# taz.de -- Ken Keseys Roman „Seemannslied“: Nach den Sonnenstürmen
> Aus der amerikanischen Gegenkultur der 1960er ans Ufer der Gegenwart: Ken
> Keseys prophetischer Roman über die 2020er Jahre erscheint in deutscher
> Übersetzung.
(IMG) Bild: Der Autor Ken Kesey auf seiner Farm in Oregon
Als Orakel hat man es eigentlich recht leicht. Denn ob man tatsächlich die
Zukunft voraussagen kann, weiß im Moment des Orakelspruchs niemand mit
Gewissheit und wer nicht als Scharlatan verleumdet werden will, beschäftigt
sich am besten mit einer Zukunft in weiter Ferne. Es ist eine besondere
Vorausleistung, die jedes Orakel für sich beansprucht und die man –
insofern genug Weihrauch, Myrre und Zauberpilze im Spiel sind – auch gerne
gewährt.
Ken Kesey hat sich diesen Kredit gewiss verdient und auch mit
bewusstseinserweiterndem Rauchwerk kannte er sich bestens aus: Als Kopf der
Merry Pranksters, den prototypischen Ur-Hippies, die mit ihrem bunt
bemalten Schulbus „Further“ zu einem Emblem der Gegenkultur wurden, gehört
er ebenso untrennbar zum Figurenpersonal der 60er Jahre wie Timothy Leary,
Allen Ginsberg oder [1][Albert Hoffmann]. Wohl wegen seiner lebenslangen
Anwaltschaft für alles Psychedelische handelte sich Kesey in bürgerlichen
Kreisen allerdings das Schicksal Kassandras ein und erfuhr nie dieselbe
Anerkennung wie etwa Joseph Heller, Kurt Vonnegut oder [2][Tom Wolfe.]
Nach der Veröffentlichung von [3][„Einer flog übers Kuckucksnest“] (1962)
und „Manchmal ein großes Verlangen“(1964) verschwand Kesey beinahe 30 Jahre
auf seine Farm in Pleasant Hill, Oregon, und kehrte erst 1992 mit
„Seemannslied“ auf die Bildfläche zurück. Wiederum 33 Jahre nach der
Erstveröffentlichung erscheint Keseys aberwitziges Spätwerk nun erstmals in
deutscher Übersetzung und somit zeitgleich zur Romanhandlung, denn die
hatte Kesey ganz orakelschlau in die 2020er gelegt.
Natürlich ist es verlockend, Keseys Magnum Opus einem Testat der
Wirklichkeit zu unterziehen. Denn schon das „Kuckucksnest“ hatte
Prophetisches an sich und nahm das Ende der Hippie-Bewegung, den auf
kollektiven Rausch folgenden Crash und den konservativen Roll-Back späterer
Jahrzehnte vorweg. Was sich in diesem Irrenhaus abspielte und in der
sabbernden Selbstaufgabe des lobotomierten McMurphy mündete, war der
Subtext einer Generation, bevor diese sich selbst als solche begriff.
Doch „Seemannslied“ hat wenig vom kammerspielartigen Setting des
„Kuckucksnestes“. In seinem vorletzten Roman versucht sich Kesey an
dramaturgischem und sprachlichem Maximalismus, schließlich wird hier von
nichts Geringerem erzählt als dem Ende der Welt, dem finalen Untergang
einer von Vergnügungssucht und Indolenz zersetzten und sich selbst
verzehrenden Zivilisation.
## Die Apokalypse aussitzen
Nachdem der Klimawandel und rätselhafte Sonnenstürme einen großen Teil der
Vereinigten Staaten haben veröden lassen, hat sich eine Truppe abgerissener
Aussteiger im fiktionalen Kuinak, Alaska, niedergelassen, um die Apokalypse
fürs Erste auszusitzen. Hier scheint die Welt und die Natur noch halbwegs
intakt und hier versucht Ike Sallas, ein in die Jahre gekommener
Ex-Ökoterrorist, mit der Tatasche fertig zu werden, dass er höchstens noch
Held einer Welt von gestern ist.
Es passiert angenehm wenig im verschlafenen Kuinak, bis eines Tages eine
gigantische, silberne Segeljacht im Hafen erscheint. Bei der „Silverfox“
handelt sich um eine Art Arche Hollywood, eine schwimmende Studio-City samt
Filmteam, das im heruntergekommenen Fischerort einen Klassiker der
indigenen Jugendliteratur verfilmen möchte – mit großem Geld und obwohl die
Geschichte in Wirklichkeit von einer weißen Englischlehrerin stammt. Heute
würde man wohl von kultureller Aneignung sprechen.
Kesey, der die berühmte Jack-Nicholson-Verfilmung seines größten Erfolgs
nach eigenen Angaben nie gesehen hat – aus Protest, da der stumme indigene
Protagonist Chief Bromden aus der Romanvorlage hier zur Nebenfigur
gestrichen wurde – rechnet in „Seemannslied“ mit der amerikanischen
Unterhaltungsindustrie ab. Die riesige „Silverfox“ erinnert dabei an Kafkas
Schloss, thront über Kuinak wie ein Flimmerbild, mit zunehmend
undurchsichtigeren Hierarchien und Intrigen. Wird hier überhaupt ein Film
gedreht? Tatsächlich erweisen sich die Pläne der Filmleute bald als
umgreifender als zunächst behauptet: Aus Kuinak soll eine Art Freizeitpark
für vermögende Touristen werden, samt eigenem Flughafen und möglichst viel
Fischerdorfidylle für den internationalen Jetset.
Sallas und die anderen Mitglieder des Männerbundes „Loyal Order of the
Underdogs“ versuchen ein letztes Mal gegen das System anzulaufen. Doch bald
muss Ike feststellen, dass es diesmal kein Entrinnen mehr aus dem
zeitgeschichtlichen Abseits gibt. Die verlockenden Offerten des Filmteams
lassen die Einwohner:innen Kuinaks eine, nach der anderen die Seiten
wechseln: Statt Anti-Establishment versucht sich jede:r ein möglichst
großes Stück vom Kuchen zu sichern. Sallas und die Underdogs, die
vermeintlichen Bewahrer einer vergangenen, authentischeren Vergangenheit,
stehen alleine da, denn das Fressen kommt vor der Moral.
## Gelungene Übersetzung
Dass Kesey in dieser großen Allegorie viel mit dem verschrobenen Sallas
gemein hat, ist unschwer zu erkennen. Dass sich „Seemannslied“ nicht wie
der larmoyante Abgesang eines aus der Zeit gefallenen Autors liest, liegt
neben der klangvollen und detailversessenen Übersetzung Milena Adams an
Keseys fantastischer Fabulierlust, in der sich der LSD-getunte Geist der
60er vielfarbig bricht.
Es ist nicht ganz leicht, „Seemannslied“ auf ein bestimmtes Sujet oder nur
einen Hauptplot festzunageln. Ideen, Rückblenden, Binnengeschichten und
literarische Verweise wachsen aus diesem 700-seitigen Roman heraus, wie
Sitkafichten aus den Bergrücken des pazifischen Nordwestens. Schier endlos
verzweigt scheint diese Geschichte, manchmal ist der Wuchs nicht ganz
gerade, nicht immer kann man Keseys wilden Erzähllaunen einwandfrei folgen.
Dramaturgische Längen und ein unüberschaubares Figurenpersonal machen
„Seemannslied“ zu einem anspruchsvollen, mitunter anstrengenden Buch.
Es ist ein Roman, der eine totale Hinwendung zum Text verlangt und dem
Lesenden das abverlangt, was in der Gegenwart selten noch eine Rolle
spielt: eine ganzheitliche Betrachtung der Welt und ihrer fragilen, weit
über unser Verständnis hinaus verzweigten Verkettung lebender Dinge. Kesey
findet diese bei den Kulturen der amerikanischen Ureinwohner und wie in
seinen Vorgängern beschäftigt sich auch „Seemannslied“ mit dem Trauma der
Natives, der Vereinnahmung und Auslöschung indigener Kultur durch die
weiße, angelsächsische Kolonisation.
Konfrontiert einen das im Original beinah zeitgleich erschienene „American
Psycho“ von [4][Bret Easton Ellis] kompromisslos mit Kultur und Sprache der
Zeit, ist Keseys Blick eschatologischer: Wie kommt diese ausgehöhlte und
auf Gewalt gebaute Welt an ihr verdientes Ende? Kesey verweigert sich dazu
jeder Sprachökonomie, möchte es Leser:innen nicht unnötigerweise leicht
machen. Es ist eine Schreibweise nahe dem Bewusstseinsstrom, die
Aufmerksamkeit und Geduld erfordert, da man sonst schnell im Keseyschen
Textdickicht verloren geht, wie der vergesellschaftete Mensch in der
Drangsal spätkapitalistischer Polykrisen. Flooding the Zone ist das
Stichwort, sounds familiar?
## Das Dilemma von Orakelsprüchen
Dass man 30 Jahre nach Erscheinen konsternieren muss, dass viele von Keseys
düsteren Visionen wahr geworden sind, sich die Wirklichkeit aber oft noch
um Magnituden fantastischer anfühlt, offenbart das Dilemma
schriftstellerischer Orakelsprüche. Wenn die Vorhersage gut ist, nimmt sich
der Text selbst die Kraft aus den Segeln, je näher der Moment seiner
Einlösung rückt. Was 1992 noch fernab der Vorstellung war – Kipppunkte,
wissenschaftlicher Konsens über den menschengemachten Klimawandel – wirkt
bei heutiger Lektüre beinahe zahm.
„Fantastische Wunder müssen nicht plötzlich geschehen wie in
Tausendundeiner Nacht. Manchmal entfalten sie sich mit derselben
Langsamkeit, mit der Kristalle wachsen oder Überzeugungen sich ändern oder
das Laub sich verfärbt. Der Trick ist, immer ein wachsames Auge zu haben,
damit sie nicht unbemerkt bleiben.“
Keseys Poetologie ist Anleitung zu einer aus der Zeit gefallenen Art des
Welt-Begreifens, die dem postmodernen Menschen abhandengekommen scheint.
„Seemannslied“ ist das letzte Wort eines Autors, der ahnte, dass die
Idealismen der 1960er, die individuellen Versuche, die Fehler früherer
Generationen nicht zu wiederholen, ein für alle Mal zum Scheitern
verurteilt waren und dass es nach Nixon, Reagan, Thatcher und Co. nur noch
in eine Richtung gehen konnte: Hin zum allerletzten, verblödeten Ende der
Geschichte. Man hat Kesey nicht zugehört, man hatte kein „wachsames Auge“
und Keseys Roman fand keine große Beachtung mehr. Die Welt hatte auf andere
Visionen gesetzt.
Kesey machte es übrigens wie ein gutes Orakel und starb 2001 rechtzeitig
vor Eintritt der Wirklichkeit in Eugene, unweit seiner Farm in Oregon.
10 Mar 2026
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