# taz.de -- Lars Klingbeil: Nett, aber machthungrig
       
       > Vizekanzler, Bundesfinanzminister und SPD-Chef: kaum ein Politiker ist so
       > mächtig wie Lars Klingbeil. Wie tickt er? Und wie sehen Parteifreunde
       > ihn?
       
 (IMG) Bild: Gern auf außenpolitischen Reisen: Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil
       
       Der Neujahrsempfang der SPD-Walsrode findet in einem Restaurant im
       Gewerbegebiet statt. Es gibt Schnittchen und Kaffee, ein Gitarrist spielt
       Pop-Hits aus den letzten 50 Jahren. Es ist Sonntagvormittag, Ende Januar.
       Lars Klingbeil erscheint pünktlich um 11 Uhr mit seinem Jungslächeln. Er
       schüttelt Hände, man freut und begrüßt sich. Alles wirkt sehr lässig.
       Klingbeil trägt ein leicht verknittertes weißes Hemd. In seiner Rede sagt
       er dreimal „Heimat“. Heimat ist, wo man verknitterte Hemden tragen darf.
       
       Walsrode ist nicht reich und nicht arm, nicht schön und nicht spektakulär
       hässlich. Steakhouse und Fahrschule, verklinkerte Einfamilienhäuser,
       Pizzeria. Sparkasse. Wenig Leerstand, durchschnittliche Arbeitslosenquote,
       30.000 EinwohnerInnen. Walsrode ist niedersächsische Provinz, westdeutsch
       und „normal“. Lars Klingbeil hat hier sein Wahlkreisbüro. Neben KiK,
       Amtsgericht und Thaimassagesalon. Aufgewachsen ist er in Munster, 40
       Kilometer von hier. Der Vater war Soldat, die Mutter Verkäuferin.
       
       Berlin, die Metropole, sagt Klingbeil, nehme sich zu wichtig. „60 Prozent
       der Deutschen wohnen nicht in Großstädten“, sondern in Orten wie Walsrode.
       Bei Merz klingen „Kreuzberg ist nicht Deutschland“-Parolen nach grimmigem
       Kulturkampf. Bei Klingbeil nicht. Er klingt sowieso selten grimmig. Und für
       Kulturkampf hat er nichts übrig.
       
       Klingbeil spielt in seiner Freizeit Gitarre, macht Kickboxen und Crossfit,
       liebt Bayern München und schaut auf Dazn Fußball. Er sagt von sich, man
       solle ihn lieber nach Songs als nach Büchern fragen. Vielleicht ist
       Klingbeil wie Walsrode.
       
       ## Der nette Lars kann auch Machiavelli
       
       Jetzt ist er Vizekanzler, Finanzminister, SPD-Vorsitzender, und das mit
       erst 48 Jahren. Dabei war Klingbeil als Co-Parteichef mitverantwortlich
       [1][für den Absturz der SPD bei der Wahl 2025.] 16,4 Prozent – das mieseste
       Wahlergebnis der Sozialdemokraten seit 1887. Trotzdem besetzte der Mann mit
       dem netten Lächeln noch in der Wahlnacht ungerührt das Machtzentrum der
       SPD, verhandelte den Koalitionsvertrag mit der Union und schickte eine
       ganze SPD-MinisterInnenriege in den Vorruhestand. Wenn es darauf ankommt,
       kann der nette Lars auch Machiavelli.
       
       „Es gab damals machtpolitisch keine Alternative, die funktioniert hätte“,
       sagt der Politikwissenschaftler und Sozialdemokrat Wolfgang Schroeder. Ohne
       Klingbeils Griff nach der Macht hätte sich die Partei womöglich in internen
       Scharmützeln aufgerieben. Jetzt ist Klingbeil der zweitmächtigste Mann
       hinter Friedrich Merz und duzt den Kanzler.
       
       Dass Klingbeil unbedingt Vizekanzler und SPD-Vorsitzender werden musste,
       sahen jedoch viele GenossInnen skeptisch. Nur zwei Drittel wählten ihn 2025
       zum Parteichef, ein spektakulär miserables Ergebnis. Obwohl er danach
       tapfer erklärte, man müsse nun nach „vorne gehen“ – die
       Misstrauenserklärung der Partei traf ihn ins Mark.
       
       „Lars ist ein Machtmotor unter der Karosserie des netten Schwiegersohns“,
       sagt einer, der eng mit ihm zusammengearbeitet hat. Daran sei nichts
       falsch, aber man wüsste gern, wohin die Maschine fährt. Wahrscheinlich
       wüssten das viele Menschen nicht – sonst stünde die SPD ja nicht bei 15
       Prozent.
       
       ## „Er war damals als Linker verschrien“
       
       „Machtmotor“, das mutet derzeit fast hochstaplerisch an. Bei der
       Landtagswahl in Baden-Württemberg sind die Sozialdemokraten im Wettstreit
       um die Staatskanzlei chancenlos, in Sachsen-Anhalt könnten sie im September
       sogar aus dem Landtag fliegen. In Mecklenburg-Vorpommern liegt derzeit die
       AfD klar vorn, in Berlin die Linkspartei. Bleibt Rheinland-Pfalz. Dort
       regiert die SPD seit 35 Jahren. Verliert sie dort im März die Wahl, kann es
       auch für Klingbeil ungemütlich werden.
       
       In der niedersächsischen Provinz hat Klingbeil gelernt, wie Politik
       funktioniert. Als Schülersprecher setzte er sich für eine Busverbindung
       ein, damit die Jugendlichen am Wochenende von der Disko zurück nach Hause
       kommen. 2005, mit Mitte 20, war er kurz im Bundestag, 2009 begann in Berlin
       sein Aufstieg. 2017 wurde er Generalsekretär, 2021 Co-Parteivorsitzender.
       
       Michael Lebid, groß, graue Haare, Altbürgermeister und Rentner, sagt in
       Walsrode: „Lars ist damals nur in den Bundestag gekommen, weil ich Nein
       gesagt habe.“ Lebid war SPD-Bürgermeister im benachbarten Bomlitz und vor
       die Wahl gestellt – Bundestagskandidatur oder Bürgermeister – entschied er
       sich, vielleicht nicht untypisch für diese Gegend, für Bomlitz. Klingbeil
       war damals noch Juso, trug ein Augenbrauenpiercing und machte Rockmusik. Im
       Heidekreis „war er damals als Linker verschrien“, sagt Lebid. Aber das war
       ein Irrtum. „Lars war immer Realpolitiker.“
       
       Auf einem Transparent, das hier im Walsroder Restaurant an der Empore
       hängt, steht: „Aus Liebe zum Heidekreis“. Der SPD-Landratskandidat sagt
       aufgekratzt: „Auch wenn du mit der schwarzen Limousine kommst, du bist
       unser Lars.“ Wenn Lars Klingbeil sich hier nicht gut fühlt, dann nirgendwo.
       
       Er fühlt sich gut. Knapp 300 Leute sind da. Nicht nur GenossInnen, sondern
       auch UnternehmerInnen und ein Sparkassendirektor, die Feuerwehr, das THW
       und die CDU. Am Ende wird Geld für Profamilia gesammelt. Die „krasse
       Öffnung“ des Neujahrsempfangs, sagt Klingbeil, war seine Idee – weg von der
       SPD-Parteiveranstaltung, auf in die gesellschaftliche Mitte. Er ist stolz
       darauf. Kleine Dinge, die funktionieren. Vielleicht versteht man Klingbeil
       und wie er die Welt sieht besser, wenn man Walsrode kennt.
       
       Dazu gehört auch, viele mitzunehmen wie Aynur Colpan, 34, Co-Chefin der SPD
       im Heidekreis. Klingbeil ermunterte sie 2020: „Mach das doch.“ Sie wurde
       seine Nachfolgerin und ist auch Bürgermeisterin in Buchholz an der Aller –
       die erste Bürgermeisterin mit jesidischen Wurzeln bundesweit. Die Idee,
       Jüngere zu fördern, kam Klingbeil eben nicht erst in Berlin, als er die
       alte SPD-Garde nach der Wahl 2025 abservierte.
       
       Der Heidekreis war lange in CDU-Hand. Bis Klingbeil kam. Er gewann den
       Wahlkreis, auch gegen den Bundestrend. Seit 2009 bekam er bei
       Bundestagswahlen immer viel mehr Stimmen als seine Partei. 2025 wählten ihn
       im Heidekreis 42 Prozent, die SPD nur 25. Warum ist das so?
       
       Andre Lüdemann, parteiloser Bürgermeister in Visselhövede, liest die
       konservative Welt, ist ein Fan der Agenda 2010 und kennt Klingbeil seit
       Langem. „Lars schafft es, über die Parteigrenzen hinweg als angenehm
       wahrgenommen zu werden“, sagt Lüdemann. Vielleicht hat Klingbeil aus der
       SPD im Heidekreis einfach eine bessere CDU gemacht.
       
       ## Wird der Klingbeil-Kurs für die SPD zum Risiko?
       
       Und – er kümmert sich. Das hört man von vielen in Walsrode. Auch von
       CDU-Leuten. Am Samstag vor dem Neujahrsempfang war Klingbeil fast den
       ganzen Tag in Rotenburg an der Wümme, um den SPD-Kommunalwahlkampf 2026 in
       Niedersachsen vorzubereiten – bemerkenswert für einen Vizekanzler. Er hat
       Bodenhaftung, etwas Kurt-Beck-haftes. Viele, die oben ankommen, legen sich
       einen unsichtbaren Kokon an, auf dem steht: Ich bin wichtig, du nicht. So
       ist Klingbeil eher nicht.
       
       Er will nicht als Machtmaschine gesehen werden, sondern als Repräsentant
       der normalen Leute. Auf sozialdemokratisch heißt das: der fleißigen, hart
       arbeitenden Mitte. Unter Klingbeils Führung will die SPD nicht mehr als
       Anwältin von BürgergeldempfängerInnen und Langzeitarbeitslosen gelten. Man
       wolle wieder Partei der Arbeit und nicht der Arbeitslosigkeit sein, so das
       Motto des Parteivorsitzenden.
       
       Norbert Walter-Borjans, Klingbeils Vorgänger in diesem Amt, hat Zweifel, ob
       das reicht. Er sagt: „Die SPD war immer dann stark, wenn sie es geschafft
       hat, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit zivilgesellschaftlichem
       Engagement – vom Umweltschutz über die Kultur, den Einsatz für
       Gleichberechtigung und die internationale Zusammenarbeit bis zu den
       Friedensinitiativen – zusammenzubringen.“
       
       Klingbeils Fokus auf die „hart arbeitende Mitte“ greife zu kurz. Wenn alles
       andere zum nachrangigen Gedöns würde, wäre der Anspruch der linken
       Volkspartei und damit die Rolle eines mehrheitsfähigen Originals dahin.
       
       ## „Ich mache Politik für Leute, die 3.500 oder 4.000 Euro verdienen“
       
       An Klingbeil kommt in der SPD derzeit niemand vorbei. Aber kann er die SPD
       wiederbeleben? Kann er die SPD in der Regierung mit der Union
       disziplinieren und gleichzeitig als Alternative zu dieser Union
       profilieren?
       
       Klingbeils Neujahrsansprache in Walsrode klingt wie erwartet – aufbauend.
       Man dürfe das Land nicht schlechtreden. Deutschland sei ein Rechtsstaat mit
       freien Medien. Wirtschaftskrise? Untergang des Westens? Putin? Alles wahr.
       „Aber wir kriegen das hin.“ Wenn „die vernünftigen Kräfte“, SPD und Union,
       Unternehmer, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen, dann
       wird das schon.
       
       Das ist die politische Kernbotschaft. Alle zusammen, dann wird das schon.
       So kennt er es aus dem Heidekreis. Für Klingbeil ist die Welt kein
       Heidekreis im Großformat. Aber den Pragmatismus hat er hier gelernt. „Ich
       mache Politik für Leute, die 3.500 oder 4.000 Euro verdienen“, sagt er.
       
       Der Boden aber wankt auch in der niedersächsischen Provinz, der Alltagswelt
       der Autohäuser, Tankstellen, Industriejobs. In Walsrode malt Maike
       Bielfeldt, Geschäftsführerin der IHK in Niedersachsen, ein schwarzes Bild.
       Der Autoindustrie, dem Herz der Wirtschaft in Niedersachsen, gehe es mies.
       Das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel – katastrophal. Endlose Bürokratie.
       
       Und die SPD rede über Erbschaftsteuer, anstatt den Unternehmen zu helfen.
       Klingbeil holt sein Handy aus der Tasche und tippt etwas ein. „Der Herbst
       der Reform ist längst zum Krisenwinter geworden“, sagt die Frau von der
       Industrie- und Handelskammer, Klingbeil schaut weiter auf sein Handy.
       
       ## Drittbeliebtester Spitzenpolitiker im Januar 2026
       
       Krise allerorten. Auch in Walsrode ahnt man, dass kleine Dinge, die
       funktionieren, nicht mehr reichen könnten. „Mein Plan für 2026“, sagt
       Klingbeil später im Heimathaus in Visselhövede, „ist es, das Land
       starkzureden.“ Seine tiefe, manchmal monotone Stimme klingt beruhigend. Das
       ist nicht schlecht in einer Zeit, in der viel wackelt.
       
       Westen kaputt, Exportweltmeisterschaft perdu, AfD ante portas. Lars
       Klingbeil lässt sich keine Nervosität anmerken. Seine immer gleiche Tonlage
       spiegelt das Sowohl-als-auch der bundesdeutschen Konsensdemokratie wider,
       in der Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Politische Führung bedeutet,
       Gemeinsamkeiten zu suchen. Ich halte es für falsch, permanent als
       Wadenbeißer aufzutreten“, sagt Klingbeil. Gerade in Zeiten von Disruption
       und Trump hält er das für nötig. Also – Mitte und Maß.
       
       Dieses Konsensimage kommt an. Im Januar 2026 lag er auf Platz drei im
       Beliebtheitsranking der SpitzenpolitikerInnen. Dass er unerschütterlich
       ausgeglichen wirkt, hat vielleicht mit seiner überstandenen
       Zungenkrebserkrankung zu tun, die er mit Mitte 30 überwand. „Man blickt
       anders auf das Leben, wenn man einmal so kurz vor der Klippe stand“, hat er
       in einem Podcast der Zeit gesagt.
       
       Klingbeil zählt manchmal auf, was Schwarz-Rot alles schon geleistet hat. Es
       klingt wie Fleißkärtchen sammeln, nicht nach entschlossenem Regieren. Er
       verhüllt Inhalte oft in einer rhetorischen Wattewolke. Vor lauter
       Dauerregieren und Funktionieren, so scheint es, hat die SPD vergessen,
       warum es sie gibt.
       
       Herr Klingbeil war es eine kluge Entscheidung, Vizekanzler und
       SPD-Vorsitzender zu werden? „Wenn ich als SPD-Vorsitzender eine
       Grundsatzrede halte, lote ich aus, dass dies zu meinen Aufgaben als
       Finanzminister und Vizekanzler passt. Diese Balance gelingt.“
       
       Doch mitunter wirkt sie wie ein mühsamer Spagat. Als die SPD im Januar ein
       [2][Konzept zur Besteuerung von Milliardenerben vorlegte], nannte er das
       einen „wichtigen Impuls“. Zu eigen machen wollte er sich das Konzept aber
       nicht – es hätte den Koalitionsfrieden gefährdet. Mancher Genosse schüttelt
       den Kopf: Ein SPD-Chef müsste sich doch mit Milliardären anlegen.
       
       Lars Klingbeil sagt oft: „Da bin ich ganz klar.“ Es ist eine Art Refrain in
       seinen Reden. Aber es ist eben nicht immer klar, was der SPD-Chef genau
       meint. Und auch nicht, wer gerade spricht – der Finanzminister, der sparen
       muss, der SPD-Chef, der die Partei profilieren soll, oder der Vizekanzler
       und Generalist, der oft auf weltpolitischer Bühne unterwegs ist.
       
       Ein paar Tage vorm Empfang in Walsrode war Klingbeil mit Bundeskanzler Merz
       im Hubschrauber nach Davos geflogen. US-Präsident Donald Trump hatte dort
       die Drohung vom Tisch genommen, Grönland militärisch anzugreifen.
       
       Klingbeil macht in Sachen Trump ungewöhnlich klare Ansagen. Die
       transatlantischen Beziehungen befänden sich „[3][in der Auflösung]“, sagte
       er Mitte Januar und kritisierte die Nachgiebigkeit der EU beim Zolldeal mit
       den USA. Die hartnäckige Illusion, dass Trump wie ein böses Gespenst wieder
       verschwinden wird, er teilt sie nicht.
       
       ## „And who are you?“
       
       Klingbeil genießt Reisen ins Ausland. Und setzt sich als Stratege in Szene.
       Als Co-Parteichef trieb er nach Putins Überfall auf die Ukraine 2022 die
       außenpolitische Neuaufstellung der SPD voran – Fokus: „Sicherheit vor
       Russland“. Er reiste nach Asien und in die Türkei. Als Vizekanzler besuchte
       er als erster Minister der Merz-Regierung im November 2025 China. Die SPD
       hat gute Kontakte zur Kommunistischen Partei, das zahlt sich aus. In
       Peking, in der Großen Halle des Volkes, saß er der KP-Führung gegenüber.
       
       Klingbeil fliegt auch mal parallel zum Außenminister in die USA und landet
       vor diesem zum Tankstopp auf Island. Kurzentschlossen schlendert er dort
       zur Regierungsmaschine des Kollegen, um mal „Hallo“ zu sagen. „And who are
       you?“, fragt die isländische Außenministerin, die zur Begrüßung Johann
       Wadephuls auf den Flughafen in Keflavík geeilt ist. Der Außenminister, der
       gerade ausgestiegen ist, wirkt überrascht, als Klingbeil ihm auf die
       Schulter tippt. „[4][Sind wir hier in Klingonien?]“
       
       Vizekanzler Klingbeil wirkt manchmal wie das Pendant zum Außenkanzler Merz.
       Dabei sind seine Profilierungschancen auf diesem Feld mäßig. Oder läuft er
       sich schon für seine nächste Rolle warm – die des Kanzlers? Eine kühne
       Vermutung.
       
       Anfang Februar ist der SPD-Chef im Wahlkampf in Baden-Württemberg
       unterwegs. Schwieriges Terrain. Das Rennen um den Sieg machen Schwarze und
       Grüne unter sich aus. Die SPD kann bei der Wahl im März schlimmstenfalls
       einstellig werden.
       
       ## Der Ja-aber-Politiker
       
       Klingbeil steht in der Eingangshalle von Magirus in Ulm, einem Hersteller
       von Nutzfahrzeugen. Die Industriehalle ist vollgestopft mit gewaltigen
       roten Feuerwehrwagen, einige mit der längsten Drehleiter der Welt. Andreas
       Stoch, SPD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, betont, wie
       „wirtschaftsfreundlich die SPD“ ist, Klingbeil nickt. Die SPD sei „nicht
       für ein Nischenthema“ da, sagt er, sondern für die Wirtschaft.
       
       „Lars Klingbeil im Gespräch“ heißt das Format. Rund 250 GenossInnen sind
       gekommen. Der SPD-Chef dankt erst mal, dass man bei Magirus sein darf. Es
       sei nicht mehr selbstverständlich, dass Unternehmen offen für Politiker der
       Mitte sind. Ihm gehe es nicht um die SPD, sondern um die „stabile
       demokratische Mitte, um CDU, SPD, Grüne, FDP“. Der Satz, dass es jetzt
       wirklich nicht um die SPD geht, sagt der SPD-Vorsitzende erstaunlich oft.
       
       Nach 20 Minuten sagt Klingbeil: „Es kann nicht sein, dass man an den Zähnen
       der Leute ihren Geldbeutel erkennt.“ Ein sozialdemokratischer Satz. Der
       Applaus ist zum ersten Mal spontan, nicht nur höflich. Dann macht der
       Klingbeil, was er nach solchen „SPD pur“-Sätzen oft tut. Er verwandelt sich
       in den Vizekanzler und sagt – in den Applaus hinein – aber. Aber wir
       müssten auch den Sozialstaat reformieren.
       
       Beim Pressegespräch in Ulm sagt er, dass „den Sozialstaat zu planieren,
       nicht unsere Tonalität“ ist. Aber die SPD dürfe nicht die Status-quo-Partei
       sein. Er kritisiert die CDU-Kampagne gegen die telefonische
       Krankschreibung. Aber man dürfe nicht verschweigen, dass „der Krankenstand
       bei uns höher ist als in anderen Ländern“. Lars Klingbeil ist ein
       Ja-aber-Politiker, der fast alle Sätze mit Halteseilen versieht. Seine
       Botschaften bringen kaum jemand in Rage, sie elektrisieren auch kaum
       jemand.
       
       Auch politische Freunde attestieren ihm, zu risikoscheu zu sein, zu viel
       auf Stabilität und zu wenig auf politische Weiterentwicklung zu setzen. Die
       SPD kann professionell regieren und verwalten. Aber woher kommen die
       kreativen Impulse?
       
       „Die Machtarchitektur in der SPD ist zu homogen“, sagt der
       Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder. Der innere Kreis um Klingbeil
       habe „ein ähnliches, technokratisches Mindset und zeichnet sich kaum durch
       Generationenmischung aus“. Und: „Die Klingbeil-SPD ist eine Organisation
       ohne Wettbewerb – ohne zerstörerische Machtkämpfe, aber auch ohne
       konstruktiven Wettbewerb“.
       
       Kurzum: Das Problem der SPD ist nicht Klingbeil, sondern dass es nur noch
       Klingbeil und keinen Konterpart auf Augenhöhe gibt. Co-Parteichefin Bärbel
       Bas punktet als Co-Vorsitzende durch ihre Authentizität, aber nicht durch
       taktische Raffinesse oder strategischen Weitblick. Und der junge
       Generalsekretär Tim Klüssendorf spielt, was Macht angeht, nicht in
       Klingbeils Liga.
       
       Klug wäre der mächtige Klingbeil, wenn er in der Partei sein eigenes
       Gegenteil aufbauen würde. Jemanden, der hat, was ihm fehlt. Einen kreativen
       Kopf, der es eher mit Büchern als mit Musik hat, und zuspitzen kann.
       
       Zum Beispiel beim Thema Gerechtigkeit. Klingbeil erzählt zur
       Erbschaftsteuer immer die gleiche Geschichte. Bei ihm im Heidekreis habe
       früher gegolten: Wer sich anstrengt, bringt es zu einem eigenen Haus und
       Wohlstand. Heute könnten die Fleißigen, die nichts erben, noch so ehrgeizig
       sein – sie würden sich nie eine Eigentumswohnung in Berlin leisten können.
       Das, sagt Klingbeil auch in der Magirus-Halle in Ulm, „ist Gift für die
       Gesellschaft.“
       
       ## Entschlossen mit Eliten streiten, das will er nicht
       
       Und dann kommt wieder ein Aber. Aber es gehe „nicht um Neid“, er sei „nicht
       für Klassenkampfrhetorik“.
       
       Die SPD legt sich bei der Erbschaftsteuer mit den Familienunternehmern an,
       der am besten organisierten Lobby von Großkonzernen in Deutschland. Doch
       Klingbeil sagt in Ulm: „Ich will niemandem Geld wegnehmen.“
       
       Die SPD müsse bei der Debatte „Polarisierungen“ vermeiden. Er macht nicht
       den Eindruck, als würde er in der Schlacht für eine neue Erbschaftsteuer
       viel wagen wollen. Mit angezogener Handbremse wird man die kaum gewinnen.
       
       Das ist eine Grenze von Klingbeils politischem Stil. Harter, entschlossener
       Streit mit Eliten ist darin nicht vorgesehen.
       
       22 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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