# taz.de -- Roman „Acht Jahreszeiten“: Zu tief sitzen die Vorurteile
       
       > Eindrucksvoll und wütend: Mit ihrem Roman „Acht Jahreszeiten“ gibt
       > Kathrine Nedrejord der Minderheit der Sámi in Norwegen eine Stimme.
       
 (IMG) Bild: Symbolische Bezugsperson: Im Roman wird die verstorbene Groß- zu einer Art samischer Urmutter der Erzählerin
       
       „Sameproblemet“, das Sámi-Problem: Sein norwegischer Originaltitel klingt
       nicht sehr catchy, daher ist es absolut nachvollziehbar, dass die deutsche
       Ausgabe dieses Romans den deutlich lyrischeren Titel „Acht Jahreszeiten“
       erhielt. Der allerdings atmosphärisch etwas in die Irre führt. Denn der
       Form nach mag Kathrine Nedrejords Buch ein Roman sein, aber diese Form ist
       von seiner Verfasserin mit einer gesellschaftspolitischen Polemik gefüllt
       worden, die es in sich hat – und die in Norwegen einen so starken Nachhall
       fand, dass „Sameproblemet“ gleich mit mehreren Literaturpreisen
       ausgezeichnet wurde.
       
       Kathrine Nedrejord, Jahrgang 1987, ist Sámi und im [1][Norden Norwegens]
       aufgewachsen. Seit den 2010er Jahren lebt sie in Paris, schreibt aber
       weiterhin auf Norwegisch und war unter anderem Hausdramatikerin am Osloer
       Nationaltheater. Auch die fiktive Ich-Erzählerin von „Acht Jahreszeiten“
       ist Sámi aus Norwegen und lebt schon lange in Frankreich: Als Journalistin
       verfasst Marie Engmo für französische Medien Reportagen über
       Minderheitskulturen, ist derzeit allerdings überwiegend anderweitig
       beschäftigt, da sie vor wenigen Monaten ein Kind bekommen hat.
       
       Ihr Mann Clément ist Franzose und nicht wirklich eingeweiht in Maries
       eigenen, tief verinnerlichten minderheitskulturellen Konflikt, den sie
       meistens ganz gut verdrängt und vor dem sie wohl eigentlich nach Frankreich
       geflohen ist. Obwohl Clément die Familie seiner Frau sehr gern kennenlernen
       würde, hat Marie eine gemeinsame Reise in den Norden Europas bisher immer
       verhindern können. Auch sie selbst war schon sehr lange nicht mehr in der
       alten Heimat – aber nun platzt ausgerechnet in die anstrengende Babyphase
       der jungen Familie die Nachricht, dass Maries geliebte Áhkku, ihre
       Großmutter, gestorben ist.
       
       Die Reise nach Norden, die Marie nun unternimmt – allein; die kleine
       Tochter trinkt zum Glück auch aus der Flasche –, reißt vernarbt geglaubte
       alte Wunden wieder auf. Denn mit der äußeren Reise beginnt eine innere: in
       Gedanken zurück in Maries Kindheit und Jugend, und gleichzeitig in jene
       lang vergangene Zeit, als ihre Áhkku eine junge Frau war. Marie erfährt
       erst jetzt, dass die Großmutter einst einen norwegischen Verlobten hatte,
       der, wie ihre Mutter erzählt, jung gestorben sei. Marie, von jeher
       fantasiebegabt, imaginiert Szenen ihres Kennenlernens, beschreibt kulturell
       bedingte Verstimmungen zwischen dem Liebespaar und sogar die schicksalhafte
       Szene, in der die junge Großmutter erfährt, dass der Verlobte mit seinem
       Flugzeug abgestürzt sei.
       
       Parallel erzählt der Roman die Geschichte von Maries eigener Jugendliebe zu
       einem Jungen aus ihrer Klasse, von dem sie sich als junge Erwachsene nach
       jahrelanger Beziehung trennt, weil er es nicht über sich bringt, sich zu
       den samischen Wurzeln seiner eigenen Familie zu bekennen – zu tief sitzen
       die in ihn eingepflanzten Vorurteile.
       
       ## Samische Kultur steht nicht auf dem Lehrplan
       
       Marie selbst hingegen, die durch die Schule so weit assimiliert wurde, dass
       sie ganz aufgehört hat, Sami zu sprechen, beginnt als Jugendliche in einem
       Museum für samische Kultur zu arbeiten und entdeckt erstmals die reiche
       Geschichte ihrer Vorfahren. „Bis ich sechzehn war, hielt ich uns für ein
       geschichtsloses Volk“, bekennt die Erzählerin.
       
       Denn samische Kultur gehörte in der norwegischen Schule nicht zum Lehrplan,
       im Gegenteil. „Wir haben ja selbst an die Unwahrheiten geglaubt, die sie
       uns aufgetischt haben“, heißt es an einer Stelle. Über [2][viele Jahrzehnte
       der Assimilierung und Unterdrückung] sind viele Sámi zu Norwegern geworden
       und haben gelernt, ihre familiäre Herkunft zu verleugnen. Samische Namen
       wurden schon vor langer Zeit verboten. Die meisten Samen, die sich von
       Gesetzes wegen norwegische Nachnamen zulegen mussten, wählten Namen auf die
       Endsilben -jord, -mo und -eng, „Feld“, „Weide“ und „Wiese“. Auch Marie
       heißt eigentlich gar nicht Marie, sondern Márjá.
       
       Die äußere Rahmenhandlung von „Acht Jahreszeiten“ ist sehr überschaubar und
       umfasst Maries Anreise, ihre Ankunft und die ersten paar Tage bis zur
       Trauerfeier für die Großmutter. Zahlreiche Familienmitglieder kommen ins
       Bild, werden nebenbei vorgestellt, immer auch im Hinblick auf ihr
       Verhältnis zur kulturellen Ambiguität der samisch-norwegischen Bevölkerung.
       Sie bleiben jedoch skizzenhaft blass neben der zentralen Gestalt Áhkku, die
       nun, da sie tot ist, für ihre Enkelin gleichsam zum Symbol, zu einer Art
       samischen Urmutter wird.
       
       Zwischendurch, und dabei entfernt der Text sich im Gestus ziemlich weit von
       allem, was gemeinhin einen Roman ausmacht, schweift die Erzählstimme immer
       wieder ausdauernd ab ins Diskursive und wird dabei sehr grundsätzlich und
       auch sehr wütend – persönlich verletzt ob des oft ignoranten Verhaltens
       selbst von angeblich wohlmeinenden VertreterInnen der norwegischen
       Mehrheitsbevölkerung und wütend nicht zuletzt darüber, dass stets den
       Angehörigen der diskriminierten Minderheit die Aufgabe zukommt, zu
       beweisen, dass sie Menschen wie alle anderen sind.
       
       ## Erzählerin und Autorin verschmelzen
       
       „Manche – darunter Personen mit viel Macht und Einfluss – haben oft Jahre
       damit verbracht, der norwegischen, schwedischen und finnischen Bevölkerung
       einzuschärfen, wir Sámi seien Menschen zweiter Klasse, unsere Kultur sei
       nicht nur anders, sondern minderwertig. Deshalb müssen wir jetzt Jahre
       damit zubringen, hinter ihnen aufzuräumen, zu beweisen, dass sie sich
       geirrt haben.“ Oft scheint es, als sei es gar nicht so sehr die fiktive
       Marie, die solche Sätze schreibt, sondern mit oder hinter ihr die reale
       Kathrine. Ich-Erzählerin und Autorin verschwimmen ineinander.
       
       Aus nicht-skandinavischer Perspektive ist die Wucht dieses Textes kaum
       angemessen einzuschätzen. Gleichzeitig ist es interessant, aus der
       Außenperspektive heraus zu erkennen, dass es anderswo offenbar
       gesellschaftspolitische Themen gibt, die so auf den Nägeln brennen, dass
       die sogenannte engagierte Literatur in diesem Zusammenhang wieder an
       Bedeutung gewinnt.
       
       Die Tatsache, dass Kathrine Nedrejord einen solchen Erfolg mit ihrem
       eindrucksvollen Wutroman landen konnte, zeigt wohl deutlich, dass die
       heutige norwegische Gesellschaft reif genug ist, sich ernsthaft mit der
       diskriminierenden Minderheitenpolitik vergangener Generationen
       auseinanderzusetzen.
       
       26 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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