# taz.de -- taz-Männer über Männer und Frauen: „Ich würde mich als abtrainierten Macho bezeichnen“
> Wann ist Mann ein guter Feminist? Das wollten taz-Redakteurinnen von
> ihren männlichen Kollegen wissen – und haben ihnen Fragen gestellt.
(IMG) Bild: Außen hart und innen ganz weich?
Erste Frage: Kannst du mit [1][dem Begriff Flinta*] etwas anfangen?
Mann 1: Ich bin ehrlich gesagt etwas unsicher.
Mann 2: Ich weiß, was die Buchstaben bedeuten. Aber das Sternchen
überfordert mich.
Mann 3: Ich war mal bei einem Flinta-Fußballturnier. Ich verstehe das so:
Alle sind gemeint, außer Leute, die sich als Männer sehen.
Mann 4: [2][Cis-Männer], oder?
Mann 5: Ich stolpere immer noch über diese Form von Bezeichnungen. Wie
wichtig ist das Identitäre für die Debatte? Ich musste mich echt daran
gewöhnen, dass Begriffe wie LGBTQI immer zentraler werden.
Mann 3: Ich glaube ja, dass 95 Prozent der Bevölkerung gar nicht wissen,
was das bedeutet.
Mann 1: Man schließt damit auch Leute aus, die man eigentlich gewinnen
will.
Mann 3: Aber wenn man neue Begriffe einführen will, muss man sie auch
verwenden, sonst setzen sie sich nicht durch.
Mann 4: Ich bin ja einer von den Alten hier. In den Nuller Jahren [3][war
die taz berühmt für ihr Binnen-I,] aber außer der Frauenredakteurin hat das
kaum jemand verwendet. In den letzten zehn Jahren ist das immer mehr
geworden. Jüngere Kolleginnen konfrontieren mich auch mal: „Da hast du
Zeugs geschrieben, wie denkst du dir das?“
Mann 6: Ich finde den Begriff Flinta als politisches Projekt sinnvoll. Dass
das jetzt sichtbarer wird, liegt doch daran, dass Queersein früher stärker
unterdrückt wurde.
Zweite Frage: Gibt es Dinge, die du bewusst machst, um feministischer zu
sein?
Mann 5: Also ich würde mich selbst als abtrainierten Macho bezeichnen. Ich
versuche heute, mehr zuzuhören.
Mann 3: Ich habe das Gefühl, dass die taz schon ziemlich feministisch ist
mit ihren drei Chefinnen. Aber privat, bei der Kindererziehung, versuche
ich darauf zu achten, dass ich Klischees nicht verstärke: Ich versuche
selber keine Macho-Sprüche zu machen und sage was dagegen, wenn andere zum
Beispiel über Frauenfußball lästern.
Mann 6: Ich war mal Teil einer Männer-Gruppe, in der wir uns auch über
unsere Sozialisierung unterhalten haben. Ich fand es spannend, wie sehr ich
mich erst durch die Erzählungen der anderen selbst erkannt habe. Da habe
ich auch den Widerstand gegen den Feminismus gespürt, die Angst, dass einem
etwas weggenommen wird.
Mann 2: Mir fällt es manchmal schwer, nicht so stark zu bewerten. Wenn zum
Beispiel eine Frau zu mir sagt, dass sie sich in einer Situation unwohl
gefühlt hat, dann neige ich dazu, das zu kommentieren und vielleicht
dadurch zu delegitimieren. Das versuche ich sein zu lassen.
Mann 7: Ich habe Nichten und Neffen, die auf dem Land leben. Dort habe ich
in der Kita und Grundschule sehr traditionelle Rollen mitbekommen. Als
schwuler Onkel sehe ich es als meine Aufgabe, ein bisschen
entgegenzuwirken. Zum Beispiel durch Bücher, die ich verschenke. Und in
schwulen Runden, die manchmal auch sehr misogyn sein können, versuche ich
dann zu widersprechen. Generell in Männerrunden, da entwickelt sich ja oft
eine ganz eigene Dynamik.
Mann 5: Redest du dann bewusst über Feminismus?
Mann 7: Das wäre fatal, da kommen dann sofort Abwehrmechanismen. Kluge
Fragen oder Humor funktionieren besser.
Dritte Frage: Angenommen, im Redaktionsalltag macht ein männlicher Kollege
gegenüber einer Praktikantin eine anzügliche Bemerkung oder rückt ihr zu
nahe. Wie reagierst du?
Mann 5: Gegenüber einer Praktikantin – ah okay, also Machtgefälle ist mit
drin.
Mann 3: Ich kann mich nicht erinnern, dass es so was in der taz schon mal
gab. Die Frage ist doch auch: Wo fängt das an, wo hört es auf? Das zu
erkennen ist für uns Männer vielleicht die größte Schwierigkeit. Vielleicht
sollte man erst mal die Frau fragen, wie sie das wahrgenommen hat.
Mann 2: Sonst kommt eine Übergriffigkeit nach der Übergriffigkeit.
Mann 1: Aber würde sich eine Praktikantin überhaupt trauen, etwas zu sagen?
Bin ich mir nicht so sicher.
Mann 8: Man kann damit auch zur Vertrauensstelle gehen.
Mann 4: Dann lagert man es doch wieder aus. Aber ich kann mich auch an
keine Situation in der taz erinnern.
Mann 2: Also ich erinnere allein aus den letzten Jahren zwei schwierige
Situationen.
Mann 3: Und wie wurde das gelöst?
Mann 2: Über die Vertrauensstelle und mit Nachbesprechung mit der
Chefredaktion.
Vierte Frage: Welche Rolle spielt Menstruation in deinem Leben?
Gelächter.
Mann 7: Keine große, weil ich nicht in einer Partnerschaft mit einer
menstruierenden Person bin.
Mann 2: Also ich habe immer Tampons zu Hause, obwohl ich allein wohne, für
meine weiblichen Gäste oder menstruierende Personen.
Mann 7: Tolle Idee, das schreibe ich mir gleich auf!
Mann 5: In meinem Leben ist das ganz schön heftig. Ich weiß immer ganz
genau, wie der Zyklus meiner Partnerin ist, und zwar durch den Umgang
miteinander. Es gibt viele Tage, an denen ich denke, jetzt halt ich besser
die Klappe, das liegt an den Hormonen.
Mann 3: Ach, interessant. Bei meiner Frau und 16-jährigen Tochter kriege
ich sehr wenig mit. Ich merke gerade, dass ich noch nie nachgefragt habe,
ob meine Tochter damit Probleme hat.
Mann 5: Menopause und Menstruation, das sind gerade auch ganz große Themen
bei den Sachbüchern.
Mann 7: Ich habe das Thema gerade so abgetan. Aber eigentlich ist es ja
total irre, weil ich in der taz mit vielen Personen zu tun habe, die
menstruieren. Aber das ist selten Thema.
Mann 8: Mir hat eine Kollegin neulich gesagt, dass sie gerade ihre Tage
hat. Zuerst war ich irritiert, weil es mir so intim vorkam, aber eigentlich
fand ich das ganz gut.
Mann 3: Beim [4][Frauenfußball] gehen die Stars jetzt auch viel offener
damit um und sagen dann zum Beispiel, dass sie nicht trainieren können oder
lassen sogar ein Spiel ausfallen. Ich denke, das ist ein wichtiges Signal,
wenn das so Stars, so richtige Leistungsträgerinnen machen.
Mann 6: Die Erwartung, dass du jeden Tag die gleiche Leistungsfähigkeit
haben musst, kommt doch daher, dass die Arbeitswelt für Männer geschaffen
wurde.
Mann 3: Wenn Ricarda Lang sagen würde, sie kann nicht zum
Koalitionsausschuss kommen, weil sie ihre Tage hat – das wäre immer noch
eine Sensation.
Fünfte Frage: Beschreibe eine Situation aus deiner Vergangenheit, in der du
dich unfeministisch verhalten hast. Was würdest du heute anders machen?
Mann 6: Boah.
Längere Pause.
Mann 5: Mir wurde mal von einer Chefredakteurin gesagt, dass ich mich
unfeministisch verhalten würde, weil ich ihr nicht hundertprozentig Recht
gegeben habe. Die war aber mehr Macker als jeder Typ.
Mann 3: Mir passiert es sicher noch in Diskussionen, dass ich zu sehr auf
laute Männer höre und weniger auf leisere Frauen. Das ist aber nicht nur
bei mir so …
Mann 4: In der Tat.
Mann 6: Ich habe schon oft mitgelacht, wenn sexistische Witze gemacht
wurden. Irgendwie im ersten Moment, so haha. Auch wenn ich mich unwohl
gefühlt habe, war ich oft nicht in der Lage, das Gesagte zu
problematisieren und zu sehen, dass darin eine Objektifizierung von Frauen
drinsteckt, die nicht gut ist.
Mann 5: Akzeptiert ihr es eigentlich, wenn bei einer Konkurrenzsituation
zwischen Autor und Autorin einfach gesagt wird: Diesen Kommentar muss jetzt
eine Frau schreiben?
Mann 4: Ich sehe, dass wir bei Kommentaren ein totales Ungleichgewicht
haben, obwohl wir in der taz gut quotiert sind. Ich akzeptiere dann
einfach, dass es zum Mannsein gehört, einfach mal die Klappe zu halten.
Auch wenn es mir zugegebenermaßen schwerfällt.
Mann 5: Warum kommentieren Frauen denn weniger?
Mann 2: Frauen werden für das Gleiche oft ganz anders behandelt und auch
ganz anders fertiggemacht, häufig in krass sexistischer Weise.
Mann 8: Ich sehe bei weiblichen Kolleginnen oft eine Zurückhaltung, die
Männer nicht haben. Ich finde, es ist auch ihre Aufgabe, sich ins Spiel zu
bringen.
Sechste Frage: Wurde dir in einer Partnerschaft schon einmal vorgeworfen,
dass du dich zu wenig um Haushalt, Geschenke besorgen oder Carearbeit
kümmerst?
Mann 4: Ja. Ja und ja.
Mann 5: Ja. Und mit Recht.
Mann 3: Ja. Wir haben deshalb Strichlisten eingeführt, was die Hausarbeiten
angeht. Ganz penibel: Spülmaschine ausräumen, Möbel tragen, Wäsche machen,
immer ein Strich.
Mann 5: Ich akzeptiere es für gewöhnlich, wenn mir das gesagt wird – mit
einer Ausnahme. Es gibt nicht nur einen male gaze (männlicher Blick),
sondern auch einen female gaze – und der bezieht sich darauf, wie sauber
Sachen sein müssen. Wenn wir Besuch haben von ihren Freundinnen, dann muss
die ganze Wohnung grundgereinigt werden. Ich sage dann: Mach dich mal
locker. Und sie sagt: Nein, wenn irgendwo Staub ist, dann fällt es auf mich
zurück als Frau. Da bin ich unwillig, ihre Standards einzuhalten.
Mann 7: Das heißt, sie putzt dann einfach mehr?
Mann 5: Zwei Tage lang knallt sie durch. Wenn ihre Mutter kommt, dann ist
sie gar nicht mehr ansprechbar.
Mann 6: Ich kenne das auch noch von meiner Mutter, das hat mich als Kind
extrem gestresst.
Mann 4: Ich habe mich mit meiner früheren Partnerin oft darüber gestritten,
wer den Müll runter bringt. Wir waren uns uneinig, wann der richtige
Zeitpunkt ist.
Mann 7: Also wann er voll ist?
Mann 4: Ja, ob man den Mülleimer runterbringt, wenn er kurz davor ist, voll
zu werden oder erst dann, wenn er fast überläuft. Wir hatten halt
unterschiedliche Maßstäbe – was aber dazu geführt hat, dass sie in 90
Prozent der Fälle den Müll runtergebracht hat.
Mann 3: Es ist auch nachhaltiger, wenn man den Beutel ganz voll macht.
Mann 7: Ist das nicht eine wahnsinnig feige Ausrede? Organisierte
Verantwortungslosigkeit?
Mann 4: Nein. Wenn ich alleine wohnen würde, würde ich den Müll auch länger
stehen lassen.
Mann 3: Was Essen kochen angeht, ist es bei mir im Freundeskreis fast
fifty-fifty. Und es gibt einige Fälle, wo der Mann penibler ist. Das ist
doch schon alles im Wandel.
Mann 5: Alle sollten sich mal ein bisschen locker machen.
Mann 7: Was mir hier jetzt fehlt: Man kann unterschiedliche Standards haben
und trotzdem Sachen einfach aus Zuneigung und Liebe tun.
Mann 2: Ich kann die Frage nur begrenzt beantworten, weil ich immer alleine
gewohnt habe. Aber in Urlauben mit Freundinnen habe ich nie gekocht.
Vielleicht durfte ich da mal eine Zwiebel schneiden.
Mann 3: Viele Männer sind halt mit irgendwas Primitivem zufrieden.
Irgendwie ’ne Dose warm machen.
Siebte Frage: Fühlst du dich als Mann manchmal angegriffen?
Mann 1: Ich ärgere mich manchmal über unsere Berichterstattung. Es gab mal
diesen Fall von einem Vater, der bis zum Bundesgerichtshof klagen musste,
damit er sein Kind betreuen darf. Das wurde bei uns nicht groß berichtet.
Da fühle ich mich dann selber angegriffen, als Vater, auch als getrennter
Vater. Die sind in unserer Berichterstattung schnell in dieser Ecke:
übergriffig, gewalttätig, zahlen den Unterhalt nicht. Auch das Wort
[5][Väterrechtler] ist bei uns so ein negativer Begriff. Dabei geht es doch
um Väter, die für ihre Rechte kämpfen wollen. Das ist eigentlich positiv.
So wie Menschenrechtler.
Mann 8: Ja gut, da gibt es aber schon auch begründete Kritik. Was mir noch
einfällt: [6][Bei der letzten Dunkelfeldstudie zu Gewalt] in Beziehungen
kam heraus, dass erstaunlich häufig auch Männer Opfer von Gewalt werden. Da
wurde viel diskutiert in der Redaktion, und es ging schnell um schwule
Beziehungen. Aber dass Männer auch Opfer ihrer Partnerinnen werden können
und dass das vielleicht ein wenig beachtetes Phänomen ist, ist nicht so auf
Resonanz gestoßen. Was ich sagen will: Ich wünsche mir manchmal eine
Offenheit dafür, dass es auch Männer und Jungs wegen ihres Geschlechts
nicht leicht haben können, ohne dass das relativieren soll, dass Frauen
ungleich stärker von Gewalt und Ungleichheit betroffen sind.
Achte Frage: Gibt es feministische Anliegen, die dir zu weit gehen?
Mann 7: Ich wollte mal mit einem Freund in eine Bar und die haben uns nicht
reingelassen, weil Flinta-Tag war. Ich war schon etwas enttäuscht, habe das
aber akzeptiert. Der Freund ist dagegen völlig ausgeflippt und hat so ein
rechtliches Ding draus gemacht. Von wegen Diskriminierung. Wie denkt ihr
darüber?
Mann 3: Hab ich noch nie erlebt.
Mann 7: Du gehst halt nicht in so Bars.
Mann 3: Also mir würde es zu weit gehen, wenn es genaue Vorschriften für
Schreibweisen gäbe.
Mann 7: Darf ich da kurz einwerfen, dass es nie ein Gesetz gab, dass das
Gendern vorgeschrieben hat. Dass es aber jetzt Vorschriften gibt, die das
Gendern verbieten?
Mann 2: Ich hadere aber auch manchmal mit Sprache. Ich erinnere mich an
eine Situation, in der ich von meiner Omi gesprochen habe und ich
berichtigt wurde: Das ist eine weiblich gelesene Person. Da wurde ich auf
so belehrende Art und Weise beschnitten – da wusste ich gar nicht mehr, wie
ich mich verhalten soll.
Mann 6: Ich habe noch eine Sache, die mir in der Diskussion fehlt. Über
wessen Feminismus sprechen wir eigentlich? Es gibt ja traditionell weißen
Feminismus und der wurde um intersektionale Perspektiven erweitert. Die
weiße Hausfrau hat nicht die gleichen Probleme wie eine Schwarze
Küchenhilfe. Wichtig sind auch die Perspektiven von Männern of Color – wie
denken sie zu Feminismus? Da können wir jetzt in dieser Runde, mit dieser
Besetzung, nicht einsteigen. Ich wollte es aber mal in den Raum stellen.
Neunte Frage: Macht dich Feminismus freier?
Mann 3: Man profitiert auf jeden Fall davon. Wenn von Männern nicht
automatisch erwartet wird, technische Sachen zu können, wenn sie mehr
Schwäche zeigen können, dann macht das auf jeden Fall freier.
Mann 8: Ich glaube, mein Vater hat wahnsinnig doll unter den Erwartungen
gelitten, die an ihn gestellt wurden. Das hat ihn körperlich kaputt
gemacht. Das hat auch mit fehlendem Feminismus zu tun. Gleichzeitig ist es
auch anstrengend, jeden Tag Rollen zu hinterfragen oder zu versuchen, sie
anders auszufüllen.
Mann 1: Zu den Vätern – es ist oft total traurig, wie wenig Beziehung die
damals zu ihren Kindern entwickelt haben. Klar ist das neue Aushandeln
anstrengend. Aber dass wir mehr mitmischen in der Kindererziehung, das ist
eigentlich ein Privileg. Wir gewinnen so viel dadurch im Vergleich zu
unseren Vätern.
Mann 6: Es ist vielleicht ein banales Beispiel, aber ich habe in den
letzten Jahren angefangen, weniger standard-männliche Kleidung zu tragen.
Jetzt habe ich Spaß an Röcken und merke: Wow, es gibt noch viel mehr
Möglichkeiten sich anzuziehen, als es einem mal vorgeschrieben wurde.
Mann 3: Ich finde es auch gut, dass ich jetzt doppelt so viel Fußball
gucken kann.
Gelächter.
Mann 8: Das ist doch jetzt ein schönes Schlusswort.
Wie mit den Männern im Vorfeld besprochen, haben wir die einzelnen Aussagen
anonymisiert – für ein möglichst offenes Gespräch. Teilgenommen haben:
Sean-Elias Ansa (Regie), Kersten Augustin (Inland), Gereon Asmuth (Regie),
Stefan Hunglinger (wochentaz), Mitsuo Iwamoto (wochentaz), Dirk Knipphals
(Kultur), Lukas Wallraff (Seite-1-Macher), Jost Maurin (Wirtschaft und
Umwelt).
7 Mar 2026
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