# taz.de -- Obdachlosigkeit bei Frauen: „Haltet zusammen und verratet euch nicht“
> Obdachlose Frauen sind eine gefährdete Gruppe. Umso wichtiger seien für
> sie Schutzräume und Solidarität, erzählt Dilek, die selbst wohnungslos
> ist.
(IMG) Bild: Seit 1997 betreibt der SkF e.V. Berlin Evas Haltestelle, eine Tageseinrichtung für wohungslose und obdachlose Frauen
Die Frau, die sich der taz als Dilek vorstellt, ohne Nachnamen, ohne Alter,
ist regelmäßig anzutreffen in [1][Evas Haltestelle, einem Tagestreff für
wohnungslose Frauen]. Sie können hier waschen, duschen, etwas essen oder
einfach ausruhen. Sehr gern möchte Dilek über Solidarität sprechen:
Also erst mal: Ich kann mir selbst helfen. Aber es ist traurig, dass manche
70- oder 80-Jährige am Wochenende gezwungen sind, die ganze Nacht Ringbahn
zu fahren, weil es keine Unterkunft gibt. Es gibt Frauen, die sind blind
oder schwanger. Sie bräuchten eine ganz andere Versorgung, und es macht
mich wütend, dass es die nicht gibt.
Unter der Woche gibt es viele Orte, aber am Wochenende hat nur am Sonntag
der [2][Tagestreff Sophie] wenige Stunden geöffnet. Dabei brauchen wir
Schutzräume, brauchen Räume spezifisch für Frauen und auch mehr davon. Und
die Orte, die es gibt, brauchen mehr Gelder, damit sie nicht [3][nach
Jahrzehnten wie der Warme Otto kaputtgehen].
Soziale Einrichtungen geben uns Halt, sonst wären wir alle unter einer
Brücke. Und [4][ohne Schutzräume] sind Übergriffe, Vergewaltigung und sogar
Tötung vorprogrammiert. Das erlebe ich immer wieder: Sobald wir auf der
Straße sind, [5][werden wir als Freiwild gesehen. Wir haben immer unseren
Radar] überall.
Ich ziehe hin und her. [6][In der einen Notunterkunft kannst du drei Wochen
bleiben] und hast dann eine Woche Sperre. In der nächsten sind es dann je
zwei Wochen. Woanders sind es dann drei Wochen Sperre. Ich sage oft:
Verlasst euch nicht darauf, dass die Notunterkunft immer auf ist. Jemand
kann mal krank sein, da sollte man auch nicht drauf herumhacken. Generell
versuchen die Sozialarbeiterinnen aber alles, damit wir nicht auf der
Straße schlafen müssen.
## Wenn es hart auf hart kommt, hält man zusammen
Meine Gefährtinnen nenne ich Sisters oder Kumpelinen, manchmal auch gute
Kolleginnen. Freundinnen würde ich nicht sagen, [7][zu einer Freundschaft
gehört ja viel]. Mir reicht das so. Wenn es hart auf hart kommt, hält man
zusammen und das ist das Schöne, das nenne ich solidarisch. Selbst wenn wir
uns mal gezofft haben – sobald ein Ex kommt und Ärger machen will, haben
wir uns voreinander gestellt. Dann war Ruhe.
Oder wenn jemand eine von uns anbaggert, sagen wir, lass das mal. Wer
[8][Gewalt erlebt hat, weiß, was das heißt und möchte das anderen
ersparen]. Klar gibt es auch Fälle, wo eine die anderen in die Pfanne haut.
Aber dann nehmen wir uns die zur Brust. Ich sage immer allen: Haltet
zusammen und verratet euch nicht. Wir sind solidarisch und wir unterstützen
Schwächere.
Viele von uns schämen sich, sie [9][erzählen ihrer Familie nicht, dass sie
wohnungslos] sind. Oft sage ich es auch nicht. Aber letztens wollten wir im
Späti lose Bonbons kaufen. Als ich dem Verkäufer die Tüte hinhielt, wollte
er, dass wir sie abzählen. Da meinte ich: Guck mal, wir sind obdachlos und
daher übermüdet. Komm du mal in unsere Situation, das kann schneller gehen,
als viele denken. Dann sind wir gegangen.
Ich kann ja Berührungsängste nachvollziehen. Aber ich wünsche mir, dass
andere sich selbst ein Bild davon machen, wer wir sind. Gerade
Journalist*innen sollten sich informieren, bevor sie falsch berichten.
[10][Unter uns sind Polizistinnen, Architektinnen], ich kannte auch mal
eine, die war Kirchenrestauratorin. Hochgebildete, intelligente,
selbstständige Frauen, und alles Menschen. Viele von uns arbeiten. Wir sind
nicht alle psychisch krank. Und die, die vielleicht Psychosen haben, die
brauchen besondere Hilfe. Das zu verallgemeinern mit Vorurteilen, sehe ich
als Hasskriminalität.
Und selbst wenn eine um sich schlägt, oder die Sozialarbeiterinnen
beschimpft: Dahinter steckt manchmal die nackte Angst, weggeschickt zu
werden, weil Plätze fehlen. In den 1980er und 90er Jahren dachte ich mal,
es wird besser. Stattdessen gibt es mehr Steinzeitdenken. Die
[11][Obdachlosigkeit wird zunehmen, anstatt sie bis 2030] abzuschaffen.
8 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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