# taz.de -- Vorsitzender des Studierendenwerks: Die junge Generation wird gerne übersehen
       
       > Die Prioritätensetzung der Bundesregierung ist unfair, findet Matthias
       > Anbuhl vom Studierendenwerk. Er vermisst eine Politik für junge Menschen.
       
 (IMG) Bild: Jugendliche bei einem Besuch im Deutschen Bundestag
       
       Die junge Generation hat einen schweren Stand in unserer Gesellschaft. In
       politischen Diskussionen wird sie gerne übersehen. Die aktuelle
       Bundesregierung kümmert sich um Rentenfragen, eine höhere Pendlerpauschale,
       eine niedrigere Umsatzsteuer für die Gastronomie und Steuerbefreiung für
       Agrardiesel. Haben diese Projekte den Bundestag und den Bundesrat dann
       passiert, bleibt meist wenig Geld für Investitionen in junge Menschen.
       
       Jüngstes Beispiel ist die längst versprochene Bafög-Reform, bei der sich
       Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Forschungsministerin Dorothee Bär
       (CSU) streiten, wie die im Vergleich zu anderen Vorhaben eher
       kostengünstige Novelle bezahlt werden soll. Ob die [1][längst überfällige
       Anhebung der Bafög-Sätze] für Studierende mit wenig Geld kommt, bleibt
       ungewiss.
       
       Und je mehr sich die demografische Pyramide verschiebt, umso schlechter
       werden die Aussichten für junge Menschen. In einer alternden Gesellschaft
       sind sie ohnehin nur eine schrumpfende Minderheit unter den
       Wahlberechtigten. „Eine Minderheit ohne Minderheitenschutz“, schreibt der
       Dortmunder Soziologe Aladin El-Mafaalani.
       
       Im politischen Diskurs wird mehr über junge Menschen gesprochen als mit
       ihnen. Über Work-Life-Balance und „Lifestyle-Teilzeit“ schimpften zuletzt
       einige Unions-Granden. Allenfalls eine reanimierte Wehrpflicht hat die
       Koalition für die Jugendlichen im Angebot. „Die Gen Z muss endlich
       Verantwortung übernehmen“, klagte der [2][Deutschlandfunk] in einem
       Kommentar zur Frage des Wehrdienstes. Und weiter: „Jeder Wunsch wurde ihnen
       von den Lippen abgelesen, jede Herausforderung abgenommen. In ihrer
       Kindheit drehte sich alles nur um sie.“ Es ist ein Zerrbild, was da medial
       transportiert wird.
       
       ## Jobben neben dem Studium
       
       Die Gen Z arbeitet mehr als Generationen vor ihr, konstatiert die Ökonomin
       und Wirtschaftsweise Monika Schnitzer. Auch ein Blick in die aktuelle
       Sozialerhebung zeigt: Fast zwei von drei Studierenden arbeiten nebenbei, um
       ihre Ausbildung zu finanzieren. Im Schnitt 15 Stunden pro Woche. Auf eine
       50-Stunden-Woche kommen diese Studierenden.
       
       Ohnehin ist die junge Generation arg gebeutelt. Globale Finanzkrise,
       Eurokrise, Coronapandemie, russischer Angriffskrieg, Inflation, Klimakrise.
       Derweil droht der US-Präsident die regelbasierte Weltordnung abzuräumen.
       Wer vor zwanzig Jahren geboren wurde, ist mit der Krise als Dauerzustand
       aufgewachsen.
       
       Es war die junge Generation, die in der Pandemie zugunsten vulnerabler
       Gruppen die größten Entbehrungen auf sich genommen hat. Sie war am
       härtesten von den Lockdowns betroffen. Geschlossene Kitas, Schulen und
       Hochschulen, als die Wirtschaft längst wieder lockerte. Junge Menschen
       haben sich in der Krise solidarisch gezeigt – und zahlen bis heute einen
       hohen Preis dafür, angefangen von Lernrückständen bei den Schüler*innen
       über motorische Defizite und [3][stark angestiegene psychische Erkrankungen
       von Jugendlichen]. Nie wieder dürften die Interessen junger Menschen derart
       vernachlässigt werden, hieß ein Versprechen nach der Coronapandemie. Alles
       längst vergessen?
       
       An den Schulen kriecht der Schimmel die Wände hoch, die Toiletten werden
       auf Elternabenden tunlichst gemieden. In vielen Hörsälen bröckelt der Putz.
       Und manche Campus-Mensen können nur noch eingeschränkt arbeiten, weil sie
       seit Jahrzehnten nicht saniert wurden. Der Sanierungsstau an Kitas, Schulen
       und Hochschulen wird von der KfW-Bank, den Hochschulrektoren und den
       Studierendenwerken [4][mit dreistelligen Milliardenbeträgen] beziffert.
       
       ## Negativbeispiel Berlin
       
       Derweil wird bei Hochschulen und Studierendenwerken gespart. Die Zuschüsse
       für die Studierendenwerke halten seit Jahren mit gestiegenen Preisen und
       Lohnkosten nicht mit, wenn die Länder nicht sogar – wie das Negativbeispiel
       Berlin zeigt – die Mittel für die Studierendenwerke drastisch kürzen.
       
       Das Ergebnis: Die Studierendenwerke müssen vielfach die Mieten, die Preise
       in den Mensen oder die Semesterbeiträge erhöhen – auch wenn das eigentlich
       gegen ihre DNA ist. Das Leben für die Studierenden wird teurer.
       
       Ein zentraler Konsens unserer Gesellschaft lautet: Der Bildungserfolg der
       Kinder darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Ob ich studiere oder
       eine Ausbildung mache, sollte nicht eine Frage des Geldes sein. Doch dieses
       Versprechen wird nicht umgesetzt. An welcher Hochschule ich studiere,
       könnte bald davon abhängen, ob ich mir die Mieten in der Stadt noch leisten
       kann.
       
       Studienabbrüche aus Geldmangel kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten.
       Denn die Studierenden von heute sind die KI-Expert*innen, Ingenieure,
       Lehrkräfte und Ärzt*innen von morgen, die uns sonst fehlen werden.
       
       ## Von wegen sozialer Aufstieg
       
       Die Bundesrepublik ist kein Land mehr, in dem viele den sozialen Aufstieg
       schaffen können. [5][„Deutschland stürzt bei den Aufstiegschancen geradezu
       ab“, erklärte der Ökonom Andreas Peichl von der
       Ludwig-Maximilians-Universität München] anhand neuester Daten. Wenn ich
       mich im Leben aber abstrampeln kann, wie ich will, und trotzdem nicht
       vorwärtskomme, hat das Auswirkungen auf die Demokratie. „Wer sich abgehängt
       fühlt – absolut oder auch nur relativ zur Lage der eigenen Eltern – wählt
       eher populistische Parteien“, so Peichl.
       
       Eine Strickleiter des sozialen Aufstiegs ist das Bafög. Seit seiner
       Einführung 1971 hat es Millionen Menschen ein Studium, sozialen Aufstieg
       und beruflichen Erfolg ermöglicht. „Was wir an den Daten erkennen können:
       In der Gruppe der Personen, die tatsächlich Bafög bekommen haben, ist der
       Einfluss des Elternhauses auf die eigenen Einkommen sehr viel geringer“,
       sagt der Ökonom Peichl. Sicher gehören auch Investitionen in frühkindliche
       Bildung, Schulen, berufliche Bildung und Weiterbildung zu einem Programm
       des sozialen Aufstiegs.
       
       Die Ideen für eine jugendgerechte Politik liegen auf dem Tisch. Die
       schwarz-rote Bundesregierung muss ihre Versprechen umsetzen und das Bafög
       höher, einfacher und digitaler machen. Die Länder müssen das
       [6][Bund-Länder-Programm „Junges Wohnen“] endlich umsetzen, mit dem
       Wohnheime für Studierende und Azubis gebaut werden. Ab 2027 schüttet der
       Bund pro Jahr eine Milliarde Euro dafür an die Länder aus. Und die Länder
       sollten endlich in die soziale Infrastruktur für die Gen Z investieren.
       Dazu gehört es, die Milliarden aus dem Sondervermögen auch in die Sanierung
       von Hochschulen sowie Mensen und Cafeterien zu investieren.
       
       ## Kostenexplosion
       
       Letztlich müssen die Zuschüsse für die Studierendenwerke steigen, damit die
       Studierenden nicht zusätzliche Kosten aufgebürdet bekommen. Ein Beispiel:
       In Niedersachsen ist der Zuschuss des Landes für die sozialen Leistungen
       der Studierendenwerke im vergangenen Vierteljahrhundert lediglich um 3,2
       Prozent nominal gestiegen. Im gleichen Zeitraum wuchs der Landeshaushalt um
       102,7 Prozent und die Studierenden mussten 388 Prozent mehr Beiträge für
       ihr Studierendenwerk berappen, um die gestiegenen Kosten auszugleichen.
       
       Oft hört man, für solche vermeintlichen „Wohltaten“ – ich würde sagen, für
       das soziale Fundament unserer Demokratie – sei kein Geld mehr da. Stimmt
       das? Während auch im internationalen Vergleich Einkommen aus Arbeit recht
       stark besteuert wird, sind wir bei Vermögen und hohen Erbschaften ein
       Niedrigsteuerland. Gleichzeitig hat es der Staat bei der Verfolgung von
       Cum-Ex-Straftaten verblüffend entspannt angehen lassen. So gingen
       Milliarden an Steuergeldern verloren.
       
       Die Jungwähler*innen haben für diese Schieflage ein feines Gespür. Bei
       den Bundestagswahlen hat im akademischen Milieu zuletzt vor allem Die Linke
       gewonnen, bei jungen Männern mit eher niedrigem Bildungsniveau die AfD.
       Während CDU, SPD, Grüne und insbesondere die FDP bei Jungwähler*innen
       sehr schwach abgeschnitten haben. Die Regierungsparteien sollten nicht so
       zukunftsvergessen sein und diesen Trend ignorieren.
       
       10 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Studentin-ueber-Koalitionsversprechen/!6080607
 (DIR) [2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/wehrdienst-bundeswehr-gen-z-kommentar-100.html
 (DIR) [3] /Deutsches-Schulbarometer/!6050642
 (DIR) [4] /Universitaets-Sanierungen-Die-Milliarde-die-niemandem-hilft/!6153437
 (DIR) [5] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/soziale-mobilitaet-deutschland-verliert-bei-aufstiegschancen-an-boden-a-c455920b-cdbd-4f42-ac75-c923aa70562b
 (DIR) [6] /Wohnen-fuer-Studierende/!6110618
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Matthias Anbuhl
       
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