# taz.de -- Linke Szene in Brandenburg: Bollwerk gegen Nazis
> Das Hausprojekt K29 bereichert das Cottbuser Stadtleben. Das scheint aber
> nicht zu helfen: Der Vermieter will es räumen lassen.
(IMG) Bild: Das Wohnhaus in der Karlstraße 29 in den 1990ern
Gleich hinter der braunen Haustür lehnt er an der Wand: der massive
Holzbalken, mit dem die Bewohner*innen des Hausprojekts in der
Karlstraße 29 in Cottbus den Eingang verbarrikadieren wollen, falls auch
sie von gewaltbereiten Neonazis angegriffen werden. „Die Sorgen wachsen:
Wann trifft es uns?“, sagt Mathilda Knorpp.
Seit drei Jahren wohnt die 25-jährige Sozialarbeiterin in der
Wohngemeinschaft im Norden von Cottbus. Von außen ist die K29, wie die
Bewohner*innen ihr Haus nennen, ein hübscher Altbau in einem
bürgerlichen Wohnviertel, das Baujahr 1894 prangt am Giebel. Drinnen leben
14 vor allem junge Leute auf den drei Etagen: Studierende, Auszubildende,
Künstler*innen. Der jüngste Bewohner ist 11 Jahre alt, die älteste Anfang
40.
Knorpp sitzt mit ihren Mitbewohner*innen in der großen Wohnküche im
Erdgeschoss. Wäscheklammern kennzeichnen Essen als vegan, vor dem Fenster
im Innenhof steht eine Feuerschale, dahinter liegt der Garten. An einer
Tafel über der Sitzbank: Termine. Plenum, Frühjahrsputz, WG-Urlaub. Und ein
Gerichtsprozess. Denn [1][die K29], eines der ältesten selbstverwalteten
Hausprojekte in Cottbus ist bedroht. Und das nicht nur von den Neonazis,
die hier [2][immer wieder linke Orte angreifen]. Es ist der Vermieter, der
die Wohngemeinschaft rausklagen will – mutmaßlich, um das Haus zu sanieren
und teurer zu vermieten.
Seit 2019 schickt der in Berlin ansässige Eigentümer der WG Abmahnungen und
Kündigungen. Eine erste Räumungsklage scheiterte, seit fast fünf Jahren
läuft nun bereits eine zweite. Es geht um Brandschutz und vermeintlich
falschen Gebrauch von Kachelöfen, die es in dem Haus aber gar nicht mehr
gibt. „Wir haben das Gefühl, der Eigentümer will hier einfach schnelles
Geld machen“, sagt Mathilda Knorpp. Auf Gesprächsangebote der
Bewohner*innen habe er nicht reagiert: „Er hat kein Interesse am Haus,
am Stadtteil, an Cottbus.“ Eine Anfrage der taz ließ der
Immobilienunternehmer unbeantwortet.
## Demo zur Verhandlung
Am 26. Februar wird die Räumungsklage weiter verhandelt. Die
Bewohner*innen der K29 haben dazu eine Demo organisiert. Für sie steht
mehr auf dem Spiel als der Verlust des eigenen Zuhauses. „Gerade in einer
Stadt wie Cottbus ist es total wichtig, dass es Orte gibt, an denen man
sich sicher fühlt“, sagt Stefan Binder, der auch in dem Hausprojekt lebt.
Die Geschichte des Hausprojekts reicht bis in die frühen 1990er Jahre
zurück. Damals, unmittelbar nach der Wiedervereinigung, herrschte
Wohnraummangel in Cottbus. Es klingt paradox, schließlich haben sich vor
allem Bilder von Wegzug, Leerstand und Abriss ins kollektive Gedächtnis
eingeprägt. Aber viele Altbauten waren marode und zum Teil unbewohnbar,
moderne Wohnungen sehr begehrt und für Studierende, die in die Stadt ziehen
wollten, unerreichbar. Ihnen blieb oft nur die Hoffnung aufs Wohnheim.
In dieser Situation behandelte an der damaligen Technischen Universität
(TU) Cottbus ein Seminar die Frage, wie selbstverwaltetes studentisches
Wohnen funktionieren könnte. Die Studierenden hatten eine Idee: Sie wollten
in leerstehenden Altbauten günstigen, gemeinschaftlichen Wohnraum schaffen.
Mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft einigten sie sich darauf, einen
Versuch zu wagen. Aus deren Bestand stammt das baufällige Haus in der
Karlstraße 29, in das die ersten Bewohner*innen 1992 einzogen. Die
Studierenden deckten das Dach, setzten Küche und Bäder instand, sicherten
das Treppenhaus. So richtig fertig wurden sie nie, die alten Fenster
machten noch jahrelang Ärger.
Die Pionier*innen legten das Fundament für das heutige Wohn- und
Kulturprojekt. Doch die Stadt darum herum hat sich sehr verändert. Aus den
Tagebauen rund um Cottbus wurden Seen, statt [3][im Kohlebergbau] gibt es
heute Arbeitsplätze im neuen ICE-Werk, in der Forschung und bei Start-ups.
Die TU Cottbus ging in der Brandenburgischen Technischen Universität auf,
mit rund 7.500 Studierenden ist sie heute [4][die zweitgrößte Hochschule in
Brandenburg].
Sogar der Wegzug der 2000er Jahre scheint gestoppt, zuletzt verzeichnete
Cottbus wieder einen leichten Zuzug. Mit rund 100.000 Einwohner*innen
ist es die zweitgrößte Stadt in Brandenburg. Eine Folge: Auch hier steigen
die Mieten. Zwar [5][nicht so schnell wie anderswo], aber – und hier sehen
die Bewohner*innen der Karlstraße 29 eine Parallele zur Gründungszeit –
es ist erneut schwer für junge Menschen, eine Wohnung zu finden.
Dem will die K29 etwas entgegensetzen. „Wir sind nicht nur eine große WG“,
sagt Stefan Binder. Der 26-Jährige studiert Maschinenbau an der BTU und
lebt seit drei Jahren in der K29. „Wir sind eher wie eine Familie, die man
sich aussucht: Wir kümmern uns umeinander, wir kochen füreinander, wir
versuchen in allen Lebensbereichen aufeinander aufzupassen und einander
unter die Arme zu greifen.“ Es gibt ein solidarisches Mietmodell, das sich
nach dem Einkommen der Bewohner*innen richtet. Im Schnitt kostet ein
Zimmer 320 Euro. „Unser Modell hilft jungen Menschen beim Ankommen in
Cottbus“, sagt Binders Mitbewohnerin Mathilda Knorpp. „Die K29 macht das
Leben in der Stadt schöner.“
## Jeden Sommer ein Straßenfest
Seit fast 20 Jahren veranstalten die Bewohner*innen jeden Sommer ein
Straßenfest vor der eigenen Haustür, das Leute aus der Nachbarschaft und
der ganzen Stadt zusammenbringt: Mit dabei sind die Kirche, verschiedene
Kulturorte, zivilgesellschaftliche Initiativen, es gibt ein Bühnenprogramm.
„In unserem sonst eher ruhigeren Kiez zeigen wir: Hier gibt es Kiezkultur,
und die machen wir selbst und unkommerziell“, sagt Stefan Binder.
Aber auch im Kleinen ist das Haus ein Treffpunkt: Hier finden Lesungen und
Filmvorführungen statt, queere Partys und Punkkonzerte, es gibt
Flinta-Workshops, und man trifft sich zum Lernen. „Wir sind ein Ankerpunkt
für die verschiedenen subkulturellen Szenen in Cottbus“, sagt Mathilda
Knorpp.
Diese alltägliche Arbeit, sagt Linda Piolka, erhalte viel zu wenig
Anerkennung. Piolka, 36 Jahre alt, war selbst mal Nachbarin der Karlstraße
29. Seit rund einem Jahr ist sie [6][Netzwerkkoordinatorin für die
Cottbuser Kulturszene]. In anderen Städten läuft ihr Job unter dem Titel
Nachtbürgermeisterin. In dieser Funktion vermittelt sie zwischen Subkultur,
Hochkultur, Stadt und auch der Polizei. „Niedrigschwellige, nicht
kommerzielle Angebote bereichern das Stadtleben“, sagt Piolka. Es gebe in
Cottbus sogar Fördergelder für Projekte, die ihren Stadtteil beleben
wollen. „Die Bewohner*innen der K29 machen das schon seit Langem – aus
eigener Initiative und ehrenamtlich.“
Für Piolka wiegt der Rechtsstreit um die K29 besonders schwer, weil hier
ein Ort verloren gehen könnte, der der Subkultur seit Jahrzehnten Räume
bietet: „In Cottbus gibt es viele Kollektive, die [7][ein alternatives
kulturelles Angebot] auf die Beine stellen. Aber dafür brauchen sie auch
Orte.“ Deshalb sei ein Projekt wie die K29, die ihren eigenen Lebensraum
als Kulturort zur Verfügung stellt, so wertvoll.
Wenn es mal brennt, greifen die Handvoll alternativ geprägten Häuser in
Cottbus einander unter die Arme. Nachdem Neonazis mehrfach das
linksradikale Hausprojekt Zelle79 angegriffen hatten, versorgte die K29
eine Demo gegen rechte Gewalt im eisigen Januar mit warmem Essen und Tee.
Und das Wohnprojekt stellte den Bewohner*innen der Zelle79 die eigene
Postanschrift zur Verfügung, weil der Briefkasten der Zelle79 [8][bei einer
Explosion zerstört worden war].
Aber seit mehreren Jahren hoffen die Bewohner*innen der Karlstraße 29
mittlerweile selbst auf Unterstützung. Die Probleme fingen an, als die
städtische Wohnungsbaugesellschaft das Haus 2011 verkaufte und es dann 2019
erneut verkauft wurde – an den heutigen Eigentümer. Immer wieder gab es die
Überlegung, das Haus selbst zu kaufen. Die Bewohner*innen gründeten
einen Verein, stellten eine Kampagne auf die Beine, nahmen Kontakt auf zum
[9][Mietshäuser Syndikat]. Doch das Vorhaben scheiterte am fehlenden
Verkaufswillen des Eigentümers.
## Im Schwebezustand
„Das Haus zu kaufen, ist unser Plan A. Aber im Moment verfolgen wir Plan B,
und der bedeutet, irgendwie weiterzuexistieren“, sagt Stefan Binder. Noch
haben die Bewohner*innen ihren 26 Jahre alten Mietvertrag, auch wenn
sie in Folge mehrerer Mieterhöhungen inzwischen doppelt so viel zahlen wie
noch vor zehn Jahren. Der Schwebezustand zehrt an ihnen. Das mache es
schwierig, sich auf die Kulturarbeit wie das Stadtteilfest zu
konzentrieren, sagt Mathilda Knorpp. „Wir bündeln unsere Ressourcen für den
Gerichtsprozess.“
Dabei vermissen sie Unterstützung aus der Lokalpolitik. „Es ist ernüchternd
zu sehen, dass wir nicht wahrgenommen werden“, kritisiert Stefan Binder.
„Das Thema Wohnen wird beim Strukturwandel überhaupt nicht mitgedacht.“ Die
fehlende Aufmerksamkeit sei ein Statement: „Wir sind halt kein cooles
Start-up in der sogenannten Boomtown Cottbus. ‚Linkes Hausprojekt‘ – das
klingt eben nicht so schick.“
Auf taz-Nachfrage erklärt die Kommunalverwaltung, die Situation der jungen
Menschen in der K29 sei der Stadt bekannt. Aber es gebe keine Handhabe, um
den Verlust des Wohnprojekts zu verhindern. „Es handelt sich um ein
Gerichtsverfahren zwischen privaten Parteien. Die Stadtverwaltung kann hier
nicht eingreifen, ohne die Unabhängigkeit des Gerichts infrage zu stellen“,
sagt ein Sprecher. Auch Milieuschutz liege nicht vor. Gleichzeitig würden
aber „Lösungsoptionen gesucht“, versichert er.
Bei der Cottbusser SPD, die in der Stadt auch den Oberbürgermeister stellt,
will man die bedrohliche Lage erkannt haben. Mitte Februar war [10][die
Bundestagsabgeordnete Maja Wallstein] zu Besuch in der K29 und machte sich
ein Bild. Man schätze das Projekt als „sehr positive Bereicherung sowohl
für die Kultur- als auch für die Studentenszene in Cottbus“, sagt ihr
Genosse Gunnar Kurth, Vorsitzender der SPD-Fraktion in der
Stadtverordnetenversammlung. Der Erhalt des Hausprojektes sei wichtig;
„insofern hoffen wir darauf, dass in dem jetzt anstehenden Verfahren ein
Interessenausgleich erfolgen kann, der den Fortbestand sichert“, sagt
Kurth.
Die Bewohner*innen wünschen sich, dass es nicht bei warmen Worten
bleibt: „Die Vorstellung, unser Zuhause zu verlieren, ist krass“, sagt
Mathilda Knorpp. „Wir wollen auch keinen Ersatz. So ein Haus findet man
nicht noch mal, mit dem Hof, dem Garten und all der Arbeit, die da
reingesteckt wurde.“
Eigentlich freue sie sich auf den Frühling, sagt Knorpp. Die Gartensaison
beginne, und der Termin fürs Straßenfest stehe. Aber erst einmal werden
Knorpp, Binder und ihre zwölf Mitbewohner*innen die Feuerschale, das
Markenzeichen der K29, auf den Cottbuser Gerichtsplatz schleppen: Ein
Lagerfeuer soll den Unterstützer*innen draußen Wärme spenden, während
drinnen im Gerichtsaal die Zukunft des Hausprojekts verhandelt wird.
25 Feb 2026
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