# taz.de -- Frauen*streik am 09. März: Störung im Betrieb
> Ein Tag nach dem Frauentag wird am 9. März zum Frauen*streik
> aufgerufen. Das Töchter-Kollektiv will sichtbar machen, wer den Alltag
> trägt.
(IMG) Bild: Den Betrieb empfindlich stören: einfach, indem man nichts tut
Am 9. März soll die Arbeit in Büros oder Betrieben, sondern auch in Küchen,
Kitas, Pflegeheimen oder Wohnzimmern stillstehen. Unter dem Motto „[1][Ohne
uns steht alles still]“ ruft das Töchter-Kollektiv zum Frauen*streik auf.
Auch andere feministische Initiativen wie das Bündnis Enough! Genug!
mobilisieren rund um dieses Datum zu Aktionen. Der Streik folgt bewusst auf
den Internationalen Frauentag am 8. März, der in diesem Jahr ja auf einen
Sonntag fällt. Gemeint ist mehr als nur ein Demonstrationstag: Frauen
sollen bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen – und damit sichtbar
machen, wer den Alltag eigentlich trägt und was geschieht, wenn diese
Arbeit kollektiv verweigert wird.
Warum gerade jetzt? Die Widersprüche sind längst messbar. [2][Noch immer
verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt rund 16 Prozent weniger pro
Stunde als Männer]. Über das Erwerbsleben summiert sich dieser Abstand und
erhöht das Risiko von Altersarmut. Gleichzeitig übernehmen Frauen weiterhin
den Großteil unbezahlter Sorgearbeit: Pflege von Angehörigen,
Kinderbetreuung, Organisation des Alltags. Während Gleichstellung politisch
beschworen wird, geraten soziale Infrastrukturen unter Druck, Kitas und
Pflegeeinrichtungen arbeiten am Limit.
Für Jennifer Follmann vom Töchter-Kollektiv ist der Aufruf gerade jetzt
kein Zufall. Viele Menschen hätten sich zuletzt politisch ohnmächtig
gefühlt. Der Streik solle diese „Schockstarre“ durchbrechen. „Wir haben
gerade nur noch diese Möglichkeit der Kehrtwende“, sagt sie. Wenn Rechte
beschnitten würden und politische Debatten sich verschärften, müsse man den
Moment nutzen, „um noch etwas herumreißen zu können“.
Politische Streiks setzen dort an, wo die empfindlichen Stellen von
gesellschaftlichen Abläufen liegen: bei der Arbeit. Produktionsstillstand
gilt seit jeher als Druckmittel sozialer Bewegungen. Der Frauenstreik
greift diese Logik auf – erweitert sie aber. Denn nicht nur Fabriken oder
Büros halten Gesellschaften am Laufen. Auch die Sorgearbeit in Haushalten,
Pflege und Betreuung sichert täglich die sozialen Grundlagen des Alltags.
Bis heute leisten Frauen den Großteil dieser oft unbezahlten Arbeit und
sind auch überdurchschnittlich häufig in schlecht bezahlten Care-Berufen
beschäftigt.
## Die Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität
Was oft als private Aufgabe gilt, trägt tatsächlich das Funktionieren der
ganzen Gesellschaft. Die feministische Ökonomie beschreibt Care-Arbeit seit
Jahrzehnten als zentrale Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität.
Follmann spricht deshalb von „unsichtbarer Arbeit“, ohne die der Alltag
nicht funktionieren würde. Gleichzeitig betont sie eine Grenze der
Strategie. Anders als manche Unterstützer:innen formuliert das
Töchter-Kollektiv seinen Aufruf bewusst nicht als Generalstreik.
Politische Generalstreiks sind im deutschen Streikrecht nicht vorgesehen
und könnten Beschäftigte ohne gewerkschaftlichen Schutz rechtlichen Risiken
aussetzen. „Wir wollen niemanden in Gefahr bringen“, sagt Follmann.
Stattdessen setzt die Bewegung auf unterschiedliche Formen der Beteiligung
– von Demonstrationen bis zu „stillem Protest“ im Alltag, etwa durch kurze
Arbeitsunterbrechungen, Banner aus Fenstern oder das bewusste Aussetzen von
Sorgearbeit.
## Eine Idee mit Tradition
Der Blick zurück zeigt, dass diese Idee Tradition hat. Am 24. Oktober 1975
legten in Island rund [3][90 Prozent der Frauen ihre Arbeit] nieder, um
gegen Lohnungleichheit und mangelnde Anerkennung von Care-Arbeit zu
protestieren. Reykjavik kam ins Stocken, Betriebe schlossen,
Kinderbetreuung fiel aus. Der „Women’s Day Off“ machte sichtbar, dass
gesellschaftliche Ordnung täglich reproduziert wird – und unterbrochen
werden kann.
Auch in Deutschland wurde diese Machtprobe bereits versucht: 1994 riefen
feministische Gruppen im Streit um die Neuregelung des Paragrafen 218 zu
einem bundesweiten Frauenstreik auf. Hunderttausende beteiligten sich an
Aktionen und Demonstrationen. Doch der Protest blieb anlassbezogen und
entwickelte weder dauerhafte Strukturen noch eine breite gewerkschaftliche
Verankerung.
Heute sind die Voraussetzungen andere. Mobilisierung funktioniert
schneller, Netzwerke entstehen über soziale Medien. „Die Zugänge sind
barrierefreier geworden“, sagt Follmann. Auch das Töchter-Kollektiv – das
sich als Reaktion auf die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz, man
solle doch „seine Töchter fragen“, [4][was er mit „Problemen im Stadtbild“
meine], formierte – ist rasch gewachsen: Inzwischen organisieren sich
Hunderte Menschen in lokalen Gruppen, viele von ihnen erstmals politisch
aktiv.
Der Frauenstreik steht zudem in einem internationalen Zusammenhang. In
Argentinien mobilisierte [5][die Bewegung „Ni Una Menos“] mit Streiks gegen
Femizide, in Spanien beteiligten sich Millionen an feministischen
Arbeitsniederlegungen rund um den 8. März, in Polen gingen Frauen
massenhaft gegen Abtreibungsverbote auf die Straße. Solche Erfahrungen
dienen auch in Deutschland als Bezugspunkt. Gleichzeitig sieht Follmann
Unterschiede in der politischen Kultur. In Deutschland, sagt sie, ordneten
sich viele Menschen stärker bestehenden Strukturen und Regeln unter.
Protest müsse hier oft erst gelernt werden. „Wir sind nicht renitent genug
gegenüber unseren Strukturen.“
Ob am Ende tatsächlich Betriebe stillstehen oder vor allem Plätze gefüllt
werden, ist noch offen. Kritiker:innen werden den 9. März als Symbolpolitik
abtun. Für Jennifer Follmann greift dieser Vorwurf zu kurz. Die Reaktionen
auf den Aufruf – von Spott bis zu offenen Angriffen in sozialen Medien –
deuten für sie eher darauf hin, dass das Thema nervös macht. „Ich glaube,
das ist Angst“, sagt sie.
Für das Töchter-Kollektiv ist der 9. März ohnehin ein Anfang. Die
dezentralen Strukturen der Bewegung sollen bestehen bleiben, weitere
Demonstrationen sind geplant. Bleibt politische Reaktion aus, müsse man
überlegen, so Follmann, „wo man nachschärfen kann und wo es für
Institutionen unbequemer wird“.
9 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://toechterkollektiv.de/
(DIR) [2] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_453_621.html
(DIR) [3] /Kampf-um-Gleichberechtigung/!6127319
(DIR) [4] /Migrationsdebatten/!6126157
(DIR) [5] /Feministischer-Protest-in-Argentinien/!6015244
## AUTOREN
(DIR) Derya Türkmen
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