# taz.de -- Protest gegen Netflix auf der Berlinale: Enteignet die Enteigner!
       
       > Der Protest von Synchronsprecher:innen auf der Berlinale zeigt: Wenn
       > Konzerne Menschen ersetzen wollen, sollte der Spieß umgedreht werden.
       
 (IMG) Bild: Arbeiter:innen, hört die Signale: Der Kampf der Synchronsprecher:innen geht alle etwas an
       
       Dass der Kapitalismus auf Enteignung basiert, ist seit Marx kein Geheimnis
       mehr. Marx war der Erste, der umfangreich nachgewiesen hat, dass sich
       Kapital eben nicht magisch vermehrt, wie es bürgerliche Ökonom:innen bis
       heute behaupten. Kapital vermehrt sich durch menschliche Arbeit – die aber
       nicht voll bezahlt wird, denn sonst würde ja nichts dazukommen. Das ist das
       Gesetz der Lohnarbeit, das das Leben im Kapitalismus heute noch genauso
       prägt, wie schon vor 150 Jahren.
       
       Ausgerechnet der rote Teppich der Berlinale wurde am Samstagabend Ort eines
       Protests gegen eine besondere Form dieser Ausbeutung. Dutzende deutsche
       Synchronsprecher:innen tauchten hier auf, mit Bildern „ihrer“
       Schauspieler:innen und Plakaten, auf denen etwa „Keine Seele, kein
       Kunstwerk“ stand. Die Polizei schritt schnell ein: Nach einem Foto wurden
       die Sprecher:innen und die Aktivist:innen der Gruppe „Fairness
       Jetzt“ zum Potsdamer Platz verwiesen, wo noch eine Rede gehalten wurde.
       Letztere Gruppe ist aus dem Umfeld der ehemaligen Letzten Generation
       entstanden und setzt sich für KI-Regulierung ein.
       
       Hintergrund ist der aktuelle [1][Boykottaufruf des Verbands Deutscher
       Synchronsprecher:innen (VDS) gegen Netflix.] Der Streaming-Konzern
       will die Sprecher:innen in Verträge drängen, die es Netflix erlauben
       würden, ihre Stimmen unbezahlt zum Training von KI-Systemen zu benutzen.
       Bei den Sprecher:innen hat das Empörung ausgelöst – Boykottaufrufe
       wurden laut. Aktuell würden etwa 800 der geschätzt 2.500 deutschen
       Sprecher:innen die Zusammenarbeit verweigern, sagte Patrick Winczewski
       vom VDS der taz, die deutsche Stimme von Hugh Grant und Tom Cruise.
       
       Jetzt kann man sich diese Bewegung anschauen und dann über das
       Synchronsprechen streiten. Darüber, ob deutsche Synchros nun peinlich sind
       oder Kult, ob der Trend nicht eh dahin neigt, Serien und Filme im Original
       zu sehen. Man kann sagen, hier verteidigt ein überflüssig gewordenes Metier
       seine Zunft. Oder man sagt, dass die KI immer nur eine seelenlose
       Nachahmung sein kann.
       
       ## Gesamtgesellschaftliche Bedeutung
       
       Aber all das trifft nicht den Kern der Auseinandersetzung. Denn was die
       Synchronsprecher:innen verhandeln, reicht, [2][wie schon der Streik
       der Hollywood-Drehbuchautor:innen 2023], weit über das eigene Metier
       hinaus. „Es fängt mit Synchronsprecher:innen und Übersetzer:innen
       an, aber letztlich betrifft es alle Arbeitsbranchen“, sagte auch der
       Aktivist Raphael Thelen der taz. Das sei das Besondere am Protest des VDS:
       Dass dieser auch ein Aufruf sei, das Problem der unregulierten KI-Nutzung
       grundsätzlich anzugehen.
       
       Dabei betont Winczewski, dass es nicht um Technologiefeindlichkeit gehe.
       „Wir wollen ein Regelwerk schaffen, damit KI für die Menschen nutzbar
       gemacht werden kann, und nicht destruktiv wird“, sagt er. Es gehe darum,
       dass sich der Konzern auf Augenhöhe mit den Sprecher:innen
       zusammensetzt, um Persönlichkeits- und Urheberrechte zu wahren. [3][Die
       Gruppe Fairness Jetzt tritt darüber hinaus für die Einrichtung eines
       gelosten Bürger:innenrats ein], um gesamtgesellschaftliche
       Reglementierungen zu entwickeln.
       
       Mit Marx gedacht besteht das Problem also darin, dass die fortschreitende
       Automatisierung menschliche Arbeitskraft zunehmend überflüssig macht, da
       sie durch Maschinen ersetzt wird. An sich muss das nichts Schlechtes sein,
       könnte diese Entwicklung doch auch eine Befreiung vom Zwang zur Arbeit
       bedeuten. Gegenwärtig jedoch verschärft der Abbau von Arbeitsplätzen vor
       allem die Ausbeutung – und wirft damit grundlegende Fragen nach der
       Sinnhaftigkeit der kapitalistischen Eigentumsordnung auf.
       
       So gedacht, sind die Forderungen des VDS zwar richtig, aber noch ziemlich
       moderat. Immerhin will Netflix nicht mehr nur mit der Arbeitskraft der
       Synchronsprecher:innen Profit machen, sondern ihnen ihre Stimmen ganz
       entreißen. Dagegen könnte man auch eine alte sozialistische Formel wieder
       aufgreifen: „Enteignet die Enteigner!“
       
       22 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Netflix-will-Synchronsprecher-Stimmen-fuer-KI-Training-nutzen-die-Branche-verweigert/!6153147
 (DIR) [2] /Drehbuchstreik-in-Hollywood/!5960863
 (DIR) [3] https://fairnessjetzt.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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