# taz.de -- Vater des LSD gestorben: "LSD ist zu mir gekommen"
       
       > LSD-Entdecker Albert Hofmann ist am Dienstag im Alter von 102 Jahren
       > gestorben. Taz-Autor Mathias Bröckers hat den Chemiker und
       > Bewusstseinsforscher noch vor wenigen Wochen besucht.
       
 (IMG) Bild: Exakter Wissenschafter und metaphysischer Weiser: Albert Hofmann.
       
       Wenn man sich von einem sehr alten und lieben Menschen verabschiedet, ist
       jedes Mal ein bißchen Angst dabei, dass man sich vielleicht nicht mehr
       wiedersieht. Bei den Abschieden von Albert Hofmann in den letzten Jahren
       verspürte ich aber immer nur einen ganz leisen Anflug davon, denn die
       Lebendigkeit und die mentale Fitness dieses uralten Mannes ließen gar nicht
       an einen Abschied für immer denken. Genausowenig wie seine Frische und
       Schlagfertigkeit am Telefon, etwa als ich ihm im letzten Oktober dazu
       gratulierte, bei einer Umfrage in England zum größten lebenden Genie
       gewählt geworden zu sein: "Ach, ich bin es doch nicht, der gewählt worden
       ist, es ist das LSD". Aber gefreut hat er sich trotzdem, so wie er sich
       immer noch richtig ärgern konnte - über schlechte Artikel, falsche Zitate,
       schlampige Wissenschaft.
       
       Seine wichtigste Entdeckung freilich verdankt sich einer kleinen
       Schlamperei im Labor. Bei einer Frühstückspause im April 1943 hatte er die
       Eingebung, eine schon 5 Jahre zuvor hergestellte Verbindung des
       Mutterkorn-Wirkstoffs Lysergsäure erneut zu produzieren - und absorbierte
       dabei versehntlich einige Millionstel Gramm, die zu erstaunlichen
       Bewußtseinsveränderungen führte.
       
       Eine derart wirksame Substanz war in der ganzen Pharmakologie bis dahin
       nicht bekannt, so dass Dr. Hofmann am Tag darauf mit einer vielfachen
       Überdosis einen Selbstversuch ausführte. Da LSD weitestgehend untoxisch
       ist, führte dies zu keinen körperlichen Schädigungen, aber zu einem
       Horrortrip, bei dem sich Realität und Ich völlig auflösten und er glaubte,
       wahnsinnig geworden zu sein. Als die Wirkung jedoch etwas nachließ und die
       gewohnte Wirklichkeit zurückkehrte, schien sie strahlender, leuchtender,
       lebendiger. So wie ihm jetzt die Natur vorkam hatte er es schon einmal
       erlebt, als 11-Jähriger bei einem Gang durch einen Sommerwald auf dem
       Martinsberg bei Baden. Damals war seine Neugier entstanden, dem Geheimnis
       dieser strahlenden Natur, deren Teil er war, auf die Spur zu kommen.
       
       Aus armen Verhältnissen stammend paukte er neben der Kaufmannslehre Latein,
       ein Pate bezahlte das damals kostenpflichtige Gymnasium. Nach einem
       Chemiestudium in Zürich trat er 1929 in die Abteilung Naturstoffe der
       Baseler Sandoz-Werke ein, die er bis zu seiner Pensionierung 1971 leitete.
       In dieser Zeit erforschte er zahlreiche Arzneiwirkstoffe, von denen einige
       bis heute Standardmedikamente sind, wie das in der Geburtshilfe eingesetze
       "Methergin". Für seine grundlegenden Forschungen, die in über 140 Arbeiten
       dokumentiert sind, erhielt Albert Hofmann zahlreiche internationale Preise
       und Ehrendoktorate.
       
       Die Entdeckung des LSD - sowie des Psylocibin, des Wirkstoffs der
       mexikanischen Zauberpilze - machten sein Werk weit über die Gebiete der
       Pflanzenchemie und Pharmakologie hinaus von Bedeutung, allen voran für die
       Neurowissenschaften und Bewußtseinsforschung. Abgesehen von den
       US-Geheimdiensten, die in den 50er Jahren ebenso üble wie erfolglose
       Experimente mit unwissentlich verabreichtem LSD veranstalteten, erwies sich
       die Substanz für Ärzte und Psychiater als vielversprechend.
       
       Zahlreiche Forschungsberichte über den Erfolg von LSD-gestützter Therapie,
       etwa bei der Behandlung "aussichtloser" Fälle von Autismus oder
       Alkoholismus, erschienen, in der analytischen Psychotherapie erwies sich
       "Delysid", so der Markenname des Medikaments, als geeignetes Werkzeug zur
       Freisetzung verdrängter oder blockierter seelischer Inhalte.
       
       Enthusiasten wie der Autor Ken Kesey ("Einer flog über’s Kuckucksnest")
       oder der Harvard Professor Timothy Leary ("Tune in, turn on, drop out"),
       die den LSD-Gebrauch ab Anfang der 60er Jahre als Mittel seelischer
       Entspannung und Selbsterkenntnis propagierten, sorgten mit der
       Popularisierung für das Totalverbot der Substanz 1967. In seinem Buch "LSD
       - mein Sorgenkind" hat Albert Hofmann den Weg seiner Entdeckung von der
       Wunderdroge zur illegalen Substanz beschrieben, deren weitere Erforschung
       über Jahrzehnte nur noch im Untergrund möglich war.
       
       Dass nach vier Jahrzehnten jetzt in der Schweiz wieder eine Genehmigung für
       die LSD-Therapie von Schwerkranken und Sterbenden erteilt wurde,
       bezeichnete er an seinem 102. Geburtstag am 11. Januar 2008 als "das größte
       Geschenk überhaupt." Über alle die Jahre des Verbots hatte er stets dafür
       plädiert, LSD als sakrale Substanz einzustufen und seine Verwendung im
       geeigneten Rahmen wieder zuzulassen.
       
       Wie alle großen Naturforscher war auch Albert Hofmann bei seiner immer
       tieferen Erforschung der Bausteine der Natur auf immer größere Geheimnisse
       gestoßen und über die messende, rechnende Erkundung der Materie an jene
       Grenze gelangt, an der das Unfassbare beginnt: Geist. Keine andere
       Entdeckung der Wissenschaft markierte diesen Übergang von Geist und Materie
       so genau wie LSD. Die materielle Substanz eines Staubkorns reicht seitdem
       aus, um die Wahrnehmung dessen, was wir für Wirklichkeit, Materie, halten,
       völlig zu verändern und mit Zusammenhängen konfrontiert zu werden, die
       unsere Verständnisfähigkeiten überschreiten: "Wer als Naturwisswenschaftler
       kein Metaphysiker wird ist kein Naturwissenschaftler" - diese Aussage
       Albert Hofmanns war mehr als ein Bonmot und er war bis zum Schluß beides:
       strenger, exakter Wissenschaftler und ein metaphysischer Weiser, der in
       seinem philosophischen Buch "Einsichten, Ausblicke" den Begriff Evolution
       auf die kürzeste mögliche Formel brachte: "Licht, Leben, Liebe."
       
       Die Beatles, die ihm einst ein signiertes Exemplar ihrer "Sgt. Pepper"- LP
       zuschickten beantworteten damit die offiziell ungeklärte Frage, was mit
       "Lucy in the Sky with Diamonds" gemeint sei, doch Albert Hofmann hat sich
       damit stets ebensowenig gebrüstet wie mit den zahlreichen Dankesschreiben,
       die er von anderen berühmten Künstlern und Kreativen erhielt. Als er bei
       seinem letzten Vortrag in den USA Mitte der 90er Jahre wie ein Popstar mit
       tosendem Jubel empfangen wurde brach er diese Ovationen sogleich ab:
       "Danke, meine Damen und Herren, ich bin doch nur ein kleiner Schweizer
       Chemiker..."
       
       Das war keine gespielte Bescheidenheit, denn er hat immer wieder betont,
       dass sein Zutun bei seiner großen Entdeckung gering war: "Das LSD ist zu
       mir gekommen." Wenn dem so ist, dann hätte sich dieses mächtige Werkzeug
       zur Erkundung des Weltraums der Seele keinen besseren Pionier auswählen
       können als einen so durch und durch bodenständigen und soliden
       Wissenschaftler, der nicht nur über ein höchst kompetentes Hirn, sondern
       auch über ein riesiges Herz und großen Humor verfügte.
       
       Seine feste Überzeugung war, dass im ganzen Universum nichts verloren geht:
       "Es gibt kein Ende, es gibt nur ständige Wandlung, Transformation." Vier
       Monate nachdem seine Frau Anita nach fast 75 Jahren Ehe im Dezember
       friedlich eingeschlafen ist, setzt Albert Hofmann diese Symbiose jetzt in
       gewandelter Form fort. Als ich ihn vor einigen Jahren bei einem Gang durch
       seinen Garten - eine große Almwiese auf der er jeden Halm, jede Blüte,
       jeden Schmetterling kannte - nach der Angst vor dem Tod fragte, zeigte er
       auf die Wiese und lächelte: "Ich bin doch ein Teil von all dem Leben hier,
       und werde es immer bleiben." Auch seine Entdeckung wird für immer bleiben -
       und der Nachwelt der wichtigste Wunsch dieses großen Wissenschaftlers:
       "Durch einen Bewußtseinswandel im einzelnen Menschen die Voraussetzungen
       schaffen für eine bessere Welt."
       
       30 Apr 2008
       
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