# taz.de -- Der eigene Vater – eine Retrospektive: Geschlagen hat er mich nie
       
       > Mein Vater trotzte als Kapitän den Meeren. Ich bewunderte und fürchtete
       > ihn zugleich. Als ich selbst Vater wurde, wollte ich vieles anders
       > machen.
       
 (IMG) Bild: 1960 mit 18 Jahren, noch ohne Muskeln: der Vater von taz-Redakteur Gunnar Hinck als Seemann
       
       Als ich ein kleiner Junge war, dachte ich, männlich zu sein heißt:
       [1][Sechs Autos am Stück auf einer Landstraße zu überholen] und
       einzuscheren, kurz bevor der Lkw naht. Auf dem Klo [2][Zigarette zu
       rauchen] und Zeitung zu lesen. Auf die Straße zu spucken, in dieser
       gezielten, schussartigen Version. Oberarme wie Baumstämme und kräftige
       Hände zu haben, die durch körperliche Arbeit entstehen und nicht im
       Fitnessstudio. Mit Daumen und Zeigefinger im Mund laut zu pfeifen. Einen
       tollen Beruf zu haben, der einen an ferne Orte wie Klaipėda, Tasmanien, Kap
       Hoorn, Abidjan, Kuba und San Francisco führt, die ich nur aus dem
       Schulatlas kannte.
       
       Mein kindliches Männlichkeitsbild hatte ich natürlich von meinem Vater. Der
       wurde von seinem Vater als kleiner Junge immer wieder verprügelt, also ging
       er mit 15 einfach fort und fuhr zur See, was er – mit kurzen
       Unterbrechungen – die nächsten 50 Jahre tun sollte. Erst Schiffsjunge, dann
       Matrose, schließlich Steuermann, später Kapitän.
       
       Die Seefahrt war früher – nach altem, überkommenem Männlichkeitsverständnis
       – einer der männlichsten Berufe. Straffe Hierarchien, seltsame Rituale,
       keine Frauen an Bord. Ein rauer Umgangston: „Gib das Scheißseil her“ statt
       „Könntest du mir mal bitte das Seil rüberreichen?“. Einmal gerieten sie im
       Ärmelkanal vor England in Seenot, weil mitten in einem Orkan im
       Maschinenraum ein Feuer ausbrach. Ein paar Tage später saß er zu Hause mit
       mir am Küchentisch und zeigte Fotos von verkohlten toten Rindern, [3][die
       im Hamburger Hafen mit einem Kran] aus dem Schiffsbauch geholt wurden. Es
       waren irische Rinder, die lebend nach Deutschland gebracht werden sollten.
       Darüber, ob er selbst Angst gehabt hatte, sprach er nicht.
       
       Ich bewunderte ihn für seinen Beruf und seine Art, die ihn abhob von
       anderen Vätern. In einer Silvesternacht, ich war so sechs oder sieben Jahre
       alt, fummelten auf dem Gehweg viele Väter mit ihren Kindern mit Böllern
       herum. Da marschierte mein Vater mit einer großen Pistole aus der Garage
       und gab einen einzigen, infernalischen Schuss in den Himmel ab. Es war eine
       Signalrakete vom Schiff, die minutenlang die Siedlung taghell erleuchtete.
       Alle andere Kinder reckten ihren Kopf in Richtung Himmel und interessierten
       sich nicht mehr für ihre Böller von Edeka. Sogar meine Fußballkumpels
       hatten Respekt vor ihm, sie zuckten zusammen, wenn er laut wurde, weil es
       beim Beladen des Autos auf dem Weg zum Auswärts-Fußballspiel nicht schnell
       genug ging.
       
       ## Das Damenrad und der Sperrmüll
       
       Ich bewunderte ihn für seine Zähigkeit und seinen unwahrscheinlichen
       Aufstieg mit neun Jahren Volksschule (heute: Hauptschule) im Hintergrund.
       Mit über 30 Jahren drückte er noch die Seefahrtschulbank, um Kapitän zu
       werden, paukte Physik, Astronomie, Meteorologie und Nautik.
       
       Zugleich fürchtete ich ihn. Er war ein körperlicher Typ mit einer rauen,
       tiefen Stimme, die sehr laut werden konnte, wenn er wütend war. Früher habe
       ich nicht verstanden, woher diese Wut kam. Später, als ich seine eigene
       Familiengeschichte kannte, verstand ich sie.
       
       Geschlagen hat er mich nie, nur einmal gab es eine Ohrfeige, aber da war
       ich schon 18, das zählt nicht richtig. An der Universität lernte ich
       Professoren- und Lehrersöhne kennen, die von ihren Vätern regelmäßig
       geschlagen worden waren. Da lernte ich: Die bürgerliche Fassade ist eben
       nur Fassade.
       
       Als ich älter wurde, distanzierte ich mich von dieser speziellen
       Männerwelt. Mit 12 Jahren ging ich nicht mehr zum Fußballtraining und schob
       umfangreiche Verpflichtungen der Schule vor – das zog immer, weil meine
       Eltern Respekt vor dem Wort „Gymnasium“ hatten. Mit ihm im irgendwie immer
       eiskalten Volksparkstadion sitzen, [4][um HSV zu gucken], Boxkämpfe, Formel
       1 und natürlich Fußball sehen im TV, stundenlang am Auto herumschrauben,
       ständig am Reihenhaus herumwerkeln – die Freizeit-Vater-Welt nervte mich
       zunehmend. Ich vergrub mich in Bücher, hörte Blur und Nirvana, fuhr ein
       altes Damenfahrrad und ließ mir die Haare lang wachsen, als ich 16 war.
       
       Das mit den Büchern nahm er mit Humor. Manchmal lugte er in mein Zimmer und
       rief: „Na, alles klar, Herr Professor?“ Das mit dem Damenfahrrad nahm er
       hingegen ernst. Eines Tages war es verschwunden – von ihm auf den Sperrmüll
       geworfen. Ich war verletzt und sehr wütend, aber wo soll die Wut hin, wenn
       man einen scheinbar übermächtigen Vater hat, der Stürme bezwang und vor dem
       alle Respekt hatten?
       
       ## Über seine eigene Kindheit redete er nie
       
       Vieles war für ihn „weibisch“ – das Damenfahrrad, meine
       Bundeswehr-Verweigerung nach der Schule. Erst später begriff ich, wie
       frauenfeindlich und bescheuert dieses „weibisch“ ist. Dinge und
       Entscheidungen waren für ihn nicht einfach nur „weiblich“ – was an sich
       schon absurd ist –, sondern für einen Mann vollkommen inakzeptabel, und
       damit es auch jeder merkt, wird ein Begriff benutzt, der Frauen abwertet.
       
       Was eine Verbindung zwischen uns war, die ich erst viel später verstand:
       [5][Söhne autoritärer Väter lehnen sich nun mal gegen ihre Väter auf], auch
       wenn die Gründe bei uns unterschiedlich waren. Über seine eigene Kindheit
       redete er nie, auf Nachfragen reagierte er barsch. Dabei weiß ich von
       meiner Mutter und einem seiner drei Brüder: Er war der Unangepasste. Der,
       wie man früher sagte, „Freche“, der „nicht auf den Vater hören“ wollte. Vor
       dem Hintergrund hätte ich es mir gewünscht, dass er mein Damenfahrrad
       akzeptiert hätte.
       
       Einmal, ich war 14 Jahre alt, war meine Mutter nach einem Ehestreit für ein
       paar Tage verschwunden, [6][Handys gab es noch nicht]. Aber mein Vater,
       meine große Schwester und ich wussten, wo sie war und ließen sie in Ruhe.
       Nachmittags fuhr mein Vater mit mir ziellos durch die Gegend, so, als ob er
       mit mir nichts anzufangen wusste, aber gleichzeitig mit mir Zeit verbringen
       wollte. Quality Time war bei uns größtenteils Muttersache.
       
       Wir hielten an einem Gasthof an, um zu essen, ich bestellte Camembert mit
       Toast und Preiselbeermarmelade. Er war an diesen wenigen Tagen ganz anders
       als sonst, irgendwie weicher. Bis heute mag ich Camembert mit Toast und
       Preiselbeermarmelade.
       
       ## Als das Zeltaufbauen nicht klappt, läuft der Schweiß
       
       Als ich selbst Vater eines Sohns wurde, wollte ich natürlich vieles anders
       machen als mein Vater. Mehr Zeit miteinander verbringen, spielen, für ihn
       kochen, sich kümmern. Ich verbrachte Urlaube allein mit meinem Sohn. Seine
       Mutter, meine Partnerin, fand das gut. Der Klassiker: Was man selbst nicht
       gehabt hat als Kind, will man bei seinen eigenen Kindern nachholen.
       
       Bei einem gemeinsamen Campingurlaub bekam ich einmal das Zelt nicht
       aufgebaut. Ich bekam Schweißausbrüche und fühlte mich wie ein Versager,
       irgendwie unmännlich, dass ich das Problem nicht gelöst bekam. Was denkt
       mein Sohn über mich? Imaginär spürte ich auch meinen Vater im Nacken, der
       sich über meine Situation lustig macht. Irgendwann stand das Zelt dann
       doch.
       
       Und auch das ist der Klassiker: [7][Natürlich steckt mehr im eigenen Vater,
       als man glaubt]. Heute ist mein eigener Sohn 19 Jahre alt. Zeit für eine
       Selbstbefragung. Habe ich mich manchmal unnötig aufgeregt, wenn irgendetwas
       kaputtging (wie mein Vater es auch tat)? War ich manchmal zu streng, gerade
       beim Thema Schule? Ich erinnere mich, wie gestresst ich war, wenn es nicht
       so klappte, wie ich es mir vorstellte. Heute wäre ich gelassener; es ist
       doch später im Leben völlig egal, ob irgendwelche Hausaufgaben in der
       sechsten Klasse gemacht wurden oder nicht. Manchmal frage ich mich, ob ich
       ein besserer Vater als mein eigener Vater war. Das alte Konkurrenzdenken.
       
       Einmal, ich war schon Ende zwanzig, tauchte mein Vater bei meinem ersten
       festen Job in einer Zeitungsredaktion auf. Ich hatte ihn gebeten,
       irgendwann mal nach meinem kaputten Auto zu schauen, das auf dem
       Verlagsparkplatz stand. Da stand er plötzlich im Großraum mit
       ölverschmierten Händen und rief durch das Geklackere der Computertastaturen
       hindurch halb empört, halb triumphierend, weil er den Fehler gefunden
       hatte: „Deine Lichtmaschine ist kaputt!“ Die anderen Redakteure reckten
       neugierig die Hälse. Mir war es peinlich. Heute bin ich mir sicher: Das war
       seine Art, seine Zuneigung auszudrücken. Er starb im vorigen Jahr mit 84
       Jahren. Man muss verstehen, woher die eigenen Eltern kommen.
       
       12 May 2026
       
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