# taz.de -- Stimmen zum Tod von Henrike Naumann: Eine echte antifaschistische Künstlerin
> Bis zuletzt arbeitete sie an ihrem Beitrag für die Venedig-Biennale.
> Erinnerungen an Henrike Naumann, deren früher Tod die Kunstwelt bestürzt.
(IMG) Bild: Die Künstlerin Henrike Naumann, hier in ihrer Installation „Tag X“, starb am 14. Februar im Alter von 41 Jahren an Krebs
## „DDR-Noir“ im Alltag
Henrike Naumanns Vorschlag, die Arbeit „DDR Noir“ in meinem Büro im ifa
einzurichten, war originell. Die alten Möbel waren gerade gewichen und ich
hatte sie gefragt, ob sie es mit Secondhand-Möbeln von eBay Kleinanzeigen
gestalten wolle, eine Fundgrube ihrer künstlerischen Praxis. Ihre Idee war
natürlich besser: Sie suchte nur einen passenden Schreibtisch und einen
Papierkorb. Der Rest des Büros wurde in DDR Noir umgewandelt.
Die Installation durfte, nein sollte in den ifa-Alltag integriert werden.
Also fanden unsere Strategiebesprechungen und Terminplanungen,
Politiker:innenbesuche und Personalgespräche ab sofort entweder am
schwarz lackierten Esstisch mit übergroßer Haribo-Deko oder auf der
Chaiselongue mit mintgrünem Kunstfell mit Blick auf Mickey Mouse und den
Sandmann statt. Sie besorgte noch ein schwarzes Kaffeeservice, das für
manche die 80er, für manche die 90er verkörperte.
Je nachdem, ob man aus dem Osten oder dem Westen kam – und mittendrin war
man in Naumanns Kritik: Möbel und Objekte, die man im Westen schon längst
abgelegt hatte, kamen verspätet und verteuert in den Osten – und waren sehr
begehrt. DDR Noir hätte Grundstock einer ifa-Tourneeausstellung in den
ehemaligen Ostblock werden sollen. Erste Station: Kuba, wo Naumanns
Großvater 1961 Teil einer DDR-Kunstdelegation war.
Gitte Zschoch, Generalsekretärin des Instituts für Auslandsbeziehungen
## In der Panoramabar kennengelernt
Heque und ich haben uns in der Panoramabar kennengelernt. Gemeinsame
Freunde spielten. Sie erzählte mir von ihren Arbeiten und von einigen, die
noch kommen würden. Kurz darauf sah ich ihre Diplomarbeit „Triangular
Stories“. Aufgewühlt und voller Fragen schrieb ich ihr eine lange Mail. Ich
hatte immer den Eindruck, dass Heque ihre Entscheidungen konsequent im
Sinne ihrer Arbeit traf – und andere Parameter, wie etwa die Aussicht auf
Erfolg, dahinter zurückstellte.
Solidarität und Kollegialität haben sich bei ihr im Handeln gezeigt. Heque
hat uns an ihrem Erfolg teilhaben lassen. Ich und viele andere haben in
ihren Installationen performt; es wurde darin diskutiert, gelacht und
geweint. In ihrer Arbeit wurde gelebt. Beziehungen entstanden darin, die
weit darüber hinausgingen. Heque war nicht nur unfassbar ehrlich, sondern
auch bedingungslos zugewandt, unabhängig davon, wer ihr gegenüberstand.
Johannes Büttner, Künstler in Berlin
## Orte, in die sich Politik und Ideologie einschreiben
Zum ersten Mal arbeiteten wir im Rahmen der Kyiv Biennale 2023 in
Iwano-Frankiwsk zusammen. Die Intensität, mit der Henrike sich mit
osteuropäischen Erfahrungen auseinandergesetzt hat, mit den Realitäten der
80er und 90er Jahre, dem Wandel vom Kalten Krieg zum rauen,
triumphalistischen Neoliberalismus, ist einzigartig. Dass sie mit Möbeln
ganze Umgebungen schuf und auf diese Weise zu den intimsten persönlichen,
auch verletztlichsten Orten unseres Alltags vordrang, und damit aufzeigte,
wie sich in diese Orte Politik und Ideologie einschreiben – einen solchen
künstlerischen Ansatz habe ich noch nicht gesehen.
Am wichtigsten aber: Henrike war eine echte antifaschistische Künstlerin.
Wenn es eine Kunst gibt, die heute weltweit benötigt wird, dann ist es eine
solch engagierte.
Vasyl Cherepanyn, Kurator der 14. Berlin Biennale 2027
## Wo es unbequem ist
Als ich mit Henrike über eine Publikation nachdachte, war schnell klar,
dass sie ein Objekt entwickeln wollte, das ihrer Praxis entspricht und dann
auch noch als Buch funktionieren kann. Sie war der Ansicht, dass der
schwere Metallordner so „wie meine Arbeit, etwas unhandlich sein muss“.
Henrike ging immer dorthin, wo es unbequem ist und schmerzen kann. Sie
wunderte sich oft, warum das radikal sei, sie fand es selbstverständlich
und notwendig, um unsere Gegenwart zu verstehen.
Bakri Bakhit, Verleger Bierke Books
## Auf dem Flohmarkt in New Jersey
Henrike kam 2022 in die USA, [1][um an einer Ausstellung zu arbeiten]. Sie
wollte Thomas Hart Bentons Wandgemälde „America Today“ im Metropolitan
Museum of Art sehen. Und den größten Flohmarkt im Großraum New York, der
sich in New Jersey gegenüber der riesigen American Dream Mall befindet. Wir
fuhren gemeinsam hin. Nachdem ich mein Auto mit ihren Einkäufen beladen
hatte, sprang es nicht mehr an. Henrike, die immer extrem bewusst mit Zeit
und Ressourcen umging, wollte aber ihre Chance nicht verpassen, sich in New
Jersey umzuschauen. Ich gab ihr mein Okay, mich zurückzulassen.
Sie und ihr Partner Clemens fuhren daraufhin per Uber von Secondhand-Shop
zu Secondhand-Shop, füllten ihre Taschen mit Gegenständen für die
Ausstellung. Es war beeindruckend, die USA durch ihre Augen zu sehen:
voller Zeug, von sich selbst träumend, institutionell ein Wrack und in
einer Sackgasse. Ihre wachsame Beobachtungsgabe dafür, wie sich
Verschwörungen und Gewalt in den Alltag einschleichen können, war
bewundernswert.
Kyle Dancewicz, stellvertretender Direktor des SculptureCenter New York
## Des Sapeurs Großmutter
[2][Als Henrike in Kinshasa war], lernte sie auch meine Großmutter kennen.
Man muss dazu sagen: Meine Großmutter kann kaum sehen und hören, aber
Henrikes starke Energie, die konnte sie spüren. Henrike war eine
unglaublich nette Person. Als wir Sapeurs mit ihr ein Event veranstalteten,
klappte vieles nicht. Sie war trotzdem gut drauf. Und sie hat viel geteilt.
Die Fotos, die Aufnahmen, wir konnten alles behalten.
Wilfried Beki, Musiker aus Kinshasa
## Technosekte in der Stasi-Zentrale
Unsere Wege kreuzten sich zum ersten Mal 2018 bei dem Ausstellungsprojekt
„Wildes wiederholen – künstlerische Forschung im Archiv der
DDR-Opposition“. Ich fand Henrikes Werk von Anfang an ebenso faszinierend
wie beängstigend und sorgte mich um die Geister, die darin gerufen wurden.
Ihre Arbeit erschien mir verzaubert und immer wieder bemerkte ich in mir
den Wunsch, diesen Zauber aufzulösen, durch Verständnis zu entwaffnen.
2018 war ihr Beitrag eine Performance der Band Technosekte, die in der
ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg in Fechtkostüme gekleidet im Nebel
ein überwältigendes Schlagzeugkonzert spielte, das nichts greifbar, aber
etwas sehr Krasses spürbar machte. Heute im Rückblick erinnere ich diese
schwerverdauliche Erfahrung als eine klare Geste, die mich dazu einlud,
gerade auch angesichts gewaltsamer, angsterfüllter Vergangenheit dem
Unbewussten erst einmal Form und Raum zu geben, bevor wir uns an die Arbeit
machen es zu erklären oder uns selbst zu entlasten.
Anna Zett, Künstlerin in Berlin
## Fragen nach deutscher Geschichte in jedem Detail
Henrike richtete im Bankettsaal des Kronprinzenpalais, in dem 1990 der
Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR unterzeichnet worden war, „Das Reich“
ein und schuf einen dystopischen Ort, ein Stonehenge aus
Wohnzimmerschrankwänden, die sie mit den Fetischen, Büchern, Videos und
anderen Requisiten von Reichsbürger*innen und rechten
Verschwörungstheoretiker*innen befüllte. Sie schuf ein ganzes
„Weltbild“, in das wir hineintreten konnten. Das war beim 3. Berliner
Herbstsalon des Gorki. In jedem Detail steckten ihre Fragen nach deutscher
Geschichte, Gegenwart und Zukunft.
Für den 4. Berliner Herbstsalon 2019 installierte sie mit „TAG X“ eine
„Gedenkstätte“ im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Hintergrund der
Videoinstallation waren 2018 bekannt gewordene Prepper-Netzwerke, die bis
in Bundeswehr und Polizei reichen und sich auf einen gewaltsamen
Systemwechsel in Deutschland vorbereiten. Henrikes Arbeiten waren immer
hochpolitisch. So klug, neugierig und liebevoll wie in ihrem Werk haben wir
sie auch als Mensch kennenlernen dürfen und sind dankbar dafür.
Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters Berlin
## In Kinshasa
[3][Henrike hat es mit ihrer Neugier] und offenen Art geschafft,
ungewöhnliche Verbindungen herzustellen, Menschen zusammenzubringen und in
unscheinbaren Details Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Sie war die erste
internationale Künstlerin, die im Musée de l'art Contemporaine et de
Multimédia in Kinshasa eine Ausstellung realisiert hat. Daraus ist eine
langjährige Partnerschaft zwischen dem Museum und dem Goethe-Institut
entstanden. Wir selbst arbeiten aktuell an einer Ausstellung in diesem
Museum, die dadurch überhaupt erst möglich wurde.
Mukenge/Schellhammer, Künstler:innenduo in Kinshasa und Deutschland
## Als würde sie mit den Augen hören
Es war das Jahr 2014. Wir waren gerade dabei, die Tore vo[4][n „SAVVY
Contemporary“] im alten Neuköllner Umspannwerk zu schließen und Feierabend
zu machen. Vor dem Gebäude stand eine junge Frau – in ihrer Erscheinung
schien sie Grace Jones und David Bowie zu vereinen – mit ihrer Mappe unter
dem Arm. Was wir zu sehen bekamen, haute uns auf der Stelle um. Wir waren
so begeistert, dass wir sie kurzerhand in die Ausstellung „Wir sind alle
Berliner“ aufnahmen, obwohl die Künstler*innen-Liste längst feststand.
Henrike war immer absolut präsent: Sie begrüßte einen mit einer festen
Umarmung, begleitet von ihrem unverkennbaren „hmmmm“. Dann saß sie neben
einem, lauschte aufmerksam mit weit geöffneten Augen, als würde sie mit den
Augen hören. In allen ihren Arbeiten und auch privat sprach sich Henrike
konsequent und lautstark gegen jegliche Form von Faschismus, Rassismus und
alle Ausprägungen von Hass aus. Dabei war sie immer sehr präzise im
Ausdruck, ästhetisch stark in der Umsetzung, würdevoll und weitherzig im
Auftreten – immer „sattelfest“.
Nein, wir verweigern uns dem Tod! Henrikes Präsenz ist so groß und stark,
dass nicht einmal diese Sache, die wir den Tod nennen, sie von uns nehmen
kann.
Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Intendant des HKW Berlin
20 Feb 2026
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