# taz.de -- Debatte um Wim Wenders' Aussage: Wie politisch darf die Berlinale sein?
       
       > Im Umgang mit Politik zeigt die Berlinale sich seit Jahren
       > unentschlossen. Gerade wenn es um Gaza geht. Dabei wäre eine klare
       > Position möglich.
       
 (IMG) Bild: Eigentlich geht es bei einem Filmfestival um Filme, doch gelegentlich verschiebt sich der Fokus
       
       Es sind oft nicht die Filme, die [1][auf der Berlinale] für die größten
       Kontroversen sorgen, sondern die Sätze dazwischen. Einer davon fiel auf der
       Auftaktpressekonferenz der Internationalen Jury. Auf eine Frage des
       Journalisten Tilo Jung zum Nahostkonflikt und zur Rolle des Festivals
       antwortete Jurypräsident Wim Wenders: „Wir müssen uns aus der Politik
       heraushalten.“
       
       Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. [2][Die indische Autorin
       Arundhati Roy sagte ihre Teilnahme am Festival ab] und kritisierte die
       Vorstellung, Kunst könne oder solle unpolitisch sein. Und wieder rutscht
       hier eine Debatte ins Zentrum, die die Berlinale seit Beginn des
       Gazakrieges im Herbst 2023 begleitet: Wie politisch darf ein Filmfestival
       sein?
       
       Neu ist dieser Konflikt nicht. Politische Kontroversen entstehen beim
       Berliner Filmfestival meist punktuell. Die Preisverleihung 2024 wurde zu
       einem solchen Moment. Als der Dokumentarfilm [3][„No Other Land“]
       ausgezeichnet wurde und der israelische Filmemacher Yuval Abraham von
       „Apartheid“ sprach und der US-Filmemacher Ben Russell Israels Vorgehen im
       Gazastreifen als Genozid bezeichnete, verschob sich der Fokus vom Kino auf
       die Bühne selbst. Applaus im Saal, politische Distanzierungen im Nachhinein
       und der Vorwurf einer einseitigen Positionierung machten das Festival zum
       politischen Streitfall.
       
       Auch andere Entscheidungen wurden zuletzt politisch gelesen – etwa die
       Debatte über die [4][Einladung von AfD-Politikern] zur Festivaleröffnung
       oder Kritik an Kommunikation und Leitung des Festivals. Seit dem Gazakrieg
       kehrt die Diskussion damit immer wieder zurück. Dann geht es weniger um
       einzelne Filme als um die Frage, welche politische Bühne die Berlinale
       bietet – und wie sie mit ihr umgeht.
       
       ## „Schaufenster der freien Welt“
       
       Dass solche Konflikte immer wieder auftreten, hat auch mit der Geschichte
       des Festivals zu tun. Die Berlinale entstand 1951 im Kalten Krieg als
       kulturelles „Schaufenster der freien Welt“. Kultur und Politik waren hier
       von Anfang an eng miteinander verbunden. Heute zeigt sich dieser
       Zusammenhang anders: Weil das Festival öffentlich finanziert wird, wächst
       der Druck, Neutralität zu wahren. Öffentliche Kulturförderung ist jedoch
       nie vollständig neutral, sondern Teil staatlicher Kulturpolitik und
       gesellschaftlicher Selbstverständigung. Verständlich ist der Wunsch nach
       Zurückhaltung – realistisch jedoch kaum.
       
       Kultur wirkt in solchen Momenten wie ein Seismograf gesellschaftlicher
       Spannungen. Filme, Literatur oder Theater entstehen aus den politischen und
       sozialen Bedingungen ihrer Zeit und machen sichtbar, was in einer
       Gesellschaft ohnehin verhandelt wird. Wenn Konflikte eskalieren, wird auch
       Kultur konfliktreicher. Die wiederkehrenden Debatten über die Berlinale
       sind deshalb kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck derselben Spannungen,
       die sich auch anderswo zeigen.
       
       Die Berlinale steht damit vor einem strukturellen Dilemma. Einerseits soll
       sie ein Raum der Kunstfreiheit sein, andererseits wird sie als öffentlich
       finanzierte Institution politisch bewertet. Wenn Filmschaffende auf der
       Bühne sprechen, verschwimmen die Grenzen zwischen individueller Meinung,
       kulturellem Ausdruck und institutioneller Verantwortung.
       
       ## Zwischen Freiheit und Distanz
       
       Das eigentliche Problem ist dabei nicht, dass politische Aussagen gemacht
       werden, sondern wie das Festival mit ihnen umgeht. Die Berlinale wirkt in
       solchen Momenten unentschlossen: Mal betont die Leitung die Freiheit der
       Kunst, mal versucht sie, sich von politischen Äußerungen zu distanzieren.
       Diese Unklarheit verstärkt den Eindruck, das Festival reagiere auf
       Konflikte defensiv, statt eine eigene Rolle im Umgang damit zu definieren.
       
       Dabei wäre eine klarere Position durchaus möglich: Ein Festival kann
       politisch sein, ohne parteipolitisch zu werden. Es kann Meinungsvielfalt
       ermöglichen, ohne jede Aussage zu seiner eigenen zu machen. Es kann
       Konflikte sichtbar machen, ohne den Anspruch zu haben, sie zu lösen.
       
       Gerade ein internationales Festival sollte widersprüchliche Stimmen
       zulassen, auch zum Nahostkonflikt. Die Forderung, Politik aus der Kultur
       herauszuhalten, klingt nach Ruhe, widerspricht aber der Geschichte des
       Kinos und der Berlinale selbst. Filmfestivals sind Teil der Öffentlichkeit,
       und Öffentlichkeit ist immer politisch. Vielleicht liegt genau darin die
       Aufgabe der Berlinale: nicht unpolitisch zu sein, sondern politisch genug,
       um Vielfalt auszuhalten.
       
       15 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Berlinale-Absage-von-Arundhati-Roy/!6154789
 (DIR) [3] /Dokumentarfilm-No-Other-Land/!6055395
 (DIR) [4] /Die-Berlinale-und-die-AfD/!5988645
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Derya Türkmen
       
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