# taz.de -- Besetzer wollen Eigentümer werden: Wo Goethe kotzte
> Der Blaue Salon ist die schönste Hausbar Tübingens. Betrieben wird sie
> von einem Hausprojekt, welches das Haus nun kaufen will.
(IMG) Bild: Die Münzgasse 13 wurde 1977 besetzt
Wahrscheinlich kennt das ikonische Schild am Haus gegenüber der
Stiftskirche jeder, der mal ein paar Tage in Tübingen war: „Hier kotzte
Goethe“ ist darauf zu lesen. Es ist befestigt an der Außenwand eines
altehrwürdigen Gebäudes, das rundum mit Graffiti besprüht ist. Aus einem
Fenster weht eine Palästinafahne, aus einem anderen hängt ein Banner mit
der Aufschrift: „Jetzt Direktkreditgeber*in werden“.
Hinein in das ehemals besetzte Haus in der Münzgasse 13 geht es durch zwei
schwere, knarzende Holztüren. In der abgeranzten Halle des Hausprojekts
hängt ein riesiges Transparent, auf dem die Femizide aus dem Jahr 2024 in
Deutschland aufgelistet sind, mit Datum und Ort. Von hier aus gibt es zwei
Richtungen: entweder nach rechts die steile Treppe hoch in die
Privatgemächer der Bewohner*innen. Oder nach links, drei Stufen nach oben,
durch eine Tür, auf der handgeschriebene Zettel befestigt sind: „Samstag &
Sonntag geschlossen!“, steht darauf und „Eintritt ab 18!“
Wer durch diese Tür geht, landet inmitten der schönsten Hausbar der Stadt:
dem Blauen Salon. Alle, die in Tübingen irgendwie links sind oder
irgendwann mal waren, haben sich hier bestimmt schon mal ein Getränk
gegönnt.
Der Abend ist noch jung und die Bar noch nicht allzu voll. An einem Tisch
schräg unter dem großen Porträt von Karl Marx sitzt eine Handvoll Leute
zwischen Anfang 20 und Mitte 40. „Komm, nimm dir ein Bier und setz dich zu
uns“, sagt der Älteste der Gruppe. Es ist Thomas Schmitt, den manche auch
„der Professor“ nennen. Er hat bis 2015 in der Münzgasse 13 gewohnt, ist
jetzt 46 und hilft immer noch im Kollektiv mit, das den Kneipen- und
Kulturbetrieb im Salon organisiert.
## Endlich selber kaufen
Mit ihm am Tisch sitzen Ink Uhl, 22, die seit anderthalb Jahren im
Kollektiv mitarbeitet, und ein Punk, der sich Marlon nennt, im Haus wohnt,
aber ansonsten recht mysteriös bleibt. Ink und Marlon haben ihre Haare in
einer ähnlichen Schattierung von Pink gefärbt. Außerdem sitzt noch Anja
Fetzer, 32, dabei. Sie wohnt seit sechs Jahren in der Münzgasse 13. In den
vergangenen Jahren hat sie, genau wie viele andere der Hausbewohner*innen,
viel Arbeit in den Erhalt des Wohnprojekts und des Blauen Salons gesteckt.
Der große Wunsch der Bewohner*innen: [1][Sie wollen ihr Haus endlich
kaufen], das Wohnprojekt und den Salon erhalten.
In der Studierendenstadt Tübingen, wo Wohnraum knapp ist und günstiger
Wohnraum noch knapper, ist das kein Selbstzweck. Auch wenn hier am Neckar
in den vergangenen Jahrzehnten viel ausprobiert wurde – Baugemeinschaften,
genossenschaftliches Wohnen –, werden die Mieten immer teurer. Der ehemals
grüne, heute parteilose [2][Oberbürgermeister Boris Palmer] hat seine
Prioritäten nicht im sozialen Bereich. Weil wie in vielen Kommunen das Geld
in den vergangenen Jahren knapp geworden ist, wird auch in Tübingen
gespart.
Die Bewohner*innen der Münzgasse 13 wollen mit dem Kauf ihr Haus als
Wohn- und Kulturort langfristig erhalten. Das ist aber einfacher gesagt als
getan: „Wir sind eigentlich guter Dinge, was den Hauskauf angeht, aber es
ist frustrierend, dass immer wieder neue Hürden auftauchen“, sagt Anja
Fetzer.
Aber erst einmal ein Bier holen. Das ist hier so günstig wie sonst nirgends
in der Stadt – zumindest für die Freund*innen der Bewohnerschaft. Denn,
das betont Thomas Schmitt: „Das hier ist keine Kneipe, sondern eine
Hausbar. Es ist eine Begegnungsstätte für die Hausbewohner und ihre
Freunde.“
Bei 22 Bewohner*innen – und all den Ehemaligen, die noch immer
irgendwie mit dem Haus verbunden sind – sind auch deren Freunde und
Freundesfreunde ganz schön viele und ganz schön vielfältig.
Zu den Freund*innen des Hauses gehören auch zahlreiche Bands, die zum
Teil regelmäßig hier Halt machen. Sie werden nicht auf klassischem Weg
gebucht: „Die Bands sind eh auf Tour und gönnen sich bei uns einen
kostenlosen Pennplatz und treten dafür auf. Das ist Win-win“, sagt Marlon.
Erst vor Kurzem, erzählt Ink Uhl, waren [3][Ton Steine Scherben] in der
aktuellen Besetzung da. Bei ihrer Besetzerhymne, dem „Rauch-Haus-Song“,
sang das Publikum laut mit: „Das wird unser Haus!“
## Auch James, 90, wohnt dort
Marlon steht auf. Er gehört zu den Leuten, die sich um James Hope, den
ältesten Mitbewohner, kümmern und isst heute mit ihm zu Abend. James Hope
wird in diesem Jahr 90. Er selbst hat mal gesagt, dass er sein hohes Alter
vielleicht der Gemeinschaft hier im Haus verdanke. Er ist einen Tag nach
der ersten Besetzung des Hauses in die Münzgasse 13 eingezogen und lebt
seitdem hier.
Die erste Besetzung – das war am 27. Februar 1977. Damals hatte das Haus
schon eine lange Geschichte hinter sich: Im 17. Jahrhundert erbaut, war es
zunächst ein Wohnheim für mittellose Studenten. Bis zum Beginn des
Nationalsozialismus lebten Studierende im Haus, ab 1933 war hier die
Gestapo. „Leute wurden hier verhaftet, Verhöre durchgeführt und
Deportationen organisiert“, sagt Fetzer.
## Geduldete Lösung
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Haus in Polizeihand. „Irgendwann ist
die Polizei dann ausgezogen“, erzählt Fetzer, „und es hat keinen Tag
gedauert, bis es besetzt war.“ Auch in Tübingen war damals die Zeit der
Häuserkämpfe – und wie bei vielen anderen Tübinger Häusern ging die
Besetzung in eine geduldete Lösung über: Das Grundstück, auf dem das
Gebäude steht, gehört dem Land Baden-Württemberg, das Studierendenwerk, in
Tübingen Stuwe genannt, übernahm damals die Erbpacht – konnte aber nicht an
die Bewohner*innen direkt vermieten.
Denn seit der Besetzung haben eben nicht nur Studierende, sondern auch
Auszubildende, Arbeitslose und Berufstätige in der Münzgasse 13 gelebt –
das Stuwe aber ist nur für studentischen Wohnraum zuständig. Deswegen
schaltete sich ein Verein dazwischen, der vom Stuwe mietete und an die
Bewohner*innen weiter vermietete.
Das komplizierte Vermietungsverhältnis bedingte aber auch, dass sich
niemand von den Vermietenden wirklich verantwortlich für die Instandhaltung
fühlte. Die Bewohner*innen reparierten zwar immer wieder an
verschiedenen Ecken und Enden, aber über die Jahre reifte der Wunsch, das
Haus zu kaufen, selbst zu sanieren und Teil des [4][Mietshäuser-Syndikats]
zu werden.
Die Idee hinter dem Syndikat: Hausprojekte wie das in der Münzgasse werden
gemeinschaftlich gekauft – die Grundfinanzierung läuft dabei über viele
kleinere, direkte Kredite von Unterstützer*innen – und die Projekte
verpflichten sich, ihre Häuser dauerhaft dem spekulativen Wohnungsmarkt zu
entziehen.
## Besetzung, weil niemand mit ihnen redete
Über Jahre hinweg nahm aber niemand den Wunsch nach Hauskaufgesprächen der
Bewohner*innen ernst. 2021 besetzten sie dann ein zweites Mal. „Das war
ein eskalatives Mittel, als nach Jahren klar war: Niemand redet mit uns“,
sagt Anja Fetzer.
Im folgenden Jahr teilte das Land dann mit: Eine Übernahme sei zu begrüßen.
Die Bewohner*innen begannen, Direktkredite zu sammeln,
Sanierungsgutachten zu erstellen, mit Architekten zusammenzuarbeiten.
Der letzte Punkt, der jetzt noch geklärt werden muss: die Absicherung eines
Bankdarlehens. Weil die Schätzungen des Landes und der Architekten zum Wert
des Gebäudes auseinander gehen, brauchen die Bewohner*innen andere
Bürgschaften, um ihren Kredit zu bekommen. Am liebsten würden sie ihr Haus
noch vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März kaufen. „Es sind
nicht alle Parteien diesem Projekt gegenüber positiv gestimmt“, sagt Ink
Uhl. Ob die CDU, die laut Wahlumfragen im März wohl stärkste Kraft wird, um
eine gute Lösung für das alternative Hausprojekt ringen würde, ist
mindestens fraglich. Anja Fetzer hat nichtsdestotrotz Hoffnung: „Wir haben
schon 99 Probleme gelöst, da werden wir das hundertste auch noch lösen.“
## Goethe beim Verleger
Darauf Prost. Nach ein paar weiteren Bieren muss noch eine Sache
klargestellt werden: „Dass Goethe hier gekotzt hat, ist gar kein Fakt“,
sagt Ink Uhl. Tatsächlich war es so: Im Nachbarhaus residierte der Verlag
von Johann Friedrich Cotta und bei einem Tübingen-Besuch im Herbst 1797
wohnte Goethe mal für ein paar Tage bei seinem Verleger. Weil diese kurze
Episode mit einem Schild gewürdigt wurde, hat sich irgendwer irgendwann mal
gedacht, es sei witzig, das Tübinger Bildungsbürgertum mit dem Kotz-Schild
zu foppen.
Der Bekanntheit des Hauses hilft es auf jeden Fall: In vielen
Tübingen-Reiseführern ist das Schild zu finden. Das eigentliche
Alleinstellungsmerkmal der Münzgasse 13 sei aber, sagt Anja Fetzer, ein
anderes. „Es ist etwas Besonderes, dass wir hier jetzt ein
antifaschistisches Projekt sind. Schließlich war hier früher die
Gestapo-Außenstelle. Das zeigt, was aus solchen Orten werden kann.“
21 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://muenzgasse13.de/
(DIR) [2] /Tuebinger-OB-diskutiert-mit-AfD-Politiker/!6112191
(DIR) [3] /Gitarrist-von-Ton-Steine-Scherben-tot/!6024369
(DIR) [4] https://www.syndikat.org/
## AUTOREN
(DIR) Miri Watson
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