# taz.de -- Reformrede des SPD-Vorsitzenden: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt
> SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil schwört die Gesellschaft und
> seine Partei auf Reformen ein. Das hat Agenda-2010-Vibes.
(IMG) Bild: Lars Klingbeil, Bundesminister der Finanzen und Vorsitzender der SPD
Fast auf den Tag genau vor 23 Jahren gab der damalige SPD-Kanzler Gerhard
Schröder im Bundestag eine Regierungserklärung ab, die als Agenda-Rede ins
kollektive Gedächtnis eingehen sollte. Unter dem Motto „Mut zur
Veränderung“ kündigte Schröder damals an: „Wir werden Leistungen des
Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem
Einzelnen abfordern müssen.“
Die darauf folgende Agenda 2010 sollte das Land und das Leben vieler
Menschen nachhaltig verändern: Die SPD-geführte Bundesregierung weitete den
Niedriglohnsektor aus, machte aus der Arbeitslosenversicherung eine
Grundsicherung, später hob man das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre an.
Die Grundsatzrede, die Schröders ehemaliger Wahlkreismitarbeiter und
aktueller [1][SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil] am Mittwoch hielt,
hatte durchaus Agenda-Vibes. Klingbeil nahm nicht nur rhetorisch Anleihen
bei Schröder. „Wir sind heute gefordert Gewohnheiten und Blockaden
aufzugeben“, sagte Klingbeil, Leistungsbereitschaft müsse gefördert und
Eigenverantwortung gestärkt werden. Passend dazu hatte er sich für seine
Rede die mondäne Niederlassung der Bertelsmann-Stiftung im Zentrum Berlins
ausgesucht.
Auch inhaltlich pochte Klingbeil im Geiste seines einstigen Mentors
Schröder und gleichlautend zum heutigen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)
darauf, dass wir „insgesamt als Gesellschaft mehr arbeiten müssen“. Konkret
will der Finanzminister das Ehegattensplitting für neu geschlossene Ehen
abschaffen, um insbesondere Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen.
## Längeres Arbeiten statt frühes Ausscheiden
Er sieht aber auch, ähnlich wie von Teilen der Union gefordert, die
Notwendigkeit, den Renteneintritt nach hinten zu verlagern und sich stärker
an Beitragsjahren zu orientieren. Es sei sinnvoll, „längeres Arbeiten“
statt frühes Ausscheiden zu fördern. Auch Befristungen will Klingbeil
ausweiten – allerdings nur für Unternehmen, die in neue Geschäftsfelder
investieren, sowie mit Zustimmung des Betriebsrates.
In der SPD-Restwähler:innenschaft dürfte dies und die Aussicht auf eine
[2][Rente mit 70 plus] zu Kontroversen führen. Mit einer Reform der
Einkommensteuer will Klingbeil gleichzeitig 95 Prozent der Beschäftigten
entlasten, „und zwar merklich mit einigen hundert Euro pro Jahr“. Die
Gegenfinanzierung, das ist kein Geheimnis, will die SPD über eine
[3][Anhebung des Spitzensteuersatzes] organisieren, ein Ansinnen, das
vornehmlich die CSU als „leistungsfeindlich“ ablehnt.
Klingbeil unterstrich, sehr zum Leidwesen dieser, auch die Notwendigkeit,
[4][die Erbschaftsteuer zu reformieren]. Von den 400 Milliarden Euro, die
jedes Jahr vererbt oder verschenkt werden, schöpft der Staat 2,5 Prozent
ab. Die SPD hatte zu Jahresbeginn bereits ein Konzept vorgelegt, die Union
hatte mit strikter Ablehnung jeglicher Steuererhöhungen reagiert.
Der Finanzminister, der 2027 mit einem Haushaltsloch von 20 Milliarden Euro
und für die beiden Folgejahre mit weiteren 60 Milliarden Euro rechnet,
kündigte ebenfalls an, die Ausgaben stärker zu begrenzen. „Wir können nicht
jede Krise und jedes Problem mit noch mehr Geld beantworten“, sagte
Klingbeil und hob die Notwendigkeit hervor, Subventionen abzubauen und
strukturelle Reformen durchzuziehen.
Bereits am Montag will die Kommission zur [5][Finanzierung der gesetzlichen
Krankenversicherung] Vorschläge für Milliardeneinsparungen machen, bis zum
Frühsommer sollen Pflege und Rente folgen. Klingbeil schwor also seine nach
den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schwer
gebeutelte Partei schon mal auf weitere Zumutungen ein.
Dabei verwies er auch auf die geopolitische Lage. Deutschland habe sich zu
lange auf alten Geschäftsmodellen ausgeruht und es versäumt, Abhängigkeiten
rechtzeitig zu reduzieren.
## Esra Limbacher begrüßt „Schritt nach vorn“
Die Reaktionen in der SPD fielen gemischt aus. Der Sprecher des als
konservativ geltenden Seeheimer Kreises Esra Limbacher lobte die Reformrede
gegenüber der taz „als großen Wurf“ und „Schritt nach vorn“. „Während
andere nur motzen, legt er deutliche Vorschläge auf den Tisch, wie unser
Land vorankommen kann: Ökonomische Souveränität, eine Allianz für Arbeit
und Innovation und ein steuerliches Entlastungspaket für die Mitte unserer
Gesellschaft.“
Vorsichtig äußerte sich hingegen Jan Dieren vom Forum Demokratische Linke
DL21. „Es wäre falsch, jetzt bestimmte Bevölkerungsgruppen rhetorisch
anzusprechen, aber dann Reformen gegen ihre Interessen durchzusetzen“, so
Dieren zur taz. „Maßstab aller nun diskutierten Reformen muss deshalb sein:
Sind sie wirklich im Interesse der arbeitenden Menschen, verbessern sie die
Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung?“ Einschnitte bei Pflege und
Gesundheit gehörten jedenfalls nicht dazu.
Eher lobend äußerte sich die Sprecherin der Parlamentarischen Linken in der
SPD-Fraktion, Carmen Wegge. „Lars Klingbeil benennt Reformen, die auch für
uns wichtig sind“, sagte sie der taz. Sei es die Abschaffung des
Ehegattensplittings, die Erbschaftssteuerreform und eine
Einkommenssteuerreform zur Entlastung kleinerer und mittlerer Einkommen.
Für die PL sei wichtig: „Keine „Augen-zu-und-durch-Reformen“.
Was bei Klingbeil komplett unter den Tisch fiel, war das Thema „Frieden“.
Schröder hatte seine Rede, die im Schatten des heraufziehenden Irakkrieges
stand, seinerzeit mit den Worten begonnen: „Wir müssen den Mut aufbringen,
für den Frieden zu kämpfen, solange noch ein Funken Hoffnung besteht, dass
der Krieg vermieden werden kann.“
Klingbeil nahm zwar ebenfalls Bezug auf den tatsächlich tobenden Krieg im
Iran, verband ihn allerdings vor allem mit dem Thema Energiepreise. Die
Menschen spürten die falsche Politik von Donald Trump im Geldbeutel. Mit
einer Übergewinnsteuer und der Aussicht auf eine Senkung der Energiesteuer
will Klingbeil die Lasten umverteilen. Das Thema „Frieden“ ist für die SPD
dagegen ein Randthema und nicht mal der Erwähnung wert.
25 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Lars-Klingbeil/!6152787
(DIR) [2] /Streit-ueber-Rentenpaket/!6126504
(DIR) [3] /Debatte-ueber-hoeheren-Spitzensteuersatz/!6162283
(DIR) [4] /Gerechte-Erbschaftssteuer/!6155068
(DIR) [5] /Abbau-des-Sozialstaats/!6148134
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
## TAGS
(DIR) SPD
(DIR) Lars Klingbeil
(DIR) Agenda 2010
(DIR) Hartz IV
(DIR) Krankenversicherung
(DIR) GNS
(DIR) Katherina Reiche
(DIR) SPD
(DIR) Lars Klingbeil
(DIR) Podcast „Bundestalk“
(DIR) SPD
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rentenpläne von Katherina Reiche: Malochen bis zum Umfallen
CDU-Wirtschaftsministerin Reiche sagt: Die Deutschen leben länger, also
sollen sie auch erst später in Rente gehen. Die Wirklichkeit sieht anders
aus.
(DIR) Politologe über Krise der SPD: „Die SPD hat ihre Seele verloren“
Die SPD muss wieder Gruppen jenseits der akademischen Welt ansprechen, sagt
Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder. Kann eine Arbeiterquote helfen?
(DIR) Lars Klingbeil: Nett, aber machthungrig
Vizekanzler, Bundesfinanzminister und SPD-Chef: kaum ein Politiker ist so
mächtig wie Lars Klingbeil. Wie tickt er? Und wie sehen Parteifreunde ihn?
(DIR) Sozialstaat und Arbeitsmarkt: „Lifestyle-Teilzeit“ und zu oft krank?
CDU und CSU verschärfen in der Wirtschaftskrise ihre Appelle an die
Arbeitsmoral. Teilzeit, Krankheit und Sozialstaat geraten unter Druck.
(DIR) Drohsel über SPD-Mitgliederbegehren: „Die Stimmung erinnert an die Agenda 2010“
Die ehemalige Juso-Chefin Franziska Drohsel sammelt in der SPD
Unterschriften gegen schwarz-roten Sozialabbau. Für sie weckt das böse
Erinnerungen.