# taz.de -- Familienleben übers Telefon: Wenn Liebe nur noch Worte sind
       
       > Seit Beginn des Ukraine-Kriegs lebt Sascha getrennt von seiner Frau
       > Katerina und dem gemeinsamen Sohn. Doch auch übers Telefon lassen sich
       > Familienrituale leben.
       
 (IMG) Bild: Gefährlicher Alltag im Krieg: Eine Wohnung im Stadtzentrum von Odessa nach einem russischen Luftangriff
       
       „Denk dran, ich werde mich nicht für die Unordnung in der Wohnung
       entschuldigen!“, sagt Sascha, als ich ihm von meinem bevorstehenden Besuch
       erzähle. Sein belgischer Schäferhund Niki wartet schon im Flur. Niki
       genießt jede Art von Unterhaltung – sich streicheln oder kraulen lassen und
       vielleicht fällt für ihn sogar etwas ab – will heißen vom Tisch herunter.
       Sascha ist derzeit allein in Odessa, seine Frau Katerina und der gemeinsame
       Sohn leben seit über drei Jahren im Ausland.
       
       In dieser Zeit hat sich die Wohnung nach und nach in eine richtige
       Junggesellenbude verwandelt. „Früher habe ich gekocht, mit dem Putzen haben
       wir uns abgewechselt. Jetzt aber mache ich das allein“, sagt Sascha. „Na
       ja, ich habe das alles etwas vernachlässigt. Sie fehlt schon, die Hand
       einer Frau … Die Wohnung wirkt jetzt sauber, aber auf den Fensterbänken
       liegt meterhoch Staub“, stellt er fest.
       
       Sascha kann seine Frau nicht besuchen, da die ukrainische Regierung
       Wehrpflichtigen die Ausreise verbietet. Eilig, zur Armee zu gehen, hat er
       es nicht. Er habe bereits verschiedenen Brigaden seine IT-Kenntnisse
       angeboten, aber sie seien nicht gebraucht worden. Und bei der Infanterie
       als einfacher Soldat dienen, das wolle er nicht.
       
       Sascha und seine Frau Katerina sind pragmatisch, angenehm im Umgang und
       ohne eine besonders ausgeprägte romantische Lebenseinstellung – ein ganz
       normales ukrainisches Paar. Kennengelernt haben sich die beiden vor zwölf
       Jahren in einem Restaurant. Sascha arbeitete dort als Chefkoch. Schon
       damals mochten sie sich und nicht nur das. Sie begannen auch
       zusammenzuarbeiten und eröffneten ein kleines Webstudio.
       
       ## Von Drohnen vertrieben
       
       „Wir hatten dieselben Ziele, das passte perfekt zusammen. Gleichzeitig
       haben wir unterschiedliche Charaktere. Aber weil wir uns so gut ergänzten,
       haben wir viel erreicht. Meine Aufgabe ist es, nach etwas Neuem zu suchen,
       dafür Ressourcen zu finden und dann loszulegen. Ihre Aufgabe ist es, auf
       dem bereits Begonnenen aufzubauen und an Verbesserungen zu arbeiten“, sagt
       Sascha.
       
       Am 21. Februar 2022, drei Tage vor dem Beginn der russischen Invasion,
       wurde Nikita, der lang ersehnte Sohn von Sascha und Katerina, geboren. Drei
       Tage später – Russlands vollumfänglicher Angriffskrieg hatte nachts
       begonnen und Explosionen hallten in Odessa wider – holte Sascha seine Frau
       und Nikita aus der Geburtsklinik ab.
       
       Dann folgte eine kurze Zeit im Dorf, bevor Katerina und ihr Kind die
       Ukraine verließen. 2023 kehrten sie noch einmal nach Hause zurück und
       verbrachten etwa sechs Monate in Odessa. Doch die Angriffe wurden
       intensiver. Als sie mit ihrem Kind im Flur kauerte, während rund um das
       Haus Geräusche explodierender Schahed-Drohnen zu hören waren, wurde
       Katerina klar, dass sie wieder die Koffer packen musste.
       
       Plötzlich war die Familienwohnung wieder leer. Saschas Leben gleicht nun
       dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Er schläft, öffnet die Augen,
       isst, geht mit dem Hund Gassi, arbeitet, isst, geht wieder mit dem Hund
       Gassi und dann ins Bett. „Ich esse Haferflocken, Buchweizen, Reis. Manchmal
       Kartoffeln. Mehr gibt es nicht, aber ich koche ja auch für niemanden mehr.“
       
       ## Sie darf sich trotzdem beklagen
       
       Alle Familienrituale und -traditionen sind jetzt nur noch Erinnerungen.
       „Ich erinnere mich, wie wir uns Komödien angesehen und dabei gelacht haben.
       Wir haben einen ähnlichen Humor. Damals las ich viele Bücher zur
       Selbstoptimierung und er auch. Ich dachte: Was für ein reflektierter
       Mensch! Er bildet sich weiter und strengt sich an.“
       
       Jetzt telefonieren die beiden jeden Tag. „Morgens hört er sich meine Klagen
       an – die Klagen einer Emigrantin, der keine Schaheds um die Ohren fliegen
       und die Strom hat“, sagt sie und lacht. „Aber ich beklage mich bei ihm
       darüber, dass ich hier im Ausland nicht mit allem zufrieden bin. Ich bin
       ihm dankbar für seine Geduld.
       
       Manchmal sprechen wir über die Arbeit. Und abends rufe ich ihn an und
       erzähle ihm von meinem Tag, schicke ihm Fotos von mir und unserem Sohn.
       Jeden Abend liest er Nikita eine Geschichte vor. Gestern haben wir das
       Alphabet gelernt“, erzählt Katerina. Im Krieg habe sie ihn „ich liebe dich“
       öfter sagen hören als in all den Jahren zuvor. „Auf Distanz lässt sich
       Liebe nur in Worten ausdrücken. Doch jetzt spricht die beste Version meines
       Mannes mit mir“, sagt Katja.
       
       Aus dem Russischen Barbara Oertel
       
       24 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Artem Perfilov
       
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