# taz.de -- Auf Spuren einstigen jüdischen Lebens: Straßenschilder der Erinnerung
       
       > Seit dieser Woche weisen Markierungen auf das vernichtete Zentrum des
       > östlichen Judentums im Scheunenviertel in Berlin-Mitte hin.
       
 (IMG) Bild: Der Alte Jüdische Friedhof in der Großen Hamburger Straße
       
       An der Ecke Münzstraße zur Almstadtstraße stehen renovierte Altbauten im
       Wechsel zu Plattenbauten. Im Erdgeschoss der Gebäude warten Pasta-Läden,
       Bekleidungsgeschäfte und Cafés auf Kundschaft. Es schaut nicht danach aus,
       als wäre an dieser Ecke in Berlin-Mitte etwas Besonderes.
       
       Die Almstadtstraße hieß früher einmal anders, nämlich Grenadierstraße. Aber
       wer weiß das schon? Wer ganz genau hinsieht, erkennt an der Hausnummer 18
       ungewöhnliche Schriftzeichen. Aber wer schaut schon so genau hin?
       
       Nichts erinnert daran, dass die Straße einmal ein Zentrum des östlichen
       Judentums war, dass hier das Leben tobte, Zugezogene in Kellergeschäften
       hebräische Bücher verkauften, Betstuben in den Häusern versteckt waren, in
       denen zugleich Familien mit vielen Kindern in äußerster Enge und Armut
       lebten, während draußen auf der Straße die großen Jungs nicht immer ganz
       legale Geschäfte abzuschließen versuchten.
       
       Aber jetzt gibt es eine Erinnerung an diese Zeit vor dem Holocaust. Sie
       hängt an einem eisernen Mast und ähnelt einem Straßenschild. „Hier war die
       Grenadierstraße“, ist da auf Deutsch und Englisch zu lesen, und weiter:
       „ein Ort osteuropäisch-jüdischen Lebens im Berliner Scheunenviertel bis
       1938“. Das Wort „Grenadierstraße“ steht auch auf Jiddisch geschrieben da,
       der Sprache derjenigen, die hier gelebt haben.
       
       ## Nur wenige Stolpersteine zu finden
       
       Zehn Meter weiter ist am Mittwochvormittag ein Partyzelt aufgebaut. Anja
       Siegemund, die Direktorin der [1][Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum
       Judaicum], erinnert an die Geschichte dieses Viertels. Sie spricht vom
       „Leben am Rande“, von Repression, von Pogromen und Vertreibung. Und sie
       weist darauf hin, dass es gerade hier, wo vergleichsweise viele Juden
       lebten – ein Ghetto war das Viertel deshalb aber nicht –, nur wenige
       Stolpersteine zu finden sind. Vielleicht deswegen, weil niemand mehr da
       ist, der sich der Familien erinnert, die einmal hier gelebt haben. „Spurlos
       verschwunden?“, heißt das Projekt.
       
       Das Centrum Judaicum hat mit Unterstützung des [2][Mitte-Museums] das blaue
       Straßenschild aufgestellt. Es ist nicht das einzige. Solche Markierungen
       befinden sich auch in der Gormannstraße, der Rosenthaler Straße, der
       Mulackstraße und an weiteren Orten in der Spandauer Vorstadt.
       
       In diese dünn besiedelte Gegend außerhalb der damaligen Stadtgrenzen zogen
       ab dem 17. Jahrhundert die ersten jüdischen Familien, hier entstand ein
       erstes Zentrum von deutsch-jüdischem Bürgertum mit der Großen Synagoge im
       Zentrum. Einen kleinen Teil der Spandauer Vorstadt nannte man
       [3][Scheunenviertel]. Es wurde zum Anlaufpunkt für Juden auf der Flucht vor
       den Pogromen in Russland. Viele von ihnen hatten auf ein neues Leben in
       Amerika gehofft und waren in Berlin hängengeblieben. Es ging nicht mehr
       vorwärts, also blieb man. Und litt unter der Umgebung. Schon 1923 gab es
       ein erstes Pogrom.
       
       Das alles lässt sich in Büchern nachlesen. Man kann aber auch einfach den
       QR-Code an den neuen blauen Straßenschildern mit dem Handy einscannen oder
       [4][jewishmitteberlin.de] in den heimischen Computer tippen. Und auf dem
       Bildschirm eröffnet sich eine untergegangene Welt, die sich immer weiter
       verzweigt, die Geschichten erzählt und über Biografien von Menschen
       berichtet.
       
       ## Den Spuren einmal quer durchs Viertel folgen
       
       Mascha Kaléko zum Beispiel, die bekannte Dichterin, ursprünglich aus
       Galizien stammend, hat mehr als zehn Jahre mit ihren Eltern und drei
       Geschwistern in Grenadierstraße gewohnt, genauer in der Nummer 17, was
       heute die Almstadtstraße 21 ist. Ja, man kann dank einer virtuellen Karte
       auf dem Handy Kalékos Spuren einmal quer durch das Viertel folgen, so wie
       der Spuren anderer Jüdinnen und Juden.
       
       Das macht die Menschen nicht mehr lebendig, die im günstigsten Fall von den
       Nazis vertrieben worden sind, im ungünstigen aber in einem
       Vernichtungslager endeten. Aber es bringt ins Bewusstsein, dass dort einmal
       Menschen lebten, die es heute als unangepasste Zuwanderer mit fehlenden
       Deutschkenntnissen auch nicht immer leicht hätten. Die Gedanken gehen auch
       an die bürgerlichen deutschen Juden in den anderen Straßen der
       [5][Spandauer Vorstadt] zurück, von denen manche auf ihre Brüder und
       Schwestern im Osten ein wenig herabsahen.
       
       Und die blauen Schilder stehen für noch etwas, sagt Jess Earle vom Centrum
       Judaicum, der das Projekt vorangetrieben hat. Nämlich für jüdisches Leben
       heute. Er berichtet, dass die Markierungen erst am Mittwochmorgen
       angebracht worden sind, aus Angst vor Zerstörungen durch Antisemiten. „Aber
       wenn die Schilder zerstört werden, stellen wir sie wieder auf“, verspricht
       er.
       
       13 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://centrumjudaicum.de/
 (DIR) [2] https://www.mittemuseum.de/
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Scheunenviertel
 (DIR) [4] https://jewishmitteberlin.de/
 (DIR) [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Spandauer_Vorstadt
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Hillenbrand
       
       ## TAGS
       
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