# taz.de -- Buch über Nazigegner im Prager Exil: Das Exil nebenan
> Hitler-Gegner wie Gabriele Tergit oder Alfred Kerr emigrierten in die
> Tschechoslowakei. In „Vertraute Fremde“ begibt sich Peter Lange auf ihre
> Spur.
(IMG) Bild: 15. März 1939 in Prag – die Wehrmacht und aufgebrachte, verunsicherte Bürger der Stadt
Der Schriftsteller Karl Wolfskehl floh bis ans andere Ende der Welt, nach
Neuseeland. Andere suchten eine neue Zukunft in New York, Buenos Aires oder
Tel Aviv. Die Entfernung des Exilorts zu Nazideutschland markierte auch den
Grad der Hoffnung auf einen Umschwung zurück zur Demokratie in der Heimat.
Anfangs waren weit von der Heimat entfernte Orte eine Ausnahme. Noch
glaubten viele der Geflohenen, dass das NS-Regime in kürzester Zeit
abgewirtschaftet haben werde. Was lag da also näher als ein vermeintlich
vorübergehender Aufenthalt in einem Nachbarland?
Die Tschechoslowakei war so ein Nachbarland: mit der Bahn erreichbar,
solange die Nazikontrollen noch lückenhaft waren, mit mitteleuropäischer
Kultur ausgestattet, dazu mit einer liberalen Demokratie gesegnet, ja,
sogar deutschsprachige Verlage, Theater und Zeitungen fanden sich dort. Der
Journalist Peter Lange hat sich auf die Spuren derjenigen begeben, die die
tschechoslowakische Hauptstadt Prag als ihren Fluchtort bestimmten.
Lange entwirft das Bild des Exils in Prag anhand von Lebensgeschichten: Er
schreibt über die überstürzte Flucht des Theaterkritikers Alfred Kerr, der,
gewarnt durch einen ihm wohl gesinnten Polizisten, Mitte Februar 1933 nur
mit einem kleinen Koffer im Zug nach Prag die Reichshauptstadt verließ. Die
Schriftstellerin und Journalistin [1][Gabriele Tergit] entrann nur knapp
ihrer Verhaftung durch die SA in Berlin. So wie bald darauf Friedrich
Stampfer und weitere SPD-Genossen floh sie mit dem Auto über eine
abgelegene Grenzstation nach Spindlermühle im Riesengebirge. Es sind
Dutzende Verfolgtengeschichten, denen Lange nachgeht und deren weiterer
Lebensweg er verfolgt.
Die Tschechoslowakei war eines der wenigen Länder, die den Verfolgten ihre
Türen öffnete. Zwar erhielten sie in Prag praktisch kaum eine staatliche
Unterstützung und die Aufnahme einer Lohnarbeit war mit großen Hürden
verbunden, aber die Regierung unter Staatspräsident Tomáš G.Masaryk ließ
sie doch unbehindert ins Land einreisen.
## Manche mussten in Suppenküchen und Notunterkünfte
Viele Verfolgte konnten in Prag bei ihren alten, nun selbst ins Ausland
ausgewichenen Freunden andocken, [2][bei der KPD] oder der zur
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil (Sopade) verwandelten SPD.
Journalisten fanden eine neue Beschäftigung als freie Mitarbeiter bei
deutschsprachigen tschechoslowakischen Blättern oder bei den Exilorganen
wie der Neuen Weltbühne, die bald unter Kontrolle der KPD geriet.
Doch nicht jeder war so glücklich, über ein Bett, ein Zimmer und ein
unregelmäßiges Einkommen zu verfügen. Da blieben nur Suppenküchen und
Notunterkünfte, oft von den Verfolgten selbst organisiert. Man traf sich im
Café Continental und ließ sich von Kellner Gustav bedienen, aber bei vielen
reichte es nur für ein Glas Wasser, einen ganzen Abend lang.
Auch damals war [3][Prag] eine schöne Stadt – aber eben auch eine des
sozialen und psychischen Elends für die den Nazis Entronnenen. Und wirklich
sicher vor den Nazis konnte man sich nicht fühlen. Der in Marienbad
(tschechisch Mariánské Lázně) nahe der deutschen Grenze lebende jüdische
Publizist Theodor Lessing starb am 31. August 1933, getroffen von Kugeln
deutscher Naziattentäter.
Und doch versuchten die Exilanten politisch nicht in die
Bedeutungslosigkeit zu rutschen – mit Flugblättern, die in Koffern über die
Grenze gingen oder auf der Elbe gen Dresden in Kapseln schwammen, oder
mittels Literatur und aufklärerischer Schriften, die in Exilverlagen wie
bei Graphia in Karlsbad (Karlovy Vary) erschienen.
## Als die Sozialdemokraten sich stritten
Lange erspart dem Leser nicht die internen Streitereien, die bald zwischen
den Linken ausbrachen. Die Kommunisten beschuldigten die SPD des
„Sozialfaschismus“, bis sie die Volksfront für sich entdeckten, die
Sozialdemokraten stritten mit der internen Opposition von „Neu beginnen“.
Versuche einer Verständigung zwischen SPD und KPD scheiterten. Spätestens
Mitte der 1930er Jahre wurde deutlich, dass die Nazis in Deutschland fester
im Sattel saßen, als es die Exilanten lange hatten glauben wollen.
Die ersten Verfolgten machten sich auf in andere Exilländer. Gabriele
Tergit erreichte Palästina, wo sie auch nicht glücklich wurde. Kerr ging
1935 nach London. Mit dem Münchner Abkommen 1938 verlor die
Tschechoslowakei das Sudetenland, eine neue, deutschfreundliche Regierung
versuchte in Prag, den Nazis zu gefallen, und nahm die Emigranten ins
Visier. Vergeblich: Am 15. März 1939 besetzte die Wehrmacht den Rest der
Tschechoslowakei. Friedrich Stampfer und die Sopade-Führung waren zuvor
nach Paris geflohen, Stampfer überlebte in den USA.
Peter Lange ist ein glänzendes Geschichtsbuch gelungen, das den Leser in
ein Prag führt, das den wenigsten Menschen bekannt ist. In eine Stadt, in
der deutsche Nazigegner einmal ihre Freiheit suchten. Und in der eine
Regierung Flüchtlinge willkommen hieß.
22 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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