter Farbe eingeschmiert hatten. An anderen Tagen hätten sie
Buttersäure vor dem Eingang verteilt, ranzig und reizend für Augen und
Atemwege. Dass diese Aktionen Schwangere davon abhalten, sich an
Demonstrierenden und Polizei vorbeizumanövrieren, um Unterstützung bei
Abotak zu suchen, ist wenig verwunderlich.
Die Proteste vor Abotak seien Teil eines besonders aggressiven
antifeministischen Backlash, der von den USA nach Europa schwappt, sagt
Broniarczyk. Zugleich internationalisiert sich die Unterstützung für
ungewollt Schwangere: Abotak, Abortion Dream Team und Women Help Women
arbeiten eng zusammen, vermitteln über Grenzen hinweg und lotsen Frauen an
rechtlichen Hürden vorbei.
Täglich erhielten etwa sieben Frauen aus Polen Hilfe von Abortion Without
Borders, um einen Abbruch im liberaleren Ausland vornehmen zu lassen. Die
meisten gingen nach Tschechien, wie K. aus der kleinen Stadt Hel, aber auch
in die Niederlande, nach Frankreich, Belgien, Großbritannien oder
Deutschland.
Auch in Deutschland ist eine inoffizielle Infrastruktur entstanden, die
grenzüberschreitend unterstützt: In Berlin hilft Ciocia Basia, in Leipzig
Kumpela, in Dresden Kuzynka Drezno.
Ania und Elena, die eigentlich anders heißen, sind keine Ärzt:innen – was
sie in Dresden anbieten, ist etwas anderes: Sprache, Zeit und Präsenz. Sie
erhalten Anfragen aus Polen, organisieren die Trips, begleiten die Frauen
zu Terminen in Deutschland, übersetzen – oder haben einfach ein offenes
Ohr. „Ich mache das, weil ich es kann“, sagt Ania. Sie kommt ursprünglich
aus dem Osten Polens, spricht Deutsch und Polnisch – ein Privileg, das sie
bewusst nutzen möchte. Oft begleitet sie die Frauen Schritt für Schritt:
„Schwangerschaftskonfliktgespräch“, Ultraschall, Aufklärung, Tabletten. Sie
seien da, wenn jemand bei all dem nicht allein sein will. „Und dann kommt
oft dieser Moment der Erleichterung“, sagt Elena. „Oft sieht man ihn
richtig im Körper.“
Kuzynka Dreznos Arbeit klingt pragmatisch, selbstverständlich, beinahe
unspektakulär. Und doch geht es um viel: darum, nicht allein zu sein, wenn
Entscheidungen viel kosten können – emotional, organisatorisch, aber vor
allem finanziell.
Bei Kumpela in Leipzig ist Geld auch ein zentrales Thema, sagen Motte und
Zofia, die eigentlich anders heißen. Denn Betroffene zahlen meist selbst:
Die Versicherung übernimmt die Kosten in der Regel nicht, ein Anspruch auf
Freistellung von der Arbeit fehlt, dazu kommen Fahrt- und
Übernachtungskosten.
Um Spenden zu sammeln, organisiert Kumpela zum Beispiel Filmabende und baut
ein Unterstützungsnetz auf, über das etwa Schlafplätze besorgt werden
können. „Wir wollen das sichtbar machen – und dafür sorgen, dass niemand
allein ist“, sagt Motte. Viele brächten vor allem Scham mit, sagt Zofia.
„Die rechtliche Ebene ist das eine. Die gesellschaftliche Erzählung zu
verändern, das andere.“
Dass ein Schwangerschaftsabbruch nicht nur eine persönliche, sondern auch
eine strukturelle Frage ist, zeigt sich auch in Deutschland: Lange Wege zu
Kliniken, organisatorischer Aufwand, Wartezeiten und Kosten sind laut
[2][Elsa‑Studie („Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer –
Angebote der Beratung und Versorgung“)] große Barrieren. Kerstin Augener
kennt das aus der Praxis. Sie leitet das Familienplanungszentrum Balance in
Berlin und hält einmal in der Woche Operationstermine für polnische
Patient:innen frei, die über [3][die Berliner Organisation Ciosia
Basia] zu ihr kommen.
„Die Wahlmöglichkeit ist deutlich eingeschränkt, wenn man erstens weit weg
ist und zweitens weniger Geld hat“, sagt sie. Augener beschreibt, dass
Frauen oft aus Kostengründen zunächst versuchen, Medikamente selbst zu
besorgen, dann aber zu lange warten und schließlich mit fortgeschrittener
Schwangerschaft oder nach einem gescheiterten Abbruch zu ihr kämen.
„Bei der Patientin heute hat es vier Wochen gedauert, bis sie die
Medikamente hatte“, sagt Augener. Wenn es nach der Patientin gegangen wäre,
hätte der Abbruch schon in Woche 7 stattgefunden – so wurde es Woche 12 und
eine Operation. Hintergrund ist, dass Abbrüche in Deutschland nur bis zum
Ende der 9. Woche medikamentös durchgeführt werden können. In anderen
Ländern kommen die Medikamente länger zum Einsatz. Laut dem British
Pregnancy Advisory Service erhöhten sich zwar Risiken wie Krämpfe, doch
könnten die Tabletten durchaus bis zur 24 Woche genutzt werden.
Ihren Patient:innen rät Augener normalerweise, zu einer
Nachuntersuchung zu kommen – das sei für viele Pol:innen aber keine
Option. Sie hätten oft Sorge, dass im Nachhinein in Polen jemand
herausfindet, dass sie abgetrieben haben. Sofern keine Komplikationen
aufträten, sei die Nachuntersuchung auch kein Muss, so Augener. Darüber
hinaus sei nach einem Abbruch allerdings nicht nachweisbar, ob die
Schwangerschaft intakt war oder ob etwa eine Fehlgeburt stattgefunden habe.
Um die Situation für Menschen aus Polen auch in Deutschland zu verbessern,
schlägt Augener konkret vor, „dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr
illegal sind, dass sie nicht mehr im Strafgesetzbuch stehen und dass die
Beratungsregel wegfällt“. Wenn Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr verboten
wären, könnte man sie auch als Krankenkassenleistung aufnehmen.
## Moderne Medizin sieht anders aus
Der Konflikt, der sich auf dem Gehweg vor Abotak abspielt, ist ein Konflikt
um Zugänge und Hindernisse – und kein Einzelfall. Er ist Teil der Debatte,
die weltweit und auch in der EU geführt wird.
Gegen die vielen Barrieren für ungewollt Schwangere hat sich europaweit
Protest formiert: [4][Die Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“] fordert
EU-weit sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, unabhängig von
nationalen Gesetzen. Über eine Million Menschen unterstützen sie, und das
Europäische Parlament signalisierte im Dezember 2025 mit klarer Mehrheit
seine Zustimmung für einen freiwilligen Solidaritätsmechanismus mit
finanzieller Hilfe für Abbrüche in anderen Staaten. Hilfe für Abbrüche in
anderen Staaten – in Form einer politischen Entschließung, nicht eines
Gesetzes. Nun ist die Kommission am Zug: Sie muss innerhalb von 6 Monaten,
also bis Ende Februar, offiziell darlegen, welche Maßnahmen sie ergreifen
will.
Global ist das eindeutiger: Aus Sicht der WHO gehören sichere
Schwangerschaftsabbrüche zur öffentlichen Gesundheit und zu reproduktiven
Rechten – und Einschränkungen des Zugangs erhöhen das Risiko für
gefährliche Abbrüche. Weltweit finden jedes Jahr schätzungsweise 25
Millionen unsichere Abtreibungen statt, jede fünfte davon führt zu einer
Krankenhauseinweisung wegen Komplikationen, in jährlich schätzungsweise
29.000 Fällen endet sie tödlich.
„Bevor ich meine Entscheidung getroffen habe, habe ich selbst nach
Geschichten wie dieser gesucht“, sagt Marysia. „Deshalb habe ich
beschlossen, meine eigene zu erzählen.“ Die 31-Jährige lebt in der
Woiwodschaft Łódź, einer zentralen Verwaltungsregion Polens mit über 60
allgemeinen Krankenhäusern. In einem davon wurde im Jahr 1969 das
allererste Mal in ganz Polen ein Herz transplantiert. Einst ein Ort
modernster Medizin, werden auch hier seit dem Inkrafttreten des stark
verschärften Abtreibungsgesetzes praktisch keine Schwangerschaftsabbrüche
mehr durchgeführt. Die Organisation Łódzkie Dziewuchy Dziewuchom hat hier
im Jahr 2024 gerade einmal 88 Abtreibungen dokumentiert.
„Meine Schwangerschaft war von Anfang an gewollt“, erzählt sie. „Das dachte
ich jedenfalls zu Beginn.“ Aber mitten in der 19. Schwangerschaftswoche
stand sie plötzlich allein da: ohne Partner, ohne Job, ohne eigene Wohnung
– und habe plötzlich alles wie durch einen Nebel gesehen. „Alles sagte mir,
dass ich kein Kind auf die Welt bringen kann, für das ich nicht einmal die
Grundbedürfnisse sichern kann“, sagt Marysia. „Es war die schlimmste Zeit
meines Lebens.“
Marysia kontaktierte das Abortion Network Amsterdam – und war überrascht
von so viel Verständnis und Unterstützung durch völlig Fremde. „Zum ersten
Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, damit nicht allein zu sein.“ Mit
ihrer Hilfe reiste sie zu einer Klinik nach Heemstede in den Niederlanden.
Das medizinische Zentrum sei professionell und menschlich gewesen, erzählt
sie. Unterstützung kam nicht nur von Fachkräften, sondern auch von anderen
ungewollt Schwangeren aus Polen, Frankreich und den Niederlanden. „Obwohl
wir uns kaum verstanden, gaben uns ein Lächeln oder eine kurze Unterhaltung
unglaubliche Kraft.“
Sie erinnert sich an die Tabletten, leichten Krämpfe, Schüttelfrost – „Es
war nicht schlimm, ich hatte schon stärkere Schmerzen bei meiner Periode.“
Nach der Behandlung wachte sie auf, bekam Essen, Trinken und durfte sich
ausruhen. Sie spürte: Sie hatte die Kontrolle über ihr Leben
zurückgewonnen.
25 Feb 2026
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