# taz.de -- Kamikazedrohnen für die Bundeswehr: Wie die Rüstungsindustrie auf Staatskosten profitiert
       
       > Die Bundeswehr will neue Waffen kaufen: Kamikazedrohnen. Großaufträge
       > gehen nun an zwei Start-ups – obwohl sich deren Drohnen erst beweisen
       > müssen.
       
 (IMG) Bild: Soll ein Gamechanger sein: Die HX-2-Kampfdrohne des Münchner Herstellers Helsing
       
       Johannes Arlt drückt einen Knopf und hebt die obere Hälfte der Drohne an.
       „Sehen Sie“, sagt er. „So leicht lässt sich das Teil abnehmen.“ Beim
       Vorgängermodell habe man dafür noch Schrauben lockern müssen. Nun ist da
       nur noch der Knopf. „Der lässt sich sogar in Handschuhen bedienen oder im
       Matsch“, sagt Arlt. In Jeans und Sakko steht der 41-Jährige am Montag auf
       der [1][Rüstungsmesse Enforce Tac] in Nürnberg.
       
       Hinter ihm die weiße Drohne, schmal und so hoch wie ein Mensch. Was Arlt
       sagen will: Die Bedienung dieser Waffe ist kinderleicht. Und weil auf dem
       Schlachtfeld jede Sekunde zählt, soll diese Drohne ein Gamechanger sein.
       
       Johannes Arlt war selbst Soldat. In Afghanistan und Mali hat er Drohnen des
       Typs Heron gesteuert, die primär der Aufklärung dienen. „Über 1.000
       Flugstunden“, erzählt er. [2][Dann zog er für die SPD in den Bundestag],
       saß im Verteidigungsausschuss. Bis er letzten Sommer die Seiten wechselte.
       Jetzt verkauft er selbst Drohnen, und das für eines der meistdiskutierten
       Rüstungs-Start-ups dieser Tage: Stark Defence.
       
       Das Fluggerät mit den vier Tragflächen, Rotoren und Sensoren, das Arlt
       anpreist, heißt Virtus. Es ist das neueste Modell. Ob es in der Praxis
       wirklich hält, was Arlt verspricht, wird derzeit diskutiert. Zu lange
       könnte der Aufbau im Feld dauern, warnen manche Experten. Zu teuer
       gegenüber Konkurrenzprodukten, sagen andere.
       
       Dass über diese Waffe überhaupt debattiert wird, liegt an einem aktuellen
       Auftrag der Bundeswehr. Die will Kampfdrohnen wie die Virtus in großer
       Stückzahl einkaufen. Am Mittwoch [3][beschloss der Haushaltsausschuss]
       zunächst Verträge in Höhe von 540 Millionen Euro. Damit sollen die Virtus
       von Stark Defence sowie ein Produkt namens HX-2 des Mitbewerbers Helsing
       gekauft werden.
       
       ## Gesamtvolumen: Bis zu 2 Milliarden Euro
       
       Insgesamt könnten in den kommenden Jahren Angriffsdrohnen von Stark und
       Helsing für bis zu 2 Milliarden Euro beschafft werden. Zwar bremste der
       Haushaltsausschuss damit den Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD),
       der für die neuartigen Waffen der beiden Unternehmen sogar bis zu 4,3
       Milliarden Euro ausgeben wollte. Aber im Grundsatz bleibt es dabei, dass
       damit nun zwei Großaufträge für Kampfdrohnen an zwei junge deutsche
       Start-ups gehen.
       
       Es sind hohe Beträge, die für womöglich noch gar nicht ausgereifte Waffen
       gezahlt werden. Das kann als Ausdruck einer neuen Beschaffungspolitik
       verstanden werden, bei der deutsche Rüstungs-Start-ups gezielt gefördert
       werden. Der Kauf bei deutschen Produzenten diene „der Wahrung des
       nationalen Sicherheitsinteresses“, erklärte eine Sprecherin des
       Verteidigungsministeriums der taz.
       
       Damit solle unter anderem die „nationale Souveränität“ gestärkt werden. Es
       ist eine Zeitenwende auch in der Beschaffung, die zudem mit flexibleren
       Verträgen statt mit jahrzehntelangen Aufträgen an traditionelle
       Rüstungsunternehmen daherkommt – und mit dem Einkauf ganz neuer
       Gerätearten.
       
       Waffen wie die Virtus und die HX-2 heißen im Fachjargon Loitering Munition,
       umgangssprachlich werden sie Kamikazedrohnen genannt. Sie fliegen entweder
       autonom mithilfe künstlicher Intelligenz oder werden ferngesteuert. Die
       „Virtus Owe V“ kann sogar, darauf ist Arlt stolz, wieder zurückgeholt
       werden und landen, wenn der Pilot am Boden feststellt, dass sie doch nicht
       zuschlagen sollte. „Menschenrechtsfreundlich“ nennt er das im Gespräch mit
       der taz.
       
       ## „Menschenrechtsfreundliche“ Waffen
       
       Waffen wie diese, mit einer Reichweite um die 100 Kilometer, sollen eine
       Lücke füllen zwischen der klassischen Artillerie, die nur grob 50 Kilometer
       weit schießt, und komplexeren, deutlich teureren Lenkflugkörpern, die viel
       weiter reichen. Welchen Unterschied Drohnen für die Kriegsführung machen,
       zeigt sich im Ukrainekrieg, in dem laut Experten bis zu 80 Prozent der
       Opfer durch Drohnen getötet werden.
       
       Stationiert werden sollen die neuen Kampfdrohnen der Bundeswehr ab 2027 in
       Litauen, zur Abschreckung und zum Schutz der dortigen Bundeswehrtruppen.
       
       Doch die Beschaffungspläne sind umstritten. Helsing bietet seine
       Kampfdrohnen für den halben Preis einer Virtus-Drohne von Stark an. Unter
       den Haushältern im Bundestag hatte das für Verwunderung gesorgt. Und:
       Sowohl bei dem Produkt von Stark Defence als auch bei dem des Mitbewerbers
       Helsing gibt es Zweifel an der Marktreife.
       
       So berichtete die Welt über enttäuschende Tests der HX-2 von Helsing in der
       Ukraine, von Mängeln an Ruder und Flügeln, Fehlfunktionen und Abstürzen.
       Auch über die Virtus-Drohne von Stark berichteten Fachjournale, dass sie
       ihre Ziele zu oft verfehle. Dann machten auch noch Gerüchte die Runde, dass
       beide Waffensysteme gar nicht so kampferprobt seien, wie von den
       Herstellern versprochen.
       
       ## Ministerium sieht Zweifel ausgeräumt
       
       Aus dem Bundesverteidigungsministerium heißt es dazu, die Bundeswehr stünde
       mit den ukrainischen Streitkräften im Austausch, die beide Drohnentypen
       einsetzen. Beide Hersteller hätten die Reife ihrer Produkte „in
       firmenseitigen und bundeswehreigenen Qualifizierungs- und Testverfahren
       nachweisen können“. Auch bei der Zielgenauigkeit sollen die Drohnen nun
       überzeugen.
       
       Kurz vor dem Beschluss im Haushaltsausschuss wurden die Verträge jedenfalls
       nachgeschärft. Das Gesamtvolumen wurde begrenzt, außerdem müssen alle
       weiteren Lieferungen nach der ersten Tranche nun einzeln genehmigt werden.
       Das war in den ersten Entwürfen noch nicht vorgesehen.
       
       Besonderen Ärger hatte zuvor die [4][Gesellschafterstruktur von Stark]
       Defence provoziert – oder zumindest das, was man darüber weiß. Vor allem
       ein Name sorgte dabei für Aufregung: [5][Peter Thiel.] Der Techmilliardär
       ist ein Vertrauter Donald Trumps mit antidemokratischen Ansichten.
       
       ## Zweifelhafte Investoren
       
       Stark hält sich dazu bedeckt. Sicher ist: Gegründet wurde das Unternehmen
       im Jahr 2024 von dem ehemaligen Offizier Florian Seibel. Der hat 2015
       bereits Quantum Systems gegründet, ein Start-up, das ebenfalls Drohnen
       herstellt, allerdings nur zur Aufklärung. Drohnen von Quantum Systems sind
       in der Ukraine im Einsatz, beim US-Militär und seit 2022 auch bei der
       Bundeswehr. Investor bei Quantum war schon damals Peter Thiel.
       
       Auch für Stark hat Thiel wieder Geld gegeben. Und nicht nur er, sondern
       auch ein weiterer Mitgründer der umstrittenen Spionagesoftware
       [6][Palantir] sowie eine Investmentgesellschaft der CIA und der Sohn von
       Springer-Chef Mathias Döpfner.
       
       Er teile die Bedenken gegen Thiel „ausdrücklich“, ließ schließlich auch der
       Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) letzte Woche verlauten. Wichtig
       sei allerdings, dass Thiel keine Entscheidungsbefugnisse habe.
       
       Stark hatte auf die Kritik reagiert und mitgeteilt, Thiel habe keinerlei
       Einfluss auf das operative Geschäft und keine Sperrminorität. Beteiligt sei
       er mit einem einstelligen Prozentsatz. Daraufhin ließ auch das
       Bundesverteidigungsministerium seine Bedenken fallen. Es verlässt sich
       dabei allein auf eine Zusicherung des Unternehmens.
       
       ## Kritik von den Grünen
       
       Ex-Soldat und SPD-Mann Arlt hebt bei diesem Thema nur die Augenbrauen. „Ich
       kann verstehen, dass die Parlamentarier wissen wollen, woher das Geld für
       Stark kommt. Ich hätte es auch wissen wollen“, sagt er. Dem Bedürfnis
       seiner Ex-Kollegen sei Stark nun aber nachgekommen, findet Arlt.
       
       Dem Grünen-Politiker Sebastian Schäfer reicht das nicht. Er ist Obmann im
       Haushaltsausschuss und Mitglied im Vertrauensgremium, das die
       Wirtschaftspläne der Nachrichtendienste billigt. Schäfer hat die
       Bundesregierung gefragt, an welchen deutschen Rüstungsunternehmen Peter
       Thiel noch beteiligt ist. Die Bundesregierung konnte das nicht beantworten.
       
       Schäfer wünscht sich generell, dass die Bundesregierung prüft, wem
       Unternehmen gehören. „Es geht hier immerhin um sehr viel Geld, das wir für
       ihre Produkte ausgeben. Dann möchte ich auch wissen, welche Investoren
       welche Anteile und vor allem wie viel Mitspracherecht haben“, sagt Schäfer
       der taz.
       
       Schäfer ist gar nicht prinzipiell gegen die Drohnendeals. Aber er bemängelt
       deren Finanzierung. „Was bei beiden Unternehmen nun finanziert werden soll,
       sind nicht nur die tatsächlichen Systeme, sondern auch der Ausbau der
       Produktion. Der Bund übernimmt also einen Teil der Entwicklungs- und
       Ausbaukosten, während die Gewinne privatisiert werden.“ Das geht Schäfer zu
       weit.
       
       ## Die neuen Player im Rüstungsbereich
       
       Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren Start-ups im Rüstungsbereich
       immer wichtiger geworden. Während früher Firmen wie Rheinmetall, KNDS und
       Airbus das Geschäft quasi unter sich aufgeteilt haben, sind Start-ups wie
       Stark, Quantum Systems oder Helsing nun vor allem in der Digitalisierung
       der Verteidigung vorgeprescht. Die wurde laut Experten von den
       traditionellen Unternehmen eher verpasst, weil die stattdessen weiterhin
       auf schweres Gerät gesetzt haben.
       
       Noch 2022 sprach der Quantum- und Stark-Gründer Florian Seibel davon, sich
       nicht als Teil der Rüstungsindustrie zu begreifen. Die Rüstungsindustrie,
       das seien für ihn „alte weiße Herren in grauen Anzügen“, sagte er damals in
       einem Interview – und das sei Quantum definitiv nicht. Auf der
       Rüstungsmesse in Nürnberg präsentiert sich Quantum Systems Anfang dieser
       Woche kaum noch wie ein Underdog. Bei der Vorstellung eines neuen,
       unbemannten Fahrzeugs drängen sich die Zuschauer*innen vor dem Stand.
       Mit Hochglanzbildern und wummernden Beats wird das Fahrzeug präsentiert.
       Das Publikum fotografiert und applaudiert. Darunter sind muskulöse Männer
       mit Schirmmützen, Anzugträger, alte weiße Männer und Mitglieder der
       Bundeswehr.
       
       Viele der neuen Start-ups wurden von ehemaligen Soldaten gegründet oder
       haben ehemalige Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in hohen
       Funktionen. So ist ihnen eine schnelle Vernetzung in die Politik gelungen.
       In einer [7][aktuellen Studie spricht die Informationsstelle
       Militarisierung] (IMI), die aus der Friedensbewegung stammt, sogar von
       einem neuen „militärisch-industriellen Komplex“, der sich kaum
       kontrollieren lasse. Worauf die neuen Start-ups jedenfalls von Anfang an
       gesetzt haben, ist die Produktion in Europa. Auch damit liegen sie voll im
       Zeitgeist.
       
       Das Münchner Start-up Helsing präsentiert sich in Nürnberg pompöser als
       sein Berliner Konkurrent Stark Defence. Auf einem kleinen Podest sind
       Tische und Stühle aufgebaut, es gibt Gebäck und Kaffee aus der Maschine.
       Zentral ausgestellt und hinter Absperrband: die Angriffsdrohne HX-2. Sie
       ist halb so groß wie die von Stark und in mattem Schwarz gehalten.
       
       ## Der Claim: „Protecting our democracies“
       
       Ein Video, das im Hintergrund in Dauerschleife läuft, zeigt sie im Einsatz.
       Auf einer grünen Wiese baut ein Soldat die Drohne auf und steuert sie vom
       Laptop aus. Am Ende wechselt das Video in Computerspieloptik: Die Drohne
       fliegt in einen Panzer und explodiert. „Protecting our democracies“ steht
       dazu im Bild, es ist der Claim von Helsing.
       
       Von allen Rüstungs-Start-ups in Deutschland galt Helsing zuletzt als die
       größte Hoffnung. 2021 gegründet, war Helsing im vergangenen Sommer das
       wertvollste Rüstungs-Start-up in ganz Europa. Einer der Geldgeber ist der
       Spotify-Gründer Daniel Ek.
       
       Neben der HX-2-Drohne hat sich am Stand von Helsing eine Delegation der
       Bundeswehr versammelt. Ob Helsing auch den Gefechtskopf herstellt, will
       einer der Männer in Fleckentarn wissen. Wie viel die Drohne wiege, fragt
       ein zweiter Soldat. Zwölf Kilo. Anerkennendes Nicken unter den Soldaten,
       dann ziehen sie weiter.
       
       Doch auch wenn am Mittwoch im Haushaltsausschuss nun zunächst die jungen
       Unternehmen Stark und Helsing den Zuschlag bekamen: Abgeschrieben ist die
       alteingesessene Konkurrenz dadurch längst nicht. Einer der Hauptprofiteure
       der Zeitenwende ist nach wie vor Rheinmetall. Nach Recherchen des ZDF hat
       das Düsseldorfer Unternehmen zuletzt [8][Aufträge in Höhe von 42 Milliarden
       Euro] vom Verteidigungsministerium erhalten – fast die Hälfte des
       Sondervermögens.
       
       Auch Rheinmetall hat mittlerweile eine Kamikazedrohne entwickelt. Erste
       Flugerfolge konnte das Unternehmen aber erst vor wenigen Tagen vermelden.
       Vermutlich im April will der Bundestag nun auch noch mit Rheinmetall einen
       Vertrag über die Lieferung von Kampfdrohnen aufsetzen.
       
       In Nürnberg indes misst Rheinmetall seiner neuen Drohne auf dem Messestand
       keine große Bedeutung bei. Nur ein Werbevideo zeigt, wie die Drohne auf
       einem Übungsgelände fliegt. Ein echtes Ausstellungsstück hat Rheinmetall
       nicht dabei, dafür sein neuestes Glanzstück, den Raketenjagdpanzer Fuchs
       JAGM. Schweres Gerät eben.
       
       26 Feb 2026
       
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