# taz.de -- Der Hausbesuch: Zwei Räder sind nicht genug
> Felix Lange ist Produktdesigner. Der Unfall eines Freundes brachte ihn
> auf die Idee, einen besonderen Rollstuhl zu bauen.
(IMG) Bild: Felix Lange liebt seinen Beruf so sehr, dass Arbeit und Freizeit für ihn fast das Gleiche sind
Felix Lange ist ein glücklicher Mensch. Bei seiner Arbeit macht er genau
das, was er tun will. Lange stellt Rollstühle aus Carbon her, die ein neues
Lebensgefühl vermitteln sollen.
Draußen: Schwerin. Stadtrand. Die Bäume wachsen schon eine Weile entlang
der Straße in dem neu erschlossenen Wohn- und Gewerbegebiet. Die Vorgärten
aber sind noch karg. Auf der einen Straßenseite stehen Mehrfamilienhäuser
mit Balkons. Die Fassaden weiß verputzt, drei Etagen hat jedes Haus.
Parkplätze davor. Auf der anderen Seite der Straße haben Betriebe ihren
Sitz. Ein Elektriker, ein CNC-Feinmechaniker. Nüchterne Zweckbauten. Es ist
noch Platz zum Bauen. Auf beiden Seiten.
Drinnen: „Das hier ist mein Zuhause“, sagt Felix Lange und fährt mit der
Hand über die glatte Oberfläche seines Arbeitstisches. Es riecht nach
Kaffee. Zwischen Bildschirmen, 3-D-Brille, Skizzenblock und einem Modell
aus Carbon steht eine Espressotasse mit der Aufschrift „Langefreunde“. So
heißt seine Firma. Denn Freundschaft zu seinen Mitstreiter*innen ist
ihm wichtig, obwohl er der Chef ist. Der Schreibtisch steht in seinem
„Wohnzimmer“, das zugleich Atelier und Werkstatt ist. Das Bett, erzählt er,
stehe woanders – „bei meiner Freundin“. Ein Lächeln, ein kurzer Moment der
Ironie: „Zuhause, das ist für mich kein bestimmter Ort, sondern eine
Haltung.“
Zwischenräume: Langes Office ist hell, funktional, fast zu aufgeräumt für
jemanden, der sagt, dass er nie wirklich aufräumt. Und es gibt genügend
Platz für seine Kolleg*innen und den Bürohund. „Ich brauche Bewegung um
mich herum“, sagt er, „sonst fängt mein Kopf an zu stehen.“ Bewegung ist
sein Thema. Nicht nur körperlich, sondern geistig, ästhetisch,
gesellschaftlich. Lange entwirft und gestaltet Produkte für den Gebrauch
und solche, die Mobilität neu definieren.
Sein Projekt: Es heißt Parafree und ist ein Rollstuhl aus Carbon. Er ist so
leicht, dass er mit zwei (starken) Fingern angehoben werden kann. Kein
klobiges Hilfsmittel, sondern ein Objekt, das Souveränität und
Selbstbewusstsein ausstrahlt. Entwickelt als Trainings- und
Alltagsrollstuhl. „Ich wollte nie ein medizinisches Gerät bauen“, sagt
Lange, „sondern etwas, das Freiheit für Menschen, die im Rollstuhl sitzen,
verkörpern kann.“
Der Freund: Felix Lange selbst sitzt nicht im Rollstuhl. 2011 suchte er
nach einem Thema für seine Abschlussarbeit im Designstudium an der
Hochschule Wismar. „Die Überschrift lautete ‚E-Mobility.‘“ Lange erzählt
von einem Freund, der während seiner Lehre einen Arbeitsunfall hatte und
plötzlich querschnittsgelähmt war. „Marcel hatte so ein sperriges
Standardmodell. Ich dachte: Das geht besser. Und vor allem anders.“
Die erste Idee: Felix Lange fragt seinen Freund, ob ein Elektro-Rollstuhl
nicht besser für ihn sei. „Marcel hat mich angeguckt und gesagt: ‚Ich
möchte aktiv sein. Ich brauche etwas richtig Cooles, etwas Leichtes, mit
dem ich mich bewegen kann. Sport machen und so. [1][Elektro bringt das
nicht!]‘“ Das war der ausschlaggebende Satz, der Langes Fantasie in Schwung
brachte. Aus E-Mobility, gedacht als Elektro Mobility, wurde Ergo-Mobility.
Seinem Professor gefiel die Idee.
Respekt: „Ich wollte kein ‚Produkt für Behinderte‘ machen. Ich wollte etwas
entwickeln, das zeigt: Funktionalität kann schön sein – [2][und Schönheit
ist auch eine Form von Respekt].“ Es hat Jahre gedauert, das Ding zu
entwickeln. „Ich wollte, dass man drauf schaut und denkt: Wow, cooles Ding
– nicht: Oh, ein Rollstuhl.“ Das hat geklappt.
Auch wichtig: René und Martin heißen seine Freunde seit Jugendtagen. Die
Freundschaft zu ihnen gebe ihm Halt. „Damals waren wir jung. Und wir
brauchten Geld“, sagt Felix Lange und lacht. Das habe sie erfinderisch
gemacht. Ende der 90er spielten sie Fußball im Brüsewitzer SV und trafen
sich zu LAN-Partys. Gemeinsam entwickelten sie Bausteine für
Computerspiele. „Als ich noch mal jünger war, wollte ich Automobildesigner
werden, oder Schuhdesigner. Im Matheunterricht habe ich Schuhmodelle
entworfen. Da wusste ich noch nicht, dass das ein echter Beruf ist.“
Ein Business: Felix Lange ist 15 Jahre alt, als er sein erstes Gewerbe
anmeldet. „Opa hat mir eine vernünftige Grafikkarte für den Computer
gekauft. Die war gut für die Spiele und auch gut zur Gestaltung von
Webseiten. Das hat mir Spaß gemacht. Ich konnte schöne Webseiten
entwickeln, die für die Leute einen Nutzen hatten und damit Geld verdienen.
Ästhetik, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit passen für mich bis heute
gut zusammen.“
Grenzen: Sein Vater kaufte ihm wenig später einen Motorroller. Lieber hätte
er eine schicke Enduro, ein Geländemotorrad, gehabt. Aber beim Kauf des
Rollers gab es vom Händler einen Benzingutschein über 400 Euro dazu. „Der
Roller war nicht so cool, aber unfassbar sparsam im Verbrauch. Mit dem
Gutschein konnte ich tanken, bis ich mir mein erstes Auto gekauft habe.“
Einen alten Golf. „Den habe ich optisch aufgemöbelt. Der Spritverbrauch war
bei Tempo 80 am niedrigsten. Also bin ich, wann immer möglich, 80 km/h
gefahren. Manchmal auch in Ortschaften. Okay war das nicht. Aber effektiv“,
sagt er. Verschwendung ist nicht seine Sache.
Der Perfektionist: In seinem Büro stapeln sich gute Ideen und bequeme
Sitzgelegenheiten. Im Werkstattbereich: Materialproben, Fotos, Werkzeuge.
An einer Wand lehnt ein Rahmen. Noch ist nicht klar, was er einmal zeigen
soll. Er arbeite gerne, sagt Lange. Manchmal auch sehr spät am Abend. „Da
klingelt das Telefon nicht und es fragt niemand was.“ Vielmehr könne man
hören, wie die Gedanken klingen. Und das ist so ein Gedanke: „Wie wäre es,
einfach mal überhaupt nicht über Geld zu reden, sondern sich nur zu fragen,
ist die Sache cool, hilft sie einem Menschen, können wir die machen, macht
die Sinn? Und dann voll reinzuhauen. Mit aller Energie, mit dem gesamten
Team.“ Dabei sei es egal, ob es eine Visitenkarte ist, ein Werkzeug für
Dachdecker, ein Beatmungsgerät oder sonst was. „Und dann ist es schon toll,
wenn dir deine Produkte im Alltag auf der Straße begegnen.“ Lange redet
über Haltung und über die Verantwortung, mit Dingen umzugehen, die andere
täglich berühren.
Form follows function: „Mit Marcel und anderen Leuten im Rollstuhl haben
wir hart an der Entwicklung gearbeitet.“ Es entsteht ein Modell mit vielen
Möglichkeiten, Sport zu treiben. Auch Ski fahren und Wake boarden. „Als ich
mit der Diplomarbeit fertig war, war ich nur noch ein Strich in der
Landschaft. Meine Freundin war weg. Aber ein Rollstuhl da“, sagt Lange
nachdenklich. So ein Rollstuhl sei nicht einfach ein Stuhl. „Er ist ein
Teil des Körpers. Und damit auch ein Teil der Würde.“ Für Marcel wird sein
neues Gefährt zum Gamechanger. Er steigt aktiv in den Rollstuhlsport ein.
Dialog: Der Parafree hat auf jeder Stufe der Entwicklung Aufmerksamkeit
bekommen und Auszeichnungen erhalten. „Solche Auszeichnungen tun gut, aber
das Spannende beginnt erst, wenn du siehst, wie Menschen das Produkt in
ihren Alltag integrieren. Wie sie damit leben, sich bewegen, lachen.“ Seine
Arbeit an dem Rollstuhl sei wohl nie abgeschlossen, meint Lange. Jedes
Exemplar, das er baut, sei eine Art Dialog. „Manchmal muss ich erst
verstehen, was jemand wirklich braucht, bevor ich weiß, was ich entwerfe
und in welche Richtung sich das Produkt entwickelt.“ [3][Denn, keine
Einschränkung ist wie die andere.] Felix Lange spricht ruhig und bestimmt.
„Ich glaube, wir unterschätzen, wie viel Freude in einem guten Design
steckt“, sagt er, „wenn es einen Teil unserer Identität spiegelt.“
Glück: Kaum eine Trennung zwischen Beruf und Privatem, zwischen Funktion
und Gefühl. In seinem Office wird gedacht, geplant, gebaut, gelegentlich
geschlafen – und manchmal einfach nur gesessen und geschaut. „Ich glaube,
man muss seine Arbeit mögen und ein bisschen verrückt sein, um so zu
leben“, sagt Lange. „Ich hab schon irgendwie den Latte-Macchiato-Job.“ Er
könne sich tolle Sachen ausdenken, die Leuten gefallen, habe einen
Arbeitsplatz im Trocknen und produziere am Ende „geilen Scheiß“. „Das ist
schon so ein bisschen die Glückseligkeit.“
19 Feb 2026
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