# taz.de -- Dokumentarfilm „Bucks Harbor“: Das ist eine Männerwelt
       
       > Der amerikanische Dokumentarfilm „Bucks Harbor“ von Pete Muller begleitet
       > Fischer in Maine. Ihre raue Schale müssen sie sich oft zulegen.
       
 (IMG) Bild: Von der See zerfurcht: einer der Fischer in „Bucks Harbor“
       
       Auf welchem Fleck Erde man geboren wird, bestimmt fast immer den Großteil
       eines Lebenslaufs. Wenn dieser Fleck Erde „Bucks Harbor“ heißt und in
       Downeast Maine liegt, an der zerklüfteten Atlantikküste der USA, stehen die
       Chancen hoch, dass man sich den Lebensunterhalt mit Fischfang oder einer
       damit verbundenen Tätigkeit verdienen wird. An diesem überwältigend
       schönen, abgelegenen Ort kämpfen sich die Menschen seit Generationen durch
       die eisigen Winter, um Hummer zu fangen und bei Ebbe Muscheln aus dem
       Schlamm zu graben: eine harte Arbeit, der überwiegend Männer nachgehen.
       
       2021 begann die lange dokumentarische Reise des Regisseurs Pete Muller,
       nachdem er 15 Jahre in Kriegsgebieten im Nahen Osten und Afrika als
       Fotograf unterwegs war. Zusammen mit dem Kameramann Nathan Golon geht es
       Muller in „Bucks Harbor“ allerdings um viel mehr als nur Fischerei: Was
       bedeutet es, „stark“ zu sein in einer Gesellschaft, in der von Männern
       erwartet wird, dass sie die ihnen vorgeschriebene Rolle spielen, wie auch
       ihre Väter und Großväter es taten? Muss man immer eine „harte Schale“ – wie
       die Hummer – haben, um in einer kleinen Gemeinschaft akzeptiert zu werden?
       Wie früh wird ein Kind zum Mann?
       
       Fünf Jahre lang baute Muller die Beziehungen zu seinen Protagonisten auf,
       heute bezeichnet er sie als eine erweiterte Familie. Die Kamera spielte zu
       Beginn keine Rolle, das „Casting“ war ein natürlicher Annäherungsprozess
       zwischen den Bewohnern von Bucks Harbor und dem Filmteam. Diese Intimität
       merkt man. Einer der raueren, älteren Fischer erzählt hemmungslos von einer
       wilden Schlägerei mit einem Polizisten 30 Jahre früher. In seinem Wohnwagen
       bewahrt er immer noch die massive Metalltaschenlampe auf, mit der er damals
       zuschlug.
       
       Später, auf See, gibt der zerknitterte, bärtige Fischer preis, dass
       [1][sein Vater ihn ständig verprügelte], völlig ohne Grund, zum Beispiel
       weil er lesen gelernt hatte. Der tiefe Dialog, der hier entsteht, ist nicht
       vergleichbar mit einem traditionellen Interview. Man spürt den
       gegenseitigen Respekt zwischen dem Menschen vor und hinter der Kamera.
       
       ## Nach Feierabend in Frauenkleidern
       
       Eine andere Hauptfigur, ein Mann um die fünfzig, der tagsüber Hummerfallen
       baut und verkauft, zieht nach Feierabend Frauenkleider an, schminkt sich
       und bedient seine [2][Tiktok-Community] mit Playback-Songs. Seine Frau
       fände es nicht doll, aber ein Scheidungsdrama scheint sich deswegen nicht
       anzubahnen.
       
       Die Natur ist in malerischen, mal weiten, mal sehr nahen Bildern
       festgehalten, der Rhythmus zwischen ruhigen und bewegten Einstellungen
       gewandt dosiert. Die Jahreszeiten und ihre Unterschiede bestimmen auch das
       Handeln – sogar das Überleben – der Menschen. „Du kannst den Ozean lieben,
       er liebt dich aber nicht zurück“, sagt eine weitere zentrale Figur im Film,
       nachdem diese den hundertsten Sturm überstanden hat.
       
       Ein wiederkehrendes Leitmotiv sind spektakuläre Nahaufnahmen von Hummern,
       die manchmal aussehen wie „Wasserdinosaurier“. Dem Wissenschaftsfotografen
       Mark Unger ist es gelungen, die seltene Häutung des Hummers zu filmen: Um
       zu überleben, müssen die Tiere den zu klein gewordenen Panzer wechseln.
       
       18 Feb 2026
       
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