# taz.de -- Minister über den Umgang mit der Natur: „Eines der schlechtesten Gesetze, das uns je erreicht hat“
> Schnelle Planung braucht frühe Bürgerbeteiligung und gut gemachte
> Genehmigungsverfahren, sagt Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister
> Tobias Goldschmidt.
(IMG) Bild: Kompromisse sind möglich: Eine wichtige Stromtrasse wird wohl noch über den Lübecker Stadtwald geführt statt mitten hindurch
taz: Herr Goldschmidt, Bayern will das Gesetz zur Wiederherstellung der
Natur außer Kraft setzen, [1][das in den EU-Staaten vor allem den Zustand
der Naturschutzgebiete verbessern soll]. Am Freitag bringt der Freistaat
dazu einen Antrag in den Bundesrat ein. Wie viel Schaden kann das
anrichten?
Tobias Goldschmidt: Das Gesetz zur Wiederherstellung der Natur ist ein
Kernelement des europäischen Green Deal und ein wirklich großer Wurf von
Frau von der Leyen. Bund und Länder setzen es längst um, schließlich gilt
es seit August 2024. Im Herbst muss die Bundesregierung den
Naturwiederherstellungsplan vorlegen, die Daten dafür haben wir aus
Schleswig-Holstein schon vergangenes Jahr dem Bundesamt für Naturschutz
gemeldet. Bayern tut so, als ließe sich das Gesetz noch stoppen. Das ist
purer Populismus.
taz: Der Widerstand dagegen ist aber auch in der Landwirtschaft im Norden
groß.
Goldschmidt: Natürlich, Renaturierung ist ja auch ein großes Vorhaben. Aber
wir haben als Menschheit im [2][Montreal-Abkommen der Vereinten Nationen]
das Ziel vereinbart, 30 Prozent der Land- und Wasserflächen unter Schutz zu
stellen, die [3][Biodiversitätsstrategie der EU] sieht das ebenso vor.
Damit sind Veränderungen verbunden. Aber sich in die Büsche zu schlagen,
wenn es an die Umsetzung geht, ist keine Option. Bei uns in
Schleswig-Holstein haben wir einen guten, kooperativen Ansatz gefunden, bei
dem Behörden, Umweltverbände und Betriebe zu Naturschutzthemen gut
zusammenarbeiten. Ein gutes Beispiel ist der Vertragsnaturschutz: Da reißen
uns die Landwirte die Mittel geradezu aus den Händen.
taz: Gerade warnen Bauern- und Waldbesitzerverbände in einem Brief ans
Bundesumweltministerium davor, das Wiederherstellungs- und das
Naturflächenbedarfsgesetz würden den kooperativen Naturschutz zerstören.
Haben sie zu Recht Angst vor einer Enteignung?
Goldschmidt: Das ist die bekannte Folklore. Es werden Befürchtungen
herbeigeredet. Der Vorwurf ist grundfalsch, dass künftig der
Vertragsnaturschutz oder andere Kooperationen zugunsten der Natur nicht
mehr möglich sind. Im Gegenteil, die Zusammenarbeit von Behörden, Land- und
Forstwirtinnen und -wirten und Umweltverbänden ist in der
Wiederherstellungsverordnung selbst angelegt. Die Vorgaben der Verordnung
können wir nur mit vereinten Kräften erreichen. Dass diese Briefe
geschrieben werden, zeigt, dass wir noch viel miteinander reden müssen.
taz: Lassen sich Konflikte um Flächen wegmoderieren?
Goldschmidt: Nein, aber wir können im gemeinsamen Gespräch viel erreichen.
In Schleswig-Holstein gibt es viele Flächen, die durch den Klimawandel in
absehbarer Zeit dauerhaft zu nass für die Nahrungsmittelproduktion sein
werden. Die nutzen wir besser für den Naturschutz. Auch da gibt es
Konflikte. Aber mit der Wiederherstellungsverordnung haben wir jetzt mehr
Rückenwind in den Diskussionen. Und das Land hat seit Langem ein
demokratisch gesichertes Vorkaufsrecht, um ökologisch besonders wertvolle
Flächen für den Naturschutz zu sichern.
taz: Jahrelang haben ökologisch orientierte Politiker:innen Gesetze
oder Strategien zum Schutz der Biodiversität durch alle politischen Ebenen
gebracht. Fehlen jetzt die politischen Mehrheiten für die Umsetzung?
Goldschmidt: Die eigentliche Frage ist doch: Lieben wir unsere Heimat und
unser Leben? Wenn wir das tun, müssen wir dafür sorgen, dass wir die
Grundlage dafür erhalten – [4][und unser Wirtschaften und unsere
Infrastruktur in Einklang mit der Natur bringen.] Es macht mich
fassungslos, dass gerade die Konservativen das nicht sehen wollen. Offenbar
ist das Wissen darüber, dass wir in einem Ökosystem leben und selbst Teil
davon sind, komplett verloren gegangen.
taz: Können Sie als Landesminister Kurs halten?
Goldschmidt: Wir werden fünf Jahre früher als der Bund klimaneutral sein.
Wir sind aktuell dabei, im beschleunigten Verfahren 1.000 Hektar neue
Naturschutzgebiete an Land auszuweisen. In unserem Heimatmeer, der Ostsee,
schaffen wir gerade große Meeresschutzgebiete und arbeiten gemeinsam mit
Landwirtinnen und Landwirten gegen die [5][Überdüngung unserer Gewässer].
Klima- und Naturschutz bleiben möglich, auch wenn der Wind von vorne bläst.
taz: Der Stromnetzbetreiber Tennet will eine Stromtrasse mitten durch den
wertvollen Lübecker Stadtwald bauen. Wieso hat Ihr Ministerium das im
Umweltausschuss der Stadt unterstützt?
Goldschmidt: Wir haben dort die aktuelle Rechtslage erläutert, nicht mehr,
aber auch nicht weniger. Der Fall zeigt, dass der politische Rausch der
Entbürokratisierung und Planungsbeschleunigung vor Ort Probleme macht.
Aufgrund der Beschleunigungsgesetze des Bundes darf das Schutzgut Wald im
Genehmigungsverfahren für die betroffene Elbe-Lübeck-Leitung nur gering
gewichtet werden und es findet keine Umweltverträglichkeitsprüfung mehr
statt. Das nimmt der Genehmigungsbehörde das Ermessen und verhindert eine
Planung um den Wald herum. Ja, es gibt einen Zielkonflikt zwischen
Beschleunigung und Rücksichtnahme.
taz: Nun gibt es eine Schneise durch diesen schützenswerten Wald?
Goldschmidt: Das Genehmigungsverfahren dafür läuft noch, aber es zeichnet
sich ein ordentlicher Kompromiss ab. Das Unternehmen hat sich nach
intensiven Gesprächen mit der Stadt Lübeck überzeugen lassen, den Plan zu
ändern und statt einer Waldschneise den Wald mit höheren Masten zu
überspannen. Statt dauerhaft insgesamt 10 Hektar Wald müssten nur 5 Hektar
Wald in Anspruch genommen werden, und das auch nur zeitweise. Der Großteil
der Fläche kann wieder aufgeforstet werden.
taz: Wie können Behörden schnell und friedlich planen?
Goldschmidt: Vorhaben lassen sich schnell umsetzen, wenn wir Konflikte mit
Bürger:innen frühzeitig erkennen und lösen. Außerdem geht es immer dann
schnell, wenn wir politische Priorität auf ein Projekt setzen und die
Behörden den Unternehmen früh und verbindlich sagen, was für eine
Genehmigung erforderlich ist. Wir machen immer wieder die Erfahrung: Gut
gemachte Genehmigungsverfahren führen dazu, dass Projekte hinterher
akzeptiert sind und wenig beklagt werden. Ich spreche gerne von
Umsetzungsallianzen. Die sind wichtiger als Beschleunigungsgesetze.
taz: Also könnte das Infrastrukturbeschleunigungsgesetz, über das der
Bundestag gerade berät, nach hinten losgehen?
Goldschmidt: Das ist eines der schlechtesten Gesetze, das uns jemals im
Bundesrat erreicht hat. Das sehen Sie schon an den rund 250
Länderstellungnahmen, die dazu abgegeben wurden. So viele erhält man bei
vernünftigen Gesetzen nicht. Dieses Gesetz stellt so viele Belange ins
überragende öffentliche Interesse, dass hinterher gar nichts mehr wichtig
ist. [6][Marode Brücken] schnell zu sanieren, ist sinnvoll und überragend
wichtig, aber wieso sind neue Rastplätze wichtiger als alle anderen
Belange? Außerdem sieht das Gesetz einen modernen Ablasshandel vor, Geld
gegen Umweltzerstörung. Das Gesetz richtet sich gegen die Menschen, die
Natur und gegen unser kulturelles Erbe. Und es wird verhindern, dass gute
Infrastrukturkompromisse entstehen.
taz: Wie findet denn Ihr Koalitionspartner das Gesetz?
Goldschmidt: Nicht so schlecht wie ich. Allerdings stehen in dem Gesetz ja
auch ein paar sinnvolle Dinge, etwa zur Digitalisierung oder zur besseren
Koordination von Genehmigungsverfahren. Und einzelne sinnvolle Belange
werden auch vereinfacht – zum Beispiel lässt sich bei der Verlängerung von
Bahngleisen in Bahnhöfen das Verfahren sicherlich vereinfachen und
beschleunigen. Wir werden also miteinander reden und zu einem gemeinsamen
Standpunkt kommen. So wie dieses Gesetz jetzt aufgesetzt ist, tun wir
Deutschland damit keinen Gefallen.
5 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neuer-Bericht-zur-Artenvielfalt/!6036889
(DIR) [2] /Abkommen-zum-Schutz-der-Artenvielfalt/!5900896
(DIR) [3] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/qanda_20_886
(DIR) [4] /UN-Konferenz-zur-Biodiversitaet-in-Cali/!6044601
(DIR) [5] /Dein-Billigbroetchen-killt-Fische-in-der-Ostsee/!6129746
(DIR) [6] /FAQ-zu-maroden-Bruecken/!6087617
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