# taz.de -- Über die geschlechtergerechte Stadt: „Die Stadt ist gemacht für den weißen Mann in einem Auto“
       
       > Hamburg ist nicht für alle gebaut. Ein feministischer Stadtrundgang
       > zeigt, was fehlt. Das sind nicht nur öffentliche Toiletten, sagt Luise
       > Wolff.
       
 (IMG) Bild: Öffentliche Toiletten offenbaren ein Problem: Wird Geschlecht bei der Stadtplanung nicht mitgedacht, werden Männer bevorzugt
       
       taz: Frau Wolff, welche Orte in Hamburg zeigen besonders deutlich, dass
       unsere Stadt nicht für alle Menschen gleich gut funktioniert? 
       
       Luise Wolff: Eigentlich sieht man das schon gut bei öffentlichen Toiletten.
       Also, wie viele gibt es in der Stadt, [1][für wen sind sie gemacht] und wie
       zugänglich sind sie. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass es bei einer
       feministischen Stadt nicht um eine Stadt für Frauen geht, sondern eine
       geschlechtergerechte Stadt. Es gibt verschiedene Diskriminierungsformen und
       Geschlecht ist ein Aspekt. Es geht aber auch zum Beispiel um Rassismus und
       Klassismus.
       
       taz: Wer wird in der heutigen Stadtplanung in Hamburg besonders
       ausgeschlossen und wer wird im Gegenzug planerisch am meisten bevorzugt? 
       
       Wolff: Studien zeigen, wenn Geschlecht bei der Planung nicht mitgedacht
       wird, dass sie dann vor allem Männer zentriert und Männer bevorzugt.
       Benachteiligt werden alle, die davon abweichen, das sind zum Beispiel
       Frauen, aber auch nicht binäre und queere Personen. Die Stadt ist gemacht
       für den weißen Mann in einem Auto.
       
       taz: Und wie sieht das konkret aus? 
       
       Wolff: Besonders merken das Personen mit einer Behinderung, die ihre
       Mobilität betrifft – das sieht man auf jeden Fall auch im Stadtbild,
       beispielsweise an der Bodenbeschaffenheit und Hürden, die man einfach
       mitdenken und abschaffen müsste. Auch da fällt auf, dass die Stadt für
       Personen gemacht ist, die Auto fahren. Dann geht’s aber auch darum, wer ist
       überhaupt sichtbar in der Stadt. Das wird zum Beispiel daran deutlich, wie
       viele Straßennamen nach Frauen oder Personen of Color benannt sind.
       
       taz: Warum geht die Stadtplanung noch immer von einem neutralen
       Einheitsmenschen oder dem Mann aus? 
       
       Wolff: Das hängt damit zusammen, wer das entscheidet, das ist einfach
       historisch gewachsen. Es waren einfach sehr häufig Männer, die die Stadt
       für Männer konzipiert haben. Gar nicht unbedingt absichtlich. Aber es
       fehlten und fehlen andere Perspektiven. Deshalb ist es so wichtig, das
       intersektional zu betrachten und verschiedene Diskriminierungsformen
       mitzudenken, um mehr Perspektiven einzubeziehen. Und das heißt in der
       Schlussfolge auch, dass diese Personen auch in Entscheider*innen-Positionen
       müssen.
       
       taz: Reicht es also nicht, dass die Hamburger Behörde für Stadtplanung und
       Wohnen in den vergangenen 18 Jahren in Frauenhand war? 
       
       Wolff: Nein. Selbst wenn jetzt Frauen auf Entscheider*innen-Positionen
       sind, dann können sie immer noch weiße, nichtbehinderte, nicht von
       Klassismus betroffene Personen sein. Und dann fallen ja schon mal viele
       Perspektiven weg.
       
       taz: Scheitert inklusive Planung eher an der Erkenntnis, an den Ideen oder
       an der Umsetzung? 
       
       Wolff: Ich würde sagen, die Erkenntnisse sind da und es scheitert eher an
       der Umsetzung. In Wien beispielsweise gibt es seit 2013 ein Handbuch,
       [2][an dem sich die Stadtplanung orientieren soll]. Denn wer eingeschlossen
       wird, ist immer auch eine Ressourcenfrage.
       
       taz: Aber reicht ein Handbuch, wenn Gleichstellungsziele immer auch mit
       wirtschaftlichen Interessen, Wohnungsbau und Verkehr konkurrieren? Oder
       braucht es mehr Verbindlichkeit? 
       
       Wolff: Ich glaube, es braucht ganz konkrete Ziele, wie die [3][gerechte
       Stadt] aussehen soll. Aber manchmal macht es Sinn, einfach auch klein
       anzufangen. Bei breiteren Gehwegen für Personen mit Kindern zum Beispiel.
       
       taz: Wie könnte eine Stadt aussehen, die sich an unterschiedlichen
       Lebensrealitäten orientiert? 
       
       Wolff: Es muss gemeinschaftlicher gedacht werden, denn die Stadtviertel
       sind unterschiedlich gut aufgestellt. In einkommensstarken Vierteln gibt es
       mehr öffentliche Toiletten. Wichtig wäre, dass man die Stadt als Ganzes
       denkt und das Ziel ist, dass Menschen, egal wo sie leben, innerhalb von 15
       Minuten an den wichtigsten Orten, also Einkaufen, Arzt und Kita sind. Und
       wir brauchen gemeinsame Orte im Grünen, wo sich Leute begegnen können.
       
       6 Aug 2026
       
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