# taz.de -- Buch von Wolfram Lotz: Die Sprache der Träume
> Wovon träumt Europa? Dramatiker Wolfram Lotz knotet Verdrängtes aus dem
> Reich des Unbewussten zu einem langen Traumfaden zusammen.
(IMG) Bild: Träumen, Verdrängen und Leben in Europa
Von Freud erfährt man, mit dem Träumen sei es wie mit dem Schmieden von
Reimen. Das Entweder-oder des Tages weicht einem nächtlichen Und-und-und,
Zeit wird zur weichen Masse. Der Traum verschiebt, verfremdet und
verdichtet verdrängte Wünsche aus dem Reich des Unbewussten.
Es wundert daher nicht, dass Wolfram Lotz’ neues Buch wie ein Gedichtband
daherkommt: Für „Träume in Europa“ hat Lotz erklärtermaßen Beiträge aus
„europäischen Traumforen“ gesammelt und zu diesem kleinen Buch
zusammengestellt. Doch enthält das Buch keine Informationen über die
Träumenden und ihre Lebensumstände und erscheint daher selbst so
enigmatisch wie mancher Traum.
Die haarsträubenden Plots der Träume sind dabei mehr als bloße Launen des
Geistes. Freud unterscheidet wie ein früher Semiotiker zwischen
unmittelbarer Traumhandlung und verhandelten Traumgedanken, Bedeutendes von
Bedeutetem. Er sieht in Träumen eine Zuspitzung des Psychologischen, eine
konzentrierte Form, die, wenn mit biografischen Details des oder der
Träumenden in Verbindung gesetzt, Licht ins Dunkel der menschlichen Psyche
werfen kann, ähnlich wie es eine bestimmte Form der Hermeneutik für die
Literatur versucht.
## Kaffeesatzlesen und Detektivarbeit
[1][Jacques Lacan] stellte später fest, dass das Unbewusste strukturiert
sei wie eine Sprache, und gerade im Traum, so scheint es, geht diese
Analogie besonders gut auf. Also doch Kaffeesatzlesen und literarische
Detektivarbeit?
Vielleicht ist es der Zeitgeist, vielleicht verleitet auch der Titel
zunächst dazu, Lotz’ gesammelte Träume einer Art Massentraumdeutung zu
unterziehen, um universelle Symbole des Traummaterials zu identifizieren.
Immerhin stellte Freud fest, „dass die Träumer derselben Sprache sich
der[selben] Symbole bedienen, ja, daß in einzelnen Fällen die
Symbolgemeinschaft über die Sprachgemeinschaft hinausreicht“.
Obwohl das Reich der Träume stets aus zutiefst individuellem Material
errichtet ist, gibt es im Traum wie in der Literatur universelle Symbole,
die sich zwischen den Bewusstseinsebenen verankert haben und die sich als
Teil eines kollektiven Empfindens ausdrücken. Kann man hier wohl etwas
lernen über die von Abschwung und Säbelrasseln bedrohten Bürger*innen
Europas zur Zeitenwende? Erfährt man von ihren heimlichen Bedürfnissen oder
gar von den Albträumen, die die europäische Realpolitik denen beschert, die
nicht das Glück haben, per Pass und Einkommen als gleichwertige Menschen
anerkannt zu sein?
## Langer episodenhafter Traumfaden
Zur Klärung dieser Fragen und zur Bestimmung einer europäischen
Kollektivpsychologie taugt das Buch eher nicht, denn unmittelbar
Politisches verhandeln die wenigsten dieser Träume. Die meisten dieser
absurden Szenarien sind privater Natur, wechseln zwischen den
Geschlechtern, sind aber in der Und-und-und-Logik der Träume angeordnet.
Man hat es eher mit einem langen, episodenhaften Traumfaden zu tun als mit
einem dramaturgischen Crescendo samt epistemologischer Geschlossenheit.
Es ist davon auszugehen, dass die Träumer*innen selbst nicht immer Auslöser
wie Ausgestaltung ihrer Träume kennen und verstehen. Genau im Nichterkennen
ihrer eigenen Symbole liegt jedoch der poetische Reiz dieser lyrisch
anmutenden Träumereien.
Viele der kleinen, verzerrten Wirklichkeitssplitter klingen nach einer
seltsamen, ungeformten Poesie, wie beiläufig aufgeschrieben, als wäre das
Poetische vom Träumenden nicht beabsichtigt, vom Editor Lotz höchstens
freigelegt. Vielleicht liegt der Reiz dieser Miniaturen viel mehr in der
sprachlichen Unbedarftheit und, wie einst von Susan Sontag gefordert,
bedarf es eher einer Offenheit zur Oberfläche, statt auf Biegen und Brechen
eine Hermeneutik zu entwickeln, der im Zweifelsfall ein fragwürdiges
Verständnis von kollektiver Identität zugrunde liegt.
Ein Beispiel. „Irgendein Mist krabbelte eine Umarmung wollend auf mich zu
und gab vor, mein Kind zu sein. Als hätte ich mit meinen Kindern nicht
schon genug zu tun. Es sah aus, als würde es Hände nach mir ausstrecken,
war aber nur ein Haufen alter Wolle oder Moos, etwas so Schmutziges. Ich
habe es am Ende vertrieben.“
## Vulven und Penisse
Gerade die kurzen Episoden sind oft sehr lustig, taugen aufgrund mangelnder
biografischer Informationen aber nur leidlich zur traumdeuterischen Analyse
ihrer Urheber*innen. Mehrfach geht es um Vulven und Penisse – erotische
Sehnsüchte motivieren nach Freud immerhin die meisten unserer Träume – dann
wieder um unmögliche Situationen am Arbeitsplatz [2][oder um Popstars,] die
plötzlich vor der Tür stehen und die Träumerin in eine Art panische
Verlegenheit bringen, die sich nur im Traum erschließt.
Politiker treten als Privatpersonen auf, ihrer politischen Funktion auf
traumhafte Weise beraubt. Die Prosa hat etwas von Outsider-Art,
Zufallspoesie, und oft ist es auf eine Weise rührend, diese zutiefst
menschlichen wie hermetischen Realitätssplitter vor sich ausgebreitet zu
sehen, wo nationale Befindlichkeiten und überhaupt Ortsbezeichnungen gar
keine Rolle spielen.
Die meisten dieser Träume haben keine Bühne außerhalb der Köpfe ihrer
Autor*innen und scheren sich wenig um Europas neuerliches Streben um einen
Platz am Pokertisch der Weltmächte. Das Einzige, was die Schlafenden eint,
ist die Entrücktheit ihrer Träume.
## Versuch der Wirklichkeitsbewältigung
Statt als psychologische Materialsammlung für angehende Psychiater oder
Politiker kann Wolfram Lotz’ traumhaftes Sammelwerk als neuerlicher Versuch
der Wirklichkeitsbewältigung verstanden werden.
Auch Lotz’ dramatische Werke spielen mit den Oberflächen der Gegenwart,
lassen mal somalische „Diplom-Piraten“ monologisieren oder geben dem
beinahe vergessenen Thilo Sarrazin das Wort. Denn wie in seinem letzten
Buch, [3][dem manisch angelegten 900-seitigen Totaltagebuch „Heilige
Schrift I“,] versucht sich Lotz auch in „Träume in Europa“ am Mosaik einer
Wirklichkeit, die nun aber nicht mehr nur seiner Fantasie entstammt.
Lotz, der in der Vergangenheit auch schon mal Cameo-Auftritte in seinen
Theaterstücken hinlegte, kommt mit „Träume in Europa“ einer Idee von
Wirklichkeit so auf traumhafte Weise näher, als es die Kürze dieses
schmalen Bands vermuten ließe.
24 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Yannic Walter
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