# taz.de -- Der Hausbesuch: Er ist Holz
       
       > Sascha Weisert brennt fürs Möbelrestaurieren. Wenn er mal keine Lust hat,
       > geht er Rosen schneiden. Und tanzt in Breslau, Prag und Wuppertal ganze
       > Wochenenden durch.
       
 (IMG) Bild: Weiserts Laden liegt zwischen den Stadtteilen Oberbilk und Friedrichstadt
       
       Sascha Weiserts Lieblingsholz ist die Walnuss: Die sei „klar,
       extrovertiert“. Auch Weisert selbst identifiziert sich mit dem Werkstoff.
       „Ich bin Holz!“, sagt er.
       
       Draußen: Fünf Gehminuten vom Düsseldorfer Hauptbahnhof verbindet die
       Hüttenstraße die gentrifizierte Friedrichstadt mit dem Arbeiterviertel
       Oberbilk. Zwischen S-Bahn-Gleisen, „Oberbilker Grill“ und Graffiti-Shop
       sticht das Fenster eines Ladenlokals aus einer Reihe dunkler
       Nachkriegsbauten hervor. Ein kleiner roter Engel auf der Lehne eines
       Holzstuhls lädt in die Werkstatt ein: „Gestatten, Sascha Weisert,
       Holzrestaurator.“
       
       Drinnen: Der 62-Jährige steht vor einem Barockschrank aus dem 18.
       Jahrhundert, der ein paar tausend Euro wert ist: „Na ja, da tu ich halt
       mein Zeuchs rein“, sagt er und lacht. Weisert ist umgeben von
       Schraubzwingen, Werkstücken, Tischkreissägen und einer Elektroherdplatte,
       auf der in großmütterlichen Emailletöpfen Knochen- und Hasenfellleim
       köcheln. Mit einem Stück Palo Santo, einem stark duftenden Räucherholz aus
       Peru, das auf seiner Werkbank liegt, vertreibt er die bissigen Gerüche der
       Arbeitsutensilien. Von früh bis spät spielt sein 90er-Jahre-Ghettoblaster
       WDR3 Klassik. „Ich push mich hier total runter mit der Arbeit“, sagt
       Weisert.
       
       Symbiosen: Eine Trennung zwischen Leben und Arbeit gebe es nicht, „das war
       bei mir schon immer eins“, sagt Sascha Weisert. Die Wohnräume schließen
       direkt an die Werkstatt an, mit einem Schritt wechselt er von privat zu
       professionell. Kochbuch, Küchenzeile, Computer, an der Wand ein englischer
       Paravent aus dem 18. Jahrhundert („Der muss nochmal zum Papierrestaurator,
       aber hübsch, oder?“). An der Schlafzimmertür ein Poster mit Fußreflexzonen,
       hinten raus ein kleiner Garten. Fast so wie das Schichtprinzip im Theater:
       öffentlich, semi-öffentlich, privat. „Hab ich mal keinen Bock, geh’ ich
       hinten Rosen schneiden.“
       
       Herkunft: „Na klar!“, Künstler wollte Weisert „schon als Kind immer
       werden“. Er wächst in Reutlingen auf, die schwäbische Alb sei so etwas wie
       seine Spielwiese gewesen. Ob daher die Liebe zum Holz kommt, weiß er nicht
       – das urwüchsige Mittelgebirge prägt ihn jedoch nachhaltig. Mit 15 beginnt
       er zu zeichnen, malt die Landschaften seiner Heimat und Porträts der ersten
       Freundin. Später träumt er von einer Zukunft als Lithograf, will in
       Südfrankreich im eigenen Atelier leben. Nach der Schule folgt die
       Tischlerlehre, dann will er weg, „unbedingt!“
       
       Hingehen: Bereits während der Lehre trampt er nach Wien, will die
       Tischlerei beenden, Kunst studieren. Er stellt sich bei Maria Lassnig vor,
       Professorin an der Angewandten, zeigt Drucke und Zeichnungen. „Die warf
       täglich fünfzig Leute raus.“ Am vierten Tag sitzt Sascha Weisert immer noch
       da, hat längst kein Geld mehr. Aus Mitleid darf der 19-Jährige in der
       Vorküche eines Männerwohnheims schlafen, sitzt täglich in Kaffeehäusern und
       spielt Schach gegen Fremde. Mit den Gewinnen finanziert er seine
       Verpflegung und spart für die Rückfahrt nach Reutlingen. Denn Lassnig will
       auch ihn nicht. Er verlässt die Stadt trotzdem grinsend: „Du musst halt
       hingehen, sonst erlebst du nichts!“
       
       Frühling: Nach Abwegen in Berlin zieht er die Reißleine und geht ins
       beschauliche Freiburg, widmet sich seiner Bewerbungsmappe für Kunstunis und
       bekommt nur Absagen. Von der Mutter hatte er das Kochen gelernt, Weisert
       arbeitet nun als Saucier im Restaurant. Als ihn ein Schlosshotel abwirbt,
       stellt er sich schon auf Plan B ein: Koch werden. Da kommt die Zusage aus
       Kassel dazwischen. Weisert verlässt Freiburg, um sich seinen Traum zu
       erfüllen, da ist er 24.
       
       Studium: Kassel mag er zwar nicht, das Studium schon. Für seine
       Abschlussarbeit funktioniert er einen alten Schrank zu einer Lochkamera um,
       stellt ihn in ein Maisfeld vor Kassel und entwickelt die Bilder, die durch
       das Loch auf die Rückwand geworfen werden, an der lichtempfindliches
       Negativpapier hängt. Später will er sie in der Dunkelkammer noch
       vergrößern. Die Entwicklungsbäder seien so groß gewesen, dass er und seine
       Helfer in Gummistiefeln durchlaufen mussten.
       
       Wachsen: Nach dem Examen und ohne Künstlerkarriere in Aussicht handelt
       Sascha Weisert auf Flohmärkten, um sich über Wasser zu halten, und kommt so
       zum Restaurieren. Seine erste Werkstatt ist ein Kuhstall, in den er sich
       mit einem Kommilitonen einmietet. Die Tischkreissäge, die er damals dem
       Bauern abkaufte, nutzt er noch heute. Zwei Jahre lernt er bei Restauratoren
       in Mainz und Wiesbaden, fragt in Museen: „Hilfe, ich hab hier ein
       Barockmöbel, kann wer helfen?“ Heute möchte er „die Funktion des Möbels
       erhalten und seine Geschichte erzählen“, seit fünfzehn Jahren lebt er
       ausschließlich davon. „Mit dem Tischlern und dem Kunstexamen hab ich mir
       ein gutes Paket geschnürt“, sagt er.
       
       Tanzen: Am Flohmarktstand verliebt er sich in eine Tänzerin, will ihr
       imponieren und fängt ebenfalls an zu tanzen. Durch sie kommt er zum
       [1][Tango], dann zerbricht die Liebe und er zieht nach vierzehn Jahren
       Kassel nach Köln. Der Tango bleibt, noch heute tanzt Weisert in Breslau,
       Prag und Wuppertal ganze Wochenenden durch. Seinen 60. verbringt er in
       Buenos Aires, „wie sich das für einen Tangotänzer gehört!“. Da ist er schon
       Schmerzpatient, jeder Schritt tut weh. Für den Airport-Transit in Madrid
       bucht er sich den Rollstuhlservice, „na, um die Knie zu schonen“, sagt er
       lachend. „Ich wollt’ ja noch tanzen!“
       
       Wegzoll: Angekommen in Köln verliebt sich Sascha Weisert wieder, diesmal
       beim Tangotanzen. Die Düsseldorferin bestärkt ihn, auch rechtsrheinisch
       würden junge Männer gebraucht. Er findet eine Werkstatt und zieht spontan
       in die Landeshauptstadt. Ein Glücksgriff: Düsseldorf ist nicht so
       überprofessionalisiert wie Köln. „Zwischen all den Diplomrestauratoren wär
       ich da ja untergegangen.“ Auch diplomlos macht er sich über die Jahre einen
       Namen, gibt Restaurationsseminare, ist seinen Mietzahlungen aktuell ein
       halbes Jahr voraus. Düsseldorf sei immer noch die richtige Stadt, seit 24
       Jahren lebt er hier. Rückblickend sei die Liebe oft „Wegzoll“ gewesen.
       
       Loslassen: Seit einer Romanze mit einer Chilenin damals im Studium träumt
       Weisert von Südamerika. Fast 40 Jahre später erfüllt er sich den Traum und
       reist in die peruanischen Anden. Unter Aufsicht eines Schamanen konsumiert
       er San Pedro, eine Heilpflanze mit psychedelischen Effekten, und erklimmt
       die Stufen zum [2][Machu Picchu], unterschiedlich hoch in den Stein
       gehauen. „Die haben das extra gemacht, da kommt man ins Denken!“, glaubt
       er. Oben angekommen bricht er in Tränen aus, „da kam alles raus,
       literweise!“ Er sei so lange erfolglos gewesen, brotloser Künstler und
       Handwerker. Zwischen den Gipfeln der Anden erlebt er eine Art Versöhnung
       mit sich.
       
       Essenzen: Zwei Fragen seien im Leben entscheidend: „Was ist meine Aufgabe?
       Wofür brenne ich?“ Sascha Weisert erzählt von einem Freund, der sich diese
       Fragen nie stellte und stattdessen „als verlängerter Arm seines Vaters
       lebt: Beamtenlaufbahn, Sicherheit …“ – gut, das sei alles zu honorieren,
       sagt er, aber diese Person, „ist er das wirklich?“. Über die Jahre habe
       Weisert erkannt, dass ein gut geführter Haushalt nicht viel nützt, wenn man
       keinen Frieden mit sich findet. „Ich bin dankbar, dass ich Holz habe!“,
       sagt er. Auf die Frage „Wer bist du?“ würde Weisert antworten: „Ich bin
       Holz: Verbunden mit meiner Geschichte wachse ich weiter, die Wurzeln in der
       Erde und die Krone des Baumes, die in den heaven ragt.“
       
       Bergauf: Im Sommer will Sascha Weisert die Alpen mit dem Rad überqueren. Er
       zeigt auf sein E-Bike, das an der Wand lehnt, und lacht: „Ich hab
       Übergewicht, junger Mann. Ich bin froh, wenn ich überhaupt was reiße.“
       Während Corona geht er dreimal wöchentlich zum [3][Hot Yoga], wiegt die
       Hälfte, isst nur Raw-Produkte. Die Pfunde sind wieder drauf, so schnell
       könne sich der Körper nicht umstellen, sagt er. Auch sonst lebt Sascha
       Weisert ohne Hast, eine der zwei Werkstattuhren steht still. Das Training
       für die Alpentour will er ebenfalls ruhig angehen. Er sei zwar langsamer
       als die anderen, „aber das ist mir völlig egal!“.
       
       Fernsicht: 2026 ist bereits „intensiv“ gestartet: Zum Jahresbeginn hat er
       beim Tango in Warschau eine Rumänin kennengelernt, die bald ein
       „Festivalito“ veranstaltet. Sie hat ihn gebeten zu kommen. Natürlich wird
       Sascha Weisert hinfahren: „Total lässig, verstehst du?“
       
       17 Mar 2026
       
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