# taz.de -- Debütroman von Son Lewandowski: Vom Glauben an den Schmerz und die Disziplin
> Son Lewandowski erzählt von weiblichen Körpern unter extremen
> Bedingungen. „Die Routinen“ handelt vom Kunstturnen und der
> Selbstoptimierung.
(IMG) Bild: Wen die Gesellschaft formt: Turnerin am Stufenbarren
Als Frau werde man nicht geboren, man werde zu einer gemacht, heißt es bei
[1][Simone de Beauvoir.] Und Frauwerden, das ist so ziemlich das
Schlimmste, was Amik und ihren Mitstreiterinnen passieren kann. Allerdings
geht es in Son Lewandowskis Roman „Die Routinen“ weniger um die soziale
Geschlechterrolle, mit der die Protagonistinnen hadern, als vielmehr um
ihre tatsächliche biologische Entwicklung. „Die Hormone aushungern, damit
sie gehorchen“, ist die Devise, um ihrem Traum näher zu kommen und Erfolge
als Kunstturnerin zu feiern.
Ob sie ein Rad schlagen könnten – diese scheinbar harmlose, immer
wiederkehrende Frage zieht sich durch Lewandowskis Debüt wie eine Mahnung.
Sie markiert den Punkt, an dem kindliche Bewegungsfreude der Turnerinnen in
überprüfbare Funktionalität kippt, an dem Körper nicht mehr erlebt, sondern
bewertet werden. Was zunächst spielerisch klingt, erweist sich bald als
Eintrittstor in ein System, das Anpassung belohnt und Abweichung
sanktioniert.
Was Lewandowski erzählt, ist eine Geschichte der Extreme: extremer Sport
unter extremen Bedingungen, der zu extremem Druck und permanenten
Vergleichen führt – und letztlich Missbrauch nicht nur ermöglicht, sondern
strukturell begünstigt. „Die Routinen“ zeigt Kunstturnen als ein nahezu
sektenhaft organisiertes Gefüge, in dem Disziplin, Gehorsam und
Leidensfähigkeit höher bewertet werden als körperliche Integrität oder
psychisches Wohlergehen.
## Beiläufige Gewalt
Gewalt erscheint dabei selten spektakulär, sondern meist leise, beiläufig,
ritualisiert: in Essensgewohnheiten, Trainingsplänen, Blicken, Kommentaren,
Wiederholungen – und in Praktiken, die sich tief in den [2][Alltag der
Turnerinnen] einschreiben. „Zweimal am Tag vor den anderen auf die Waage,
das eigene Gewicht auswendig lernen und das der anderen sorgfältig
beobachten, wie es hinter dem Komma stolpert, hinfällt, wieder aufsteht.“
Diese Routinen bleiben bei Lewandowski jedoch nicht auf das Private
beschränkt. Immer wieder fließen Sequenzen ein, in denen reale Personen und
historische Konstellationen aufgerufen werden: Nadia Comăneci, [3][Simone
Biles,] Trainerfiguren und Machtverschiebungen im internationalen
Kunstturnen. Der Roman erinnert daran, dass das, was als sportliche
Disziplin erscheint, lange auch ein politisches Projekt war. Turnerinnen
standen nicht nur für Medaillen, sondern für Systeme.
Besonders deutlich wird das dort, wo Lewandowski auf die Praxis in der
Sowjetunion verweist, in der Anabolika an sogenannte Karrierekinder
verabreicht wurden – Körper als formbares Material, früh selektiert, früh
verbraucht. Mit Figuren wie [4][Béla Károlyi] und seiner Frau, die dieses
System aus dem sozialistischen Rumänien in die USA überführten, wird klar:
Die Gewalt war nicht an ein einzelnes Regime gebunden. Sie migrierte. Was
als sozialistische Leistungslogik begann, setzte sich im Westen unter
anderen Vorzeichen fort.
Dass sich der Blick auf das Kunstturnen erst spät veränderte, hängt auch
mit dem lange vorherrschenden Ideal des kindlichen Körpers zusammen. „Wir
sollten fünfzehn sein, sechzehn, die erste Regel ist nicht gekommen, ist
gleich gebrochen. Wir sind elf geblieben, zwölf.“ Erst durch Schwarze
Turnerinnen wie Simone Biles, deren Körper sich diesem Ideal entziehen,
geriet ins Wanken, was über Jahrzehnte als Voraussetzung für Perfektion
galt.
## Körper und Denken
Lewandowski interessiert sich nicht für den großen Skandal, sondern für das
Dazwischen: für die Grauzonen, in denen Grenzverletzungen normalisiert
werden, weil sie Teil der Routine sind. Die Ich-Erzählerin Amik, einst
Europameisterin am Schwebebalken, blickt aus einer zeitlichen Distanz auf
ihre Karriere zurück – und macht gerade dadurch sichtbar, wie tief sich
diese Routinen in Körper und Denken eingeschrieben haben. Der Körper
erinnert sich, auch wenn der Wettkampf vorbei ist.
Formal spiegelt der Roman diese Erfahrung wider. Die Sprache ist präzise,
oft nüchtern, beinahe protokollarisch und gerade darin verstörend. Gefühle
werden nicht ausgestellt, sondern brechen punktuell durch – wie Schmerzen,
die sich nicht mehr verdrängen lassen: „Wie oft ich mit dem Schambein auf
den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass es brach.“
Lewandowski vermeidet Pathos ebenso wie sportliche Heroisierung.
Stattdessen seziert sie die Ideologie der Leistung: den Glauben daran, dass
Erfolg Opfer rechtfertige, dass Schmerz ein Durchgangsstadium sei und
Disziplin ein moralischer Wert.
## Selbstoptimierungn predigen
Dass „Die Routinen“ weit über den Sport hinausweist, liegt auf der Hand.
Der Roman lässt sich als Parabel auf eine Gesellschaft lesen, die
Selbstoptimierung predigt und dabei systematisch übersieht, wen sie formt,
wen sie verbraucht und wen sie zurücklässt. Das Frauwerden, das hier
verhindert werden soll, ist dabei nicht nur ein biologisches Problem,
sondern ein Symbol: für Kontrollverlust, für Unberechenbarkeit, für alles,
was sich der totalen Verfügbarkeit entzieht.
Oder, wie es bei Lewandowski selbst heißt: „Frausein reicht schon, um zu
groß zu werden […], zu schwer […], zu alt […].“
Son Lewandowskis Debüt ist kein Sportroman im klassischen Sinn, sondern
eine literarische Analyse von Macht, Körperpolitik und Anpassungsdruck.
„Routinen“ bringt dazu, genau hinzusehen – nicht nur auf den Schwebebalken,
sondern auf die Strukturen, die darunter tragen. Oder eben nicht.
27 Feb 2026
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