# taz.de -- Ausstellung über Bauhaus-Anfänge: Junge Leute in Weimar
       
       > Entdeckung: Das Ostholstein Museum in Eutin zeigt, wie wichtig der
       > unbekannte Karl Peter Röhl und sein Freundeskreis für die
       > Bauhaus-Gründung waren.
       
 (IMG) Bild: Komposition IX von 1920: Karl Peter Röhls Kunst ist fest in der Moderne verankert
       
       Mit großen Schritten geht sie voran, übersteigt entschlossen-unbeirrt ein
       stilisiertes Gebirgsmassiv. Zum Plakatmotiv hat es das Bild
       „Gipfelstürmender weiblicher Akt“ gebracht, weil es das zentrale Bild ist
       in der Ausstellung „Die ‚Urzelle‘ des Bauhauses – Karl Peter Röhl und sein
       Freundeskreis“, zu sehen derzeit im Ostholstein Museum in Eutin. Eine
       kompakte, nicht ausufernde Schau, die trotzdem nicht weniger verspricht als
       einen Blick auf „Das Bauhaus, wie alles begann“.
       
       „Bauhaus“, das sage den meisten Menschen etwas, erklärt denn auch Sophie
       Matuszczak, eine der beiden Kuratorinnen: Sie dächten an Designklassiker,
       an diese Lampe oder jenen Stuhl, die Meisterhäuser in Dessau. „Wir aber
       schauen hier auf die Anfangszeit als Experimentierfeld.“ Zeitlich gesehen,
       geht es um die Jahre 1919 bis 1921, ungefähr.
       
       Im Mittelpunkt steht, [1][wie ein vergessener Held], eben, Karl Peter Röhl,
       im nahen Kiel geboren (1890) und gestorben (1975). Dort [2][absolvierte er
       eine Malerlehre], lernte dann Dekorationsmalerei an der Kunstgewerbeschule
       Berlin und zog weiter nach Weimar, um ein akademisches Kunststudium
       anzuschließen.
       
       ## Erschütterte Welt
       
       Der Erste Weltkrieg funkt dazwischen: Vier Jahre lang ist Röhl Soldat,
       kommt zurück nach Weimar, in eine aufgewühlte Welt, gerade von der Kunst
       her betrachtet. Eben wurde oft noch altmeisterlich gemalt, dann zeigte der
       Expressionismus seine Ecken und Kanten, aber etwas noch grundlegender Neues
       muss her, der erschütterten Welt eine neue Formsprache zu geben, dass sie
       eine Zukunft hat.
       
       Röhl taucht ein in die studentische Szene, um ihn herum gruppieren sich
       Freunde, Gleichgesinnte, Wesensverwandte. Es geht um die großen Dinge: den
       Neuen Menschen, den Kosmos, die Kunst drum herum, darum, wie alles
       zueinanderfinden kann. Von der Weltenwende ist gerne die Rede, da will man
       dabei sein, will sie gestalten und formen.
       
       Manchmal wird es auch radikal politisch, dann ist etwa ein Mann namens Hugo
       Hertwig gern gesehener Abendgast; ein bekennender Linksradikaler, ein
       Anarchist, entsprechend steckbrieflich gesucht – aus dem später ein
       Heilkundler und Verfasser heroischer Arzt-Biografien werden wird. Überhaupt
       muss es eine wilde Mischung gewesen sein, aus Personen und Positionen, aus
       Ansichten und Absichten; Röhl etwa wird im Mai 1934 NSDAP-Mitglied, bereits
       ein Jahr vorher hatte er die Mitgliedschaft beantragt.
       
       Die Ausstellung erwähnt dies kurz, geht dem nicht nach, [3][wie kann es
       sein, dass ein so rebellischer Geist sich den Nazis andient]; sondern setzt
       ihren Fokus allein auf Röhls exemplarisches Anfangsschaffen, denn
       zusätzlich zum Freundeskreis formiert sich damals in Weimar bald die „Freie
       Vereinigung“, ein Zusammenschluss von veränderungsentschlossenen
       Studierenden, der weit mehr sein will als nur eine bloße
       Interessenvertretung: Wo die Kunst auf den Kopf gestellt werden soll, gilt
       das ebenso für deren Ausbildungsstätten. Alles soll anders werden.
       
       Auftritt Walter Gropius, der im April 1919 aus der Weimarer
       Kunstgewerbeschule und der dortigen Akademie sein Bauhaus schmieden wird,
       wohlgemerkt als staatliche Institution. Vor Ort trifft er auf eine illustre
       und vor allem selbstbewusste Studentenschar, die seine Reformideen
       entschieden begrüßt; die mitwirken will, aber auch mitgenommen werden will.
       
       Besonders Röhl ist zunächst begeistert von dem zupackenden Direktor, der
       auf Kunst als das Erlernen von Handwerk(en) setzt und den sphärischen
       Geniekult nach Hause schickt. Röhl darf anfangs die Wandmalerei-Werkstatt
       leiten, auch ohne selbst Meister zu sein; er gewinnt den Wettbewerb für das
       erste Bauhaus-Signet: [4][ein Strichmännchen, das den Himmel trägt], ein
       „Sternenmännchen“ auf dünnem Papier. Die Swastika, die sein linker Arm
       bildet, ist damals noch nicht einschlägig politisch besetzt. In Eutin hängt
       es nun im schweren, dunklen Holzrahmen.
       
       Es treffen zwei Welten aufeinander. Da ist die freie, durchaus
       selbstbewusste Malerei Röhls und seiner Entourage, die sich nicht
       vorschnell ins Korsett einer zielgerichteten Bauhaus-Kunst zwingen lassen
       will. Gropius wiederum ist enttäuscht, als er vor den zuweilen
       farbexplosiven Gemälden seiner Anhänger steht, von denen einige auch in der
       Ausstellung zu sehen sind. Etwa Röhls „Rhythmisch-lineare Komposition in
       schwarz und rot VIII“: ein getuschter dynamischer Flickenteppich aus roten
       und schwarzen Linien, Strichen und Flächen. Daraus lassen sich doch keine
       zeitlos-modernen Produkte fertigen!
       
       Auch versucht Gropius immer wieder seine diskussionsfreudigen Unterstützer
       [5][zu politischer Enthaltsamkeit zu bewegen. Zu viel Revolutionsgeraune],
       und die städtischen Geldgeber drehen ihm womöglich den Geldhahn zu.
       
       Und weil das Politische schon damals persönlich ist: Zu Röhls Freundeskreis
       wie zur Freien Vereinigung gehört auch Alexandra Gutzeit. Sie und Röhl
       lernen sich näher kennen – mit Folgen für die aufstrebende Schülerin im
       Fach Architektur, der Königs- und auch Königinnendisziplin am Bauhaus: „In
       dem Moment, wo die beiden heiraten, meldet Röhl sie beim Bauhaus ab – sie
       habe jetzt andere Verpflichtungen, gibt er an“, erzählt Sophie Matuszczak.
       
       „Neben allen Bekenntnissen zur Avantgarde und so aufrührerisch man sich
       gab, am Ende folgte man doch auch konservativen Mustern, so erging es
       vielen Frauen am Bauhaus ähnlich.“ Die Ehe hielt nicht allzu lange, Gutzeit
       ließ sich scheiden, absolvierte eine Schneiderinnenlehre und eröffnete ein
       Modeatelier am Kurfürstendamm. Später wurde sie Schriftstellerin.
       
       ## Leidenschaft fürs Neue
       
       Parallel ist Johannes Itten am Bauhaus eingetroffen; er hat aus Wien gut 20
       auf ihn eingeschworene SchülerInnen mitgebracht, dazu kommen sein
       esoterisches Weltbild und vor allem sein autoritärer Unterrichtsstil. Röhl
       besucht noch Ittens Vorklasse, aber dann wechselt er im April 1921 auf die
       neugegründete „Staatliche Hochschule für Bildende Kunst“, die sich die
       Weimarer Stadtväter trotz angeblicher Geldnot, mit der sie Gropius immer
       wieder unter Druck zu setzen suchen, parallel zum Bauhaus leisten.
       
       Zugleich ist Röhls Leidenschaft für das Neue, das so Andere noch nicht
       erloschen: Diesmal packt ihn die abstrakt-geometrische Welt des
       Niederländers und Bauhaus-Meisters Theo van Doesburg, dessen reduzierte
       Kompositionen aus minimalen Farbfeldern unter dem Slogan „De Stijl“ Röhl
       inspirieren, und bald ist es wie früher: Man malt alles neu und man trifft
       sich, streitet und ereifert sich über Gott und die Welt, diesmal jeden
       Mittwochabend bei Röhl im Atelier.
       
       Und weil man so im Schwung ist, sucht man Kontakt in die Dada-Szene,
       veranstaltet den „Internationalen Kongress der Konstruktivisten und
       Dadaisten“: Kurt Schwitters kommt vorbei, Hans Arp, El Lissitzky. Überhaupt
       sind viele da, bei deren Namen man heute anerkennend nickt, aber alle sind
       sie auch bald wieder weg.
       
       Wie überhaupt die kleine, feine Eutiner Ausstellung einem am Ende klar
       macht: Es sind gerade mal zwei Jahre, in denen die so lange gefestigte
       bürgerliche Kunstwelt aus den Fugen gerät, auf dass die jungen Leute mit
       Wucht Neues erproben, es sind aber auch nur zwei Jahre. In denen sich
       weniges festigen kann. So wie Röhl bald manche seiner De-Stijl-Bilder
       übermalt, und seine Arbeiten tragen wieder Titel wie „Sommerliches
       Kornfeld“ oder „Winterlandschaft“.
       
       7 May 2026
       
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