# taz.de -- Rassismus im Hamburger Amt für Migration: Mitarbeiterin hält Gewalt gegen Frauen für „importiert“
> In einer Schulung soll eine Behördenmitarbeiterin Gewalt gegen Frauen auf
> die Herkunft zurückgeführt haben. Frauenhäuser werfen dem Amt
> Verharmlosung vor.
(IMG) Bild: Wo rassistische Äußerungen als Debattenbeiträge gelten: Hamburger Amt für Migration
Um „Problemlagen zwischen den Frauenhäusern und dem Amt für Migration“
sollte es im Amt für Migration in der Hammer Straße gehen. Bei der Schulung
im vergangenen Oktober sollten die [1][Hamburger Frauenhäuser] ihre Arbeit
vorstellen. „Bestehende Schnittstellen und Herausforderungen in der
Zusammenarbeit“ sollten beleuchtet werden. Nicht geplant war allerdings,
dass die Herausforderungen sich live vor Ort auftun würden.
Während einer Diskussionsrunde soll eine Mitarbeiterin des Amtes sich
wiederholt rassistisch geäußert haben. Sie habe häusliche Gewalt mit der
Herkunft von Menschen in Verbindung gebracht und Gewalt bei von ihr als
„Bio-Deutsche“ bezeichneten Personen als Einzelfälle dargestellt, sagt
Hanife Azcan, Mitarbeiterin in einem Hamburger Frauenhaus. Sie hat an der
Schulung im Oktober teilgenommen, zusammen mit drei Kolleg:innen von
Hamburger Frauenhäusern und über zehn Mitarbeiter:innen des Amtes für
Migration. Es seien Worte wie „importierte Gewalt“ gefallen, so Azcan.
Kolleg:innen aus den Frauenhäusern sowie einige Mitarbeiter:innen
des Amtes für Migration hätten darauf hingewiesen, dass erwiesenermaßen
[2][nicht die Herkunft], sondern [3][patriarchale Gewalt ursächlich] ist
und häusliche Gewalt unabhängig von der Herkunft vorkommt. Die
Mitarbeiterin habe sich jedoch nicht einsichtig gezeigt; die Diskussion
habe sich fortgesetzt.
Organisiert hatten die Veranstaltung die Hamburger autonomen Frauenhäusern
und die [4][24/7-Notaufnahme] der Hamburger Frauenhäuser. Es war die zweite
Schulung in dieser Reihe. Im Mittelpunkt standen die spezifischen
Problemlagen gewaltbetroffener Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte,
die sich unter anderem aus restriktiven aufenthaltsrechtlichen Regelungen
und struktureller Diskriminierung ergeben.
Es sei darum gegangen, über die Arbeit der Frauenhäuser aufzuklären und für
einen sensiblen Umgang mit entsprechenden Situationen zu werben, sagt
Nicole Grieße, Mitarbeiterin eines Hamburger Frauenhauses, der taz. Sie
selbst war an dem Tag nicht anwesend, hat aber mit den anwesenden
Kolleg:innen gesprochen. „Seit dem Vorfall ist das Projekt erst einmal
auf Eis gelegt“, so Grieße.
Danach wandten sich die Frauenhäuser mit einem Brief an das Amt für
Migration, welcher der taz vorliegt. Die Aussagen der Mitarbeiter:in
reproduzierten pauschale Schuldzuweisungen gegenüber Personen mit
Migrationsgeschichte und widersprächen dem professionellen Anspruch,
besonders schutzbedürftige Personen zu unterstützen, heißt es darin.
Gefordert wurden eine Stellungnahme, eine Entschuldigung sowie
„verbindliche rassismuskritische und diversitätssensible
Qualifizierungsmaßnahmen“ für die Mitarbeitenden.
In der Antwort des Amtes, die der taz vorliegt, heißt es, der Vorfall werde
ernst genommen. Die Mitarbeiterin räume ein, Fragen gestellt zu haben, die
„geeignet sind, kontrovers diskutiert zu werden“. Sie bedauere, dass ihre
Aussagen als diskriminierend aufgefasst worden seien; dies sei nicht ihre
Absicht gewesen.
„Schulungsveranstaltungen können und sollten sogar ein Ort der Debatte sein
dürfen“, schreibt die Behörde. Qualifizierungsmaßnahmen in Sachen
Diversität bestünden bereits. Eine ausdrückliche Entschuldigung oder eine
klare Benennung des rassistischen Gehalts der zitierten Aussagen enthält
das Schreiben jedoch nicht. Vielmehr wird von einem Missverständnis
gesprochen.
Gegenüber der taz erklärte das Amt für Migration, es könne nicht
bestätigen, dass die zitierten Äußerungen gefallen seien. Zugleich räumte
die Behörde auf Nachfrage ein, dass es keine Zeug:innenbefragungen
zur Aufklärung des Gesagten gegeben habe; solche seien ausschließlich im
Rahmen disziplinarrechtlicher Verfahren vorgesehen. Ein solches Verfahren
habe jedoch nicht stattgefunden.
In einem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten habe die Mitarbeiterin
zugesichert, künftig klarer und zurückhaltender zu formulieren. Sie sei
davon ausgegangen, dass die Diskussion in einem geschützten Rahmen
stattfinde, in dem auch kontroverse Themen angesprochen werden dürften.
## Behörde hat rassistischen Gehalt „nicht anerkannt“
Die Hamburger Frauenhäuser sehen den Vorfall durch die Antwort der Behörde
relativiert. Der rassistische Gehalt der Aussagen sei nicht anerkannt
worden. Mit einer sachlichen Debatte oder „kontroversen Positionen“ habe
dies nichts zu tun, so Grieße. Die Äußerungen seien pauschalisierend und
stigmatisierend. Gerade ein Amt für Migration trage eine besondere
Verantwortung im Umgang mit vulnerablen Gruppen. Ein respektvoller und
diskriminierungssensibler Kontext sei hier besonders wichtig.
„Wenn Menschen dort arbeiten, die ein entsprechendes Weltbild vertreten und
zugleich Entscheidungsmacht innehaben, ist es mehr als angebracht, dass
diese Haltungen kontinuierlich reflektiert werden“, so Grieße. Auffällig
sei gewesen, dass die Mitarbeiterin auch nach Hinweisen auf die Wirkung
ihrer Aussagen keine Einsicht gezeigt habe.
Azcan und eine weitere Mitarbeiterin mit Migrationsgeschichte hätten
reagiert und persönliche Erfahrungen geteilt, um die Vielschichtigkeit von
Gewalt und Diskriminierung zu verdeutlichen – ebenfalls ohne erkennbare
Einsicht bei der Mitarbeiterin. „Sie beharrte auf ihre Positionen“, so
Azcan.
Der Vorfall fügt sich in ein größeres Bild ein. [5][Erst vergangene Woche
veröffentlichte das Bundesinnenministerium eine Studie, die
institutionellen Rassismus] in allen untersuchten Institutionen nachweist
und zudem erhebliche Defizite bei unabhängigen Beschwerdestellen
kritisiert.
3 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Frauenhaeuser-in-Hamburg/!5931906
(DIR) [2] /Mahnwache-nach-Femizid-in-Hamburg/!6155980
(DIR) [3] /Femizide-in-Deutschland/!6074222
(DIR) [4] https://hamburgerfrauenhaeuser.de/startseite/kontakt/247-notaufnahme-der-hamburger-frauenhaeuser
(DIR) [5] /Rassismus-in-Behoerden/!6155659
## AUTOREN
(DIR) Marie Dürr
## TAGS
(DIR) Migration
(DIR) Immigration
(DIR) Gewalt gegen Frauen
(DIR) Patriarchat
(DIR) Sexualisierte Gewalt
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
(DIR) Hamburg
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Thüringen
(DIR) Hamburg
(DIR) Hamburg
(DIR) Behörden
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Urteil nach Schüssen in Thüringen: Rassismus nicht nachweisbar
Vor einem Jahr schossen zwei Männer mit Gummi-Munition auf internationale
Studierende. Die Nebenkläger sind froh, dass der Prozess vorbei ist.
(DIR) Hürden bei der Einbürgerung in Hamburg: Das lange Warten, um Deutscher zu werden
Der Weg zum deutschen Pass ist holprig. Wer geschafft hat, die diversen
Anforderungen zu erfüllen, muss bis zur Antwort noch über ein Jahr warten.
(DIR) 20 Jahre Mahnwache vor Ausländerbehörde: „Sie sind ja immer noch hier“
Am Donnerstag feierten Aktivist*innen das 20jährige Bestehen der
Mahnwache vor der Hamburger Ausländerbehörde. Just zum Jubiläum kam die
Polizei.
(DIR) Bericht über Mängel in der Verwaltung: Gekniffen sind die Leute in prekären Verhältnissen
Der „Monitor Verwaltungshandeln“ deckt Behördenmängel in Hamburg auf.
Probleme gibt es vor allem bei Asylbewerberleistungen und im Jobcenter.