# taz.de -- Carearbeit und Alltag: Die sorgende Stadt
> Ein Kongress in Berlin diskutiert, wie die Stadt in Zukunft aussehen
> könnte. Vor allem geht es um die Bedürfnisse der Bewohner:innen.
(IMG) Bild: Elif Eralp (links im Bild), Berliner Bürgermeisterkandidatin für Die Linke, wirbt für „Kiezkantinen“
Elif Eralp, Bürgermeisterkandidatin der Linken bei der Berlin-Wahl im
September, hat schon eine konkrete Vorstellung davon, wie die feministische
Stadt von morgen aussehen könnte: „Sonntags könnte ich in ein Sorgezentrum
gehen, wo alle Bedürfnisse abgedeckt werden“, sagt sie.
Diese Sorgezentren, die es in jedem Stadtviertel geben soll, würden
Betreuungsangebote für Kinder und Alte, psychosoziale Beratung,
medizinische Angebote bündeln. Gleichzeitig sollen sie Begegnungsorte sein,
Orte der Kultur und Bildung, an denen Menschen zusammenkommen, ohne viel
Geld ausgeben zu müssen.
Die Sorgezentren machen es möglich, die Kinder für ein paar Stunden in
Betreuung zu geben, in der Zeit ein Sportangebot zu nutzen oder
Freund:innen zu treffen, erklärt Eralp. Günstiges und gutes Essen gibt es
auch, in der Kiezkantine. „Ich finde es eine tolle Vorstellung“, sagt Eralp
freudig.
Es ist Freitagabend im Stadtteilzentrum Kompass [1][in
Marzahn-Hellersdorf.] Hier, in der DDR-Plattenbau-Siedlung am
Berliner-Stadtrand, endet gerade der „Krisengipfel zur feministischen
Stadtpolitik“ mit einer Podiumsdiskussion. Neben Eralp disktutieren auch
zwei kommunistische Bürgermeister:innen aus Chile, eine
stadtpolitische Aktivistin aus Barcelona und eine ehemalige
DDR-Stadtplanerin über eine Idee, die die Art, linke Politik zu machen
hierzulande gründlich verändern könnte: die sorgende Stadt.
Schon im Namen des Konzepts liegt ein Verständnis von Stadt, das weit über
eine Ansammlung von Beton, Asphalt, Rohren und Kabeln hinausgeht. Denn
sorgen, das tun keine Häuser, sondern Menschen. „Stadt ist organisierter
Alltag“, sagt die linke Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg, die den
Kongress ins Leben gerufen hat. Dieser Alltag besteht aus Menschen, die
arbeiten, sich erholen, sich begegnen und eben auch füreinander sorgen.
„Wir wollen eine Stadt, in dem das Alltagsleben der Menschen im Mittelpunkt
steht“, bringt Gennburg das Konzept auf den Punkt.
## Die Stadt und die Bedürfnisse der Bewohner:innen
Viele deutsche Großstadtbewohner:innen haben heute eher das Gefühl,
dass die Stadt an ihren Bedürfnissen vorbeigeht angesichts leer stehender
Shoppingmalls, von Innenstädten, vollgeparkt mit Autos, die außer Konsum
nichts zu bieten haben. Kulturzentren müssen Bürobauten weichen, Mieten
explodieren, es gibt Wohnungsnot und Obdachlosigkeit, in den Randgebieten
herrscht Ärztemangel.
Dieser beklagenswerte Zustand ist das Ergebnis kapitalistischer
Stadtentwicklung. Denn die geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen
Produktions- und Sorgearbeit, ein historisches Grundprinzip des
Kapitalismus, hat sich in unseren Städten auch räumlich materialisiert. Die
überwiegend männlichen Lohnarbeiter:innen fahren dorthin, wo die
Fabriken stehen oder die Büros, in die Gewerbegebiete oder in die
Innenstädte.
Zu Hause, in den Wohngebieten, kümmern sich vor allem Frauen darum, dass
die Männer in Ruhe der Lohnarbeit nachgehen können, indem sie kochen, die
Kinder erziehen und einkaufen. „Stadtplanung war lange an einem
spezifischen Lebensmodell orientiert. Ein männlicher
Vollzeiterwerbstätiger, der morgens zur Arbeit fährt und Abends wieder
zurück“, erklärt die Stadtforscherin Carolin Genz auf der Konferenz.
Selten dabei mitgedacht, so Genz, ist dabei die Sorgearbeit, die nach wie
vor überwiegend Frauen von Frauen erledigt wird. Denn Sorgearbeit besteht
aus vielen kleinen Aufgaben und Wegen, die meist noch neben der
Erwerbstätigkeit erledigt werden: die Kinder von der Schule oder Kita
abholen, einkaufen, die pflegebedürftige Angehörige zu Arztterminen
bringen.
## Unlösbare Miniaufgaben
Dort, wo die Stadt noch einer strikten räumlichen Funktionstrennung
unterworfen ist, so wie es [2][das städtebauliche Ideal der autogerechten
Stadt seit den 50er Jahren vorsah], werden diese Miniaufgaben aufgrund der
langen Wege schnell zur unlösbaren Aufgabe.
Eine sorgende Stadt ist dagegen [3][eine Stadt der kurzen Wege], erklärt
Stadtforscherin Genz. Im besten Falle sind alle Erledigungen in wenigen
Minuten fußläufig erreichbar. Der Zeitaufwand der Sorgearbeit verringert
sich dadurch deutlich. So bringen in Berlin viele Eltern ihre Kinder vor
der Arbeit mit dem Auto zur Schule, weil es kein durchgehendes Netz von
gesicherten Radwegen gibt. „Eine Stadt, die für ein Kind gut funktioniert,
funktioniert für alle gut“, sagt Genz.
## Eine starke soziale Infrastruktur
Neben einer auf Alltagsbedürfnisse ausgerichteten Mobilität zeichnet sich
die sorgende Stadt durch eine starke soziale Infrastruktur aus, die viele
Orte bietet, an denen Sorgearbeit stattfinden kann. Dazu gehören nicht nur
Kitas, Schulen, Pflegeheime und Krankenhäuser, sondern auch sogenannte
dritte Orte. Der aus der Soziologie stammende Begriff bezeichnet Räume, in
denen Menschen abseits von Familie und Beruf zusammenkommen können:
Kneipen, Nachbarschaftstreffs, Cafés und Jugendklubs.
Doch es ist gerade die soziale Infrastruktur, die unter dem Spardruck der
Politik am meisten leidet. „Der Senat kürzt Orte des Zusammenkommens weg
und bringt sie massiv in Bedrängnis“, schildert Katalin Gennburg die
Situation in ihrem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf. Dazu kommt: Viele dritte
Orte verschwinden, weil sich die Grundstücke profitabler als Luxuswohnungen
oder Büros verwerten lassen.
Wenn die soziale Infrastruktur schwindet, verlagert sich die Sorgearbeit
zunehmend ins Private. Gibt es keine Hortplätze oder Ganztagsschule, muss
eben ein Elternteil Teilzeit arbeiten, um die Betreuung sicherzustellen.
Auch die Pflege von Angehörigen findet in Deutschland überwiegend im
Privaten statt, der Anteil der Frauen ist laut einer Studie der AOK von
2024 mit zwei Dritteln unverändert hoch. Im Schnitt wenden Pflegende 49
Arbeitsstunden pro Woche für die Betreuung auf. Viele gehen daher in
Teilzeit oder geben die Erwerbsarbeit komplett auf.
## Carearbeit als Gemeinschaftsaufgabe
Die Idee der sorgenden Stadt ist, die Carearbeit aus dem Privatbereich zu
holen und als Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen. Die Sorgezentren, von
denen Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp in der Paneldiskussion träumte,
sind einer der Versuche, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen.
Statt unzählige Wege zu erledigen, finden Sorgearbeitleistende dort alles
an einem Ort. Zusätzlich nehmen Tagesbetreuungsangebote für Kinder und
Pflegebedürftige konkret Arbeit ab. Gleichzeitig bietet das Sorgezentrum
einen Ort für Austausch, gegen die soziale Isolation, mit der viele
Großstadtbewohner:innen zu kämpfen haben.
## Eine Utopie, die bereits im Kleinen realisierbar ist
Wie viele linke Ansätze klingt auch die sorgende Stadt erst einmal nach
einer schönen, letztendlich aber etwas utopischen Idee. Doch diese Idee
lässt sich im Kleinen realisieren, ohne auf die Abschaffung des
Kapitalismus zu warten: So gibt es vergleichbare Sorgezentren bereits in
Barcelona, Santiago de Chile und der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá.
Für den kommunistischen Politiker Daniél Jadue, der bei der
Podiumsdiskussion per Zoom zugeschaltet, war Sorge ein zentrales Projekt
seiner zwölfjährigen Amtszeit als Bürgermeister Recoletas. Der Stadtteil
der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile gilt als eher armer
Arbeiter:innenbezirk. Da sich die Bewohner:innen die überhöhten Preise
für Medikamente nicht leisten konnten, gründete er staatlich organisierte
„Volksapotheken“, die Arzneien zu deutlich günstigeren Preisen verkauften.
Auf die Idee sind Jadue und sein Team gekommen, indem sie mit den Menschen
über ihre Sorgen und Bedürfnisse redeten. „Was für uns entscheidend war,
war zuzuhören und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen“, berichtet Jadue.
Angesichts knapper Flächen und astronomischer Quadratmeterpreise braucht es
auch in Deutschland pragmatische Ideen, die sorgende Stadt umzusetzen. Eine
davon hat die Initiative „Sorge ins Parkcenter“ im Berliner Stadtteil
Treptow. Die Aktivist:innen wollen leerstehende Shoppingmalls umnutzen
und mit sozialer Infrastruktur füllen. „Die Konsumtempel aus den 90ern, die
jetzt wegfallen, sind die perfekten Orte um Sorgezentren zu errichten“,
sagt eine Aktivistin während eines Workshops.
Durch den Aufstieg des Onlinehandels stehen viele Shoppingmalls und
Kaufhäuser leer. Sie sind oft zentral gelegen und gut angebunden. Um
festzustellen, was überhaupt gebraucht wird, lädt die Initiative die
Nachbarschaft ein, darüber zu diskutieren.
Doch wie die meisten schönen Ideen braucht auch die sorgende Stadt
letztendlich viel Geld, um sie umzusetzen. Soziale Infrastruktur braucht
Flächen, und die befinden sich in den meisten Großstädten in privater Hand.
Auch Angebote wie Tagespflege und vergünstigte Mittagessen müssen erst
einmal finanziert werden. „Ohne die [4][Eigentumsfrage] zu stellen und
massiv umzuverteilen, wird das nicht funktionieren“, sagt
Bürgermeisterkandidatin Eralp. Dafür bräuchte man die Wiedereinführung der
Vermögen-, Erbschaft- und Schenkungsteuer.
Ganz ohne das Bohren dicker Bretter geht es dann wohl doch nicht.
24 Mar 2026
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