# taz.de -- Feministisches Bauen: Stadtbild für alle
> Kinder, Singles oder Obdachlose bewegen sich verschieden durch Städte.
> Wie können wir sie trotzdem mitdenken? Ein feministischer
> Gedankenspaziergang.
(IMG) Bild: „Für wen Multikulti ein Reizwort ist, bleibt besser fern“ – am Berliner Kottbusser Tor treffen viele Welten aufeinander
Wenn die Bahn am Kottbusser Tor einfährt und einen gelben Streifen durch
den Himmel zieht, flattern die Tauben über den Platz. Nach einer Weile
lassen sie sich wieder nieder. Mal vereinzelt, mal zusammen. Der „Kotti“
ist umrandet von Hochhäusern, viel sozialer Wohnungsbau. Menschen mit
diversen Geschichten, Wünschen und Bedürfnissen, Neu- und
Altberliner*innen leben hier. Für wen Multikulti ein Reizwort ist,
bleibt besser fern.
Ende Februar steht hier Frieda Grimm, bereit für einen Gedankenspaziergang.
Seit Langem beschäftigt sich die 30-Jährige damit, wie eine feministische
Stadt aussehen könnte, eine mit dem Anspruch, diverse Lebensrealitäten zu
berücksichtigen. Denn traditionell wurden Städte [1][eher von Männern für
Männer geplant und gebaut.] Feministische Perspektiven wollen daher Normen
hinterfragen. Bauten und Körper, der Kampf um Raum, all das ist eng
verwoben. Wer wo Platz findet, hängt vom Standpunkt ab. Vom Startpunkt. Vom
Startkapital.
Grimm wohnt selbst in einem Mehrgenerationenprojekt, sie hat urbane Zukunft
und Architektur studiert, beschäftigt sich aktivistisch und auch beruflich
in einer Genossenschaft mit solidarischer Stadtentwicklung. Als Treffpunkt
hat sie [2][das Gecekondu] vorgeschlagen. 2012 entstand die Holzhütte bei
einer Besetzungsaktion von Kotti und Co., einer Mieter*inneninitiative, die
gegen zu hohe Mieten und Rassismus kämpft. Bis heute ist die Hütte
geduldet, Vernetzungsraum für die Nachbarschaft und für Grimm „ein
motivierendes Beispiel, dass es sich lohnt, gemeinsam zu kämpfen“. Für
Wohnraum und gegen Diskriminierung.
Eine Bordsteinkante ist für die einen nur eine Bordsteinkante, für andere
ist sie ein Hindernis. Menschen sind umgeben von denselben Straßen und
Häusern, aber die Wahrnehmung kann sehr unterschiedlich sein. Kinder,
obdachlose Menschen, Drogensüchtige oder Feierwütige bewegen sich nicht
gleich. Viel hänge „mit dem eigenen Körper, Erfahrungen, der Zuschreibung
von außen, der Sozialisation zusammen“, sagt Grimm.
Ein Gegenentwurf zur autogerechten Stadt, in der vor allem Männer zur
Arbeit und nach Hause fahren sollten, sei die 15-Minuten-Stadt. „Die
meisten bewegen sich eher im Zickzack, weil man bei der Apotheke noch ein
Rezept abholt und dann noch das Kind vom Kindergarten“, sagt Grimm. Das
gelte vor allem für Menschen, die Careaufgaben übernehmen. Kleiner Radius,
kurze Wege.
## Ein Ort für alle – gibt es den schon?
Rund um den Kotti ist das unideologisch entstanden: Wohnen und Gemüsemarkt,
Fahrrad- und Strickladen, alles liegt beieinander. Der Kotti ist Zuhause,
Arbeitsplatz, Ausgehort. [3][Müll, Armut, Alltag, Feiern, alles findet
gleichzeitig statt. Die Polizei nennt den Kotti einen
kriminalitätsbelasteten Ort,] unterhält extra eine Wache. Aber ob Polizei
mehr Schutz oder mehr Bedrohung bedeutet – auch das hängt vom Standpunkt
ab.
„Die Erfahrungen jeder Person bestimmen, was sie als angenehm und sicher
empfindet“, sagt Grimm. Das mache die Erforschung von Städten so spannend,
aber auch komplex. Manche sitzen bei Kälte in beheizten Wohnungen, andere
nicht. Wer gerechtere Städte wolle, müsse über „ökonomische Ungleichheit
sprechen“. Probleme ließen sich nicht nur mit Polizei, mehr Beleuchtung und
Überwachung lösen.
Grimm ist sicher, dass es nicht die eine perfekte Version einer
feministischen Stadt gibt. Es brauche „eine Offenheit, auf
gesellschaftliche Veränderungen einzugehen.“ Einfach ist das nicht. Sind
Häuser und Straßen mal gebaut, bleiben sie für Jahrzehnte. Aber der
öffentliche Raum kann verändert werden.
Am Oranienplatz, nur wenige Minuten entfernt, [4][steht ein Denkmal für die
Opfer von Rassismus und Polizeigewalt.] Es wurde 2020 von Unbekannten
errichtet. Eine schlichte Betonstele, Rosen liegen davor. „Es ist ein sehr
aktives Denkmal, ein schönes Beispiel für Erinnerungskultur“, sagt Grimm.
„Vielleicht wollen sich nicht alle mit Bismarck oder irgendeinem anderen
Kaiser beschäftigen.“
Um möglichst viele Diskriminierungsformen mitzudenken, müssten viele
Anwohner*innen mitgestalten dürfen. Wichtig seien auch „dritte Orte“,
also soziale Orte jenseits von Arbeit und Zuhause. „Aufenthaltsorte für
Jugendliche, Bibliotheken, Nachbarschaftsräume ohne Konsumzwang“, sagt
Grimm. „Manche Personengruppen brauchen öffentliche Räume mehr als andere,
weil sie weniger finanzielle Ressourcen haben.“ Andere bräuchten auch mehr
Schutz. Als Beispiel im Kiez nennt Grimm das Frauenzentrum
Schokoladenfabrik, das Angebote an Menschen richtet, die unter
patriarchalen Strukturen leiden. Dort endet der Spaziergang.
Nur in der Theorie seien öffentliche Räume allen zugänglich. Sportanlagen
werden im Sommer oft von Männern, gern oberkörperfrei, dominiert. Aber es
gäbe Versuche, das aufzubrechen: Das [5][feminist spaces collective] etwa
sucht diese Orte in Gruppen auf, um sie zugänglicher zu machen. Und in
Grimms Vision einer solidarischen Stadt finden neben unterschiedlichen
Menschen auch Pflanzen und Tiere ihren Platz.
8 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jasmin Kalarickal
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