# taz.de -- Windstrom von Nord nach Süd bringen: Schneise durch den Lübecker Wald nicht alternativlos
> Stromnetzbetreiber Tennet will Bäume in altem Wald fällen, statt mit
> Landwirten über anderen Trassenverlauf zu reden. Ein breites Bündnis
> wehrt sich.
(IMG) Bild: Gegen die Stromtrasse: Mehr als 100 Menschen sind gekommen, um für den Erhalt des Lübecker Stadtwalds zu demonstrieren
Mehr als 100 Menschen haben am Donnerstag für den Erhalt des Lübecker
Stadtwalds demonstriert. Das Waldstück am Rand der Stadt gehört zu den
wenigen naturnahen Wäldern Deutschlands und war durch seine Lage an der
innerdeutschen Grenze jahrzehntelang unberührt geblieben. Quer hindurch
will Stromnetzbetreiber Tennet die Elbe-Lübeck-Leitung mit mehreren Masten
führen und dafür eine Fläche von fünf bis zehn Hektar roden.
Die [1][Elbe-Lübeck-Leitung], die vom Umspannwerk Lübeck West bis zur Elbe
reicht, spielt eine wichtige Rolle dabei, Windstrom aus dem Norden in den
Süden zu bringen. Die Mitglieder des breiten Bündnisses gegen die Trasse
durch den Stadtwald stellen aber eine grundsätzliche Frage: Muss beim
[2][Konflikt zwischen Energiewende und Umweltschutz] immer die Natur
zurückstehen oder gibt es Alternativen?
Am Morgen danach, nach Demo, Besuch von Schleswig-Holsteins Umweltminister
Tobias Goldschmidt (Grüne) und feierlicher [3][Übergabe einer 7.285 Namen
langen Unterschriftenliste], sind Sarah Kolbe, Sigrid Strehler und Lutz
Fähser vor allem eines: weiter kämpferisch. Die drei gehören zum Bündnis
„Lübecker Stadtwald retten“, einer von zahlreichen Gruppen und
Einzelpersonen getragenen Initiative, die den Bau der Stromtrasse
verhindern will.
„Tragisch ist der Verlust von Wald in jedem Fall, aber hier besonders“,
sagt Fähser. Der ehemalige Forstdirektor hatte 1994 im Stadtwald die
naturnahe Bewirtschaftung eingeführt. Bis heute ist der Lübecker Forst
damit ein bundes- und inzwischen sogar EU-weites Modell für den Umgang mit
Baumbeständen. Das Bündnis schlägt daher eine Umgehung vor.
Doch für die Firma Tennet ist die Axt im Walde offenbar der einfachere Weg.
Bauleitplaner Philipp Schröder sagte dem NDR: „Im Bereich der
Umgehungstrasse werden mehrheitlich private Flächen in Anspruch genommen.“
Die „eigentumsrechtlichen Belange“ sprächen „deutlich“ gegen die Variante.
Tatsächlich wären mehrere private Besitzer:innen betroffen. Elf
Landwirt:innen haben die Bündnismitglieder ausgemacht und einfach mal
angerufen. „Sechs haben gesagt, sie könnten es sich vorstellen, drei waren
dagegen, zwei weitere haben sich nicht geäußert“, berichtet Strehler. „Aber
das war nur ein erstes Telefonat.“ Bei ernsthaften Gesprächen und
Entschädigungsangeboten ließen sich die Zögernden vielleicht überzeugen.
„Dafür müsste man eben mal vorbeigehen und mit den Leuten reden.“
## Umgehungsvariante offenbar nie geprüft
Aber offenbar wurde die Umgehungsvariante nie auch nur geprüft, sagt Sarah
Kolbe, die Gründerin des Bündnisses „Lübecker Stadtwald retten“. Wie die
Trasse um den Wald herumführen könnte, haben Bündnismitglieder erarbeitet.
Würden die Masten auf Feldern errichtet, wären sie weit besser zugänglich,
nicht nur in der Bauphase, sondern auch später für Reparaturen. Der
Trassenverlauf wäre kaum länger, und das Argument, die Strecke sei nicht
mehr schnurgerade, nennt Fähser vorgeschoben: „Bei 80 Kilometern gibt es
immer Knicks und Bögen.“
Seit gut einem Jahr kämpft das Bündnis gegen die geplante Trasse durch den
Wald. Nun steht immerhin ein neuer Vorschlag im Raum: Die Leitung könnte
auf hohen Masten über die Bäume geführt werden. Ein „guter Kompromiss“,
sagte Schleswig-Holsteins [4][Umwelt- und Energiewendeminister Tobias
Goldschmidt (Grüne) im taz-Interview]: „Statt dauerhaft zehn Hektar Wald
müssten nur fünf Hektar Wald in Anspruch genommen werden, und das auch nur
zeitweise. Der Großteil der Fläche kann wieder aufgeforstet werden.“
Diese Meinung teilt inzwischen auch die Stadt Lübeck. Im Juli 2025 hatte
sich die Ratsversammlung noch für die Nord-Umgehung ausgesprochen. [5][Im
November erklärte Umweltsenator Ludger Hinsen (parteilos)]: „Der Schutz des
Stadtwalds hat für uns hohe Priorität. Wenn sich durch eine technische
Lösung wie die Waldüberspannung ein deutlich geringerer Eingriff in den
Naturraum erreichen lässt, ist das der verantwortungsvollere Weg.“ Ziel der
Stadt sei es, „die Energiewende zu unterstützen – mit größtmöglicher
Rücksicht auf Natur- und Eigentumsbelange“.
Auch das Bündnis will die Energiewende. „Wir sind nicht gegen die Trasse“,
betont Fähser. Doch der vorgeschlagene Kompromiss sei keiner. „Es ist ein
altbekanntes Spiel von Firmen und Planungsbehörden, erst einen
Gruselvorschlag vorzulegen. Wenn die erwartbaren Proteste kommen, knickt
man scheinbar ein und tut das, was man ohnehin tun wollte.“ Nur sei die
Idee einer Überleitung weder nachhaltig noch wirtschaftlich sinnvoll: „Die
Region heißt nicht ohne Grund Lübeck-Moorgarten. Schwere Masten auf
sumpfigem Grund, das kann nicht klappen.“ Die Politik in Stadt und Land sei
vor Tennet eingeknickt, kritisieren die Bündnismitglieder.
Sie wollen weitermachen. Mit Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit, aber
auch auf andere Weise. Denkbar ist eine Klage gegen die Planung. „Und wir
haben auch Menschen in der Gruppe, die auf Bäume klettern können“, sagt
Strehler. Sarah Kolbe sieht im [6][Kampf um den Lübecker Wald mehr als
einen Einzelfall]: „Die Frage lautet, wie wir in Zeiten der Krise mit der
Natur umgehen.“
13 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tennet.eu/de/projekte/elbe-luebeck-leitung
(DIR) [2] /Entscheidung-ueber-Gas-Terminal/!6144940
(DIR) [3] https://www.openpetition.de/petition/online/10-hektar-luebecker-stadtwald-retten-verhindert-die-rodung-fuer-die-tennet-trasse
(DIR) [4] /Umweltminister-ueber-Naturschutz-Gesetz/!6155795
(DIR) [5] https://www.luebeck.de/de/presse/pressemeldungen/view/142431
(DIR) [6] /Verbaende-lehnen-Kabeltrassen-ab/!6082174/
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