# taz.de -- Der Hausbesuch: Die Pistole lag auf dem Boden
       
       > Es braucht ein Thema, das Liebende zusammenschweißt. Bei Katharina
       > Oguntoye und Carolyn Gammon ist es der Kampf gegen Ausgrenzung und
       > Rassismus.
       
 (IMG) Bild: „Sie wollte für zwei Wochen kommen und blieb 30 Jahre“: Katharina Oguntoye über Partnerin Carolyn Gammon
       
       Die Liebe ist ein Wunder. Aber das Leben auch. Wenn das Schicksal es gut
       meint, wird beides in vollen Zügen genossen.
       
       Draußen: Stromausfall, Wetterwarnung, Schneesturm über Berlin. Die Wege
       sind vereist. Auch in der [1][Audre-Lorde-Straße] in Kreuzberg, wo
       Katharina Oguntoye und Carolyn Gammon in einer Parterrewohnung wohnen. Der
       Straßenname erinnert an die 1992 verstorbene afroamerikanische Aktivistin
       und Dichterin, mit der das Paar befreundet war. Auf die grüne Fassade ihres
       Hauses sind Blumen gemalt, ein Transparent verkündet: „Keine Luxuswohnung“.
       Es war eines der ersten von Frauen besetzten Häuser, erzählen sie. Damals,
       in den neunziger Jahren. Durch die Fenster ohne Vorhänge sind Carolyn
       Gammon – beim Backen – und Katharina Oguntoye – beim Lesen – zu sehen.
       
       Drinnen: Ein Treppenlift verbindet die Wohnküche mit dem Rest der Wohnung –
       seit 2021 nutzt Oguntoye einen Rollstuhl. Das Paar zeigt die gesammelten
       Werke lesbischer und queerer Künstler*innen, darunter: ein Porträt von
       Audre Lorde und ein Bild des kanadischen Künstlerpaares Lucy Jarvis und
       Helen Weld. Auch sie selbst sind auf einem Foto zu sehen, aufgenommen von
       ihrer Freund*in, der nonbinären US-Fotograf*in Del LaGrace Volcano. Auf den
       Schränken liegen Fußbälle aus aller Welt.
       
       Die Sportlerin: „Ich bin hier die ehemalige Sportlerin“, sagt Carolyn
       Gammon. Sie war einst Vierte der Welt im Gewichtheben. Elf Jahre lang
       spielte sie außerdem Feldhockey, Speerwerfen gehörte ebenfalls zu ihren
       Disziplinen. Während sie erzählt, zieht sie die duftenden Scones aus dem
       Ofen und zeigt, wie man sie „richtig“ isst: mit den Händen in der Mitte
       teilen, Butter darauf, dann Marmelade. „Meine Vorfahren kommen aus
       Schottland“, sagt Gammon. Sie selbst wurde 1959 in Kanada geboren.
       
       Die Autorin und Aktivistin: Im selben Jahr kam Katharina Oguntoye in
       Zwickau zur Welt. Sie wuchs in Leipzig, Heidelberg und Nigeria auf, wo ihr
       Vater geboren wurde. Seit den Achtzigerjahren lebt die Historikerin,
       Autorin und Aktivistin in Berlin. [2][Dort baute sie den Verein „Joliba“
       für afrikanische, afrodeutsche und afroamerikanische Familien auf]. Für ihr
       Engagement erhielt sie 2022 das Bundesverdienstkreuz, das in ihrem Zimmer
       hängt. 1986 veröffentlichte sie gemeinsam mit May Ayim und Dagmar Schultz
       das Buch „Farbe bekennen“, das hierzulande als Klassiker der afrodeutschen
       Bewegung gilt.
       
       Die erste Begegnung: Oguntoye war mit dem Buch „Farbe bekennen“ beim
       feministischen Bookfair in Montreal eingeladen. Gammon schrieb damals
       Sexgedichte. „Carolyn hat vom Frühstück bis zum Abendessen nur über Sex
       geredet“, sagt Oguntoye; beide lachen. Gammon bot eine
       Übernachtungsmöglichkeit für Messegäste und so kam Oguntoye zu ihr.
       
       Die Pistole auf dem Boden: „Unser echtes gemeinsames Leben begann mit einer
       Pistole auf dem Boden“, erzählt Gammon und zeigt ein Foto aus dem
       Dokumentationsbuch der Lesbischen Woche zum Thema Sex 1991 in Berlin. Wurde
       etwas Rassistisches gesagt, wurde damit in die Luft geschossen. Oguntoye
       hatte bei der Vorbereitung an Gammons Gedichte gedacht, die sie in Kanada
       gehört hatte, und sie eingeladen. Zunächst sagte Gammon ab, sie hatte
       gerade ihren ersten großen Job. „Nach zehn Tagen wurde ich gefeuert, als
       Lesbe“, erzählt Gammon. Sie rief Oguntoye an und sagte: „Ich komme doch.“
       
       Der Lauf der Dinge: „Eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich. So
       bin ich hier gelandet“, sagt Carolyn Gammon. Drei Tage nach ihrer Ankunft
       wurden sie ein Paar. „Sie wollte für zwei Wochen kommen und blieb 30
       Jahre“, sagt Oguntoye. „Ohne meine Erfahrung mit Antirassismus wären wir
       vielleicht nie zusammengekommen. Liebe allein reicht nicht, es braucht ein
       Verständnis dessen, was dem anderen wichtig ist“, meint Gammon. Und
       Oguntoye sagt: „Ich hätte keine Beziehung führen können, die nicht auf
       Augenhöhe ist. Da gehe ich keine Kompromisse ein.“
       
       In Her Own Terms: Carolyn Gammon ist nicht nur Sportlerin, sie ist auch
       Aktivistin. Einige ihrer Themen sind antirassistische Arbeit und jüdisches
       Leben. Außerdem gründete sie die Lesbian Studies in Kanada und ist Autorin
       und Dichterin. Sie schrieb über vieles, zuletzt „In Her Own Terms“, einen
       Poesieband über die Demenz ihrer Mutter. Derzeit arbeitet sie an Texten
       über das Leben von Katharina Oguntoye. „Sie interviewt mich etwa über meine
       Kindheit“, erzählt Oguntoye. „Das ist alles so weit weg, dass es nicht
       immer einfach ist, sich an alles zu erinnern.“ Ob es nicht merkwürdig sei,
       von der Partnerin interviewt zu werden, die einen so gut kennt? Nein, sagt
       Oguntoye, „aber sie ist schon eine komische Interviewerin. Sie quatscht
       einem zu viel rein.“
       
       Von Müttern und Kindern: „Ein paar Tage nach meinem 40. Geburtstag kam
       unser Sohn zur Welt. Er war mein Geburtstagsgeschenk“, erzählt Katharina
       Oguntoye. Noel, so sein Name, wurde Ende der Neunziger geboren. Eigentlich
       wollte das Paar noch ein zweites Kind, doch dann wurde die Demenz von
       Gammons in Kanada lebender Mutter deutlich. „Mit einem kleinen Kind wäre es
       unmöglich gewesen, drei- bis viermal im Jahr zu ihr zu fliegen“, sagt
       Gammon.
       
       Lichtung: Zehn Jahre lang kümmerte sich Gammon um ihre Mutter, bis diese
       2015 mit 97 Jahren starb. „Ich habe quality time mit ihr verbracht“, sagt
       sie. Manchmal wusste die Mutter, wer sie war, wer die Nachbar*innen waren,
       was sie am Tag zuvor gegessen hatte. Es habe viele schöne Momente gegeben.
       Oguntoye ergänzt: „Die Mutter beschrieb es wie einen Nebel, dann eine
       Lichtung und wieder Nebel.“
       
       Humor in schweren Zeiten: Wenn sich die beiden streiten, gebe es spätestens
       nach einer Stunde ein „comeback together“, sagt Oguntoye. Humor helfe
       ihnen, auch schwierige Zeiten zu überstehen. 2019 wurde bei ihr
       lymphatischer Krebs diagnostiziert. „Ich war schockiert, aber die gute
       Nachricht war, dass es der einzige Krebs ist, den man heilen kann. Das hat
       funktioniert.“ 2021, als sie dachte, alles sei vorbei, gab es dann einen
       neuen Ausbruch. „Diesmal spielte der Körper nicht mehr mit. Ich kam noch
       auf eigenen Beinen ins Krankenhaus, fuhr aber mit dem Rollstuhl wieder nach
       Hause.“
       
       Der optimistische Typ: Zwei Tage war sie deprimiert, dann sei Schluss damit
       gewesen. Sie sei ein optimistischer Typ. „Deprimiert zu sein, ist viel zu
       deprimierend.“ Stattdessen schaue sie auf das, was da ist: die Wohnung,
       liebe Menschen, Medikamente, die die Schmerzen nehmen – und Wunder. „Früher
       konnte ich nicht ohne Krücken aufstehen, jetzt schaffe ich die zwei Stufen
       bis zur Straße alleine.“
       
       Eine zweite Medaille: Oguntoye ist auch über die Crowdfunding-Kampagne
       glücklich, die vor drei Jahren den Umzug von der vierten Etage ins
       Erdgeschoss möglich machte. Mehr als tausend Menschen spendeten für den
       Umbau der ehemaligen Büroräume. „Das war wie eine zweite Medaille, eine von
       der Community“, sagt sie. Gammon ergänzt, viele Spender*innen hätten sie
       nicht persönlich gekannt, sagten aber, sie wollten etwas zurückgeben – „für
       unsere Arbeit, von der sie profitiert haben“. In den Achtzigern seien sie
       aus der Gesellschaft ausgestiegen, um Feministinnen zu sein. „Wir hatten
       keine Jobs, keine Rentenversicherung“, erzählt sie. Trotzdem sei man damals
       gut über die Runden gekommen. „Berlin, in den Achtziger- und
       Neunzigerjahren“, sagt Oguntoye, „das war schön.“
       
       Mentorinnen: Auch auf der anderen Seite des Atlantik erlebte Carolyn Gammon
       prägende Jahre. „Damals war die US-amerikanische Autorin und Herausgeberin
       Joan Nestle, wie Audre Lorde, für uns Lesben und Feministinnen so etwas wie
       eine Urmutter.“ 1987 rief Gammon Nestle in New York an und sagte: „Wir
       kommen.“ Nestle empfing die lesbische Aktivistinnengruppe in ihrer Wohnung.
       „Sie nahm uns buchstäblich an die Hand und sagte zu jeder von uns ‚You are
       important‘“. Lesbische Leben seien wichtig, alles solle gesammelt und
       aufgeschrieben werden. „Das inspirierte uns“, sagt Gammon. Damals war sie
       27.
       
       Und was machen sie heute? „Weiter arbeiten“, sagt Oguntoye. Ihren Verein
       habe sie an Nachfolger*innen übergeben, politisch engagiert sind die beiden
       nach wie vor. „Der [3][intergenerationelle Dialog], das ist heute mehr
       unser Thema“, sagt sie. Doch „Erschöpfung, das Alter und ein Körper, der
       nicht mehr alles mitmacht“ setzen Grenzen. Events zu organisieren, das gehe
       nicht mehr.
       
       Das Leben, ein Wunder: Carolyn Gammon meint, sie empfinde heute mehr Glück
       als je zuvor. „Nachdem Katharina zwei Mal beinahe gestorben wäre, habe ich
       gelernt, das Leben als ein Wunder zu betrachten.“
       
       2 Mar 2026
       
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