# taz.de -- Fatalismus ade: Der Frühling kommt, auch politisch. Wetten?
> Von Minneapolis bis Magdeburg gibt es gerade vieles, was Hoffnung macht.
> Man muss es nur sehen wollen. Ein Plädoyer gegen die innere
> Winterstimmung.
(IMG) Bild: Bunter Protest gegen ICE im winterlichen Minneapolis
Zwei Dinge sind in diesem Winter richtig anstrengend: Der Winter, der nicht
enden will. Und Leute, die wissen, dass alles immer schlimmer wird. Und
damit nicht die Temperatur, sondern die politische Großwetterlage meinen.
Man findet diese Fatalisten überall, links und rechts und mittig. In
Gesprächen über die USA, die Lage Europas und den deutschen Sozialstaat.
Dabei kann man, wenn man hinsieht, viel sehen, was Hoffnung macht. Einen
politischen Frühling, sozusagen.
Hoffnung macht zum Beispiel ein [1][Sexshop in Minneapolis]. Hier wurden
gespendete Lebensmittel und Windeln gesammelt und weiterverteilt an
Menschen, die sich nicht trauen, das Haus zu verlassen, weil sie sonst von
Trumps Schergen entführt werden würden.
Jetzt ist ICE weg, aber die Bewegung, die bleibt. Minneapolis ist das
Mutmachendste, was dieses Jahr passiert ist. Mag sein, dass Trump medial
noch erfolgreich ist. Aber in Umfragen verliert er. Mag sein, dass die
Amerikaner nach den [2][Midterms im Herbst um ihre Demokratie] kämpfen
müssen. Aber dass sie den Kampf gewinnen können, hat Minneapolis gezeigt.
## Plötzlich ist Trump kein Windschatten mehr
Natürlich kann man trotzdem überall den Faschismus sehen. Man kann
Gestapo-Mäntel mit der Kleiderordnung von ICE vergleichen. Oder man erkennt
die Anzeichen dafür, dass mit Trump gerade die globale Rechte an
Anziehungskraft verliert. Eben waren sich noch alle sicher, dass die AfD in
diesem Jahr von Wahlsieg zu Wahlsieg eilen wird. Plötzlich ist Trump kein
Windschatten mehr für die Rechten in Europa.
Politische Fatalisten dagegen sehen lieber, wie abhängig Europa noch immer
von den USA ist. In Büchern wird der Untergang des Westens besungen, als
sei der schon ausgemacht. Ist auch gemütlich, so eine Dystopie.
Tatsächlich kann man aber gerade dabei zusehen, wie Europa sich von den USA
emanzipiert. Erinnert sich jemand an die Aufregung um Grönland? Nun wissen
wir, dass die [3][USA genauso abhängig sind von Europa wie andersrum].
Europa wird gerade souveräner, nicht nur militärisch. Und das ist eine gute
Entwicklung.
Ein ähnliches Muster lässt sich in den Debatten um den deutschen
Sozialstaat erkennen. Seit Monaten diskutieren wir in der taz über den
„großen Angriff“. Und tatsächlich sind die Forderungen von Union und ihr
nahestehenden Lobbyisten gruselig, vom Zahnersatz bis zur
[4][Lifestyle-Teilzeit]. Aber statt sich vor dem Comeback der Neoliberalen
zu gruseln, könnte man nüchtern fragen: Kommt da noch was?
Denn es gibt einen Unterschied zur Agenda 2010: Jeder Vorschlag zur
Privatisierung trifft auf breite Gegenwehr. Die Hartz-Reformen kamen von
einer 40-Prozent-SPD und kellnernden Grünen. Die PDS war aus dem Bundestag
geflogen. Union und FDP brauchten von der Oppositionsbank nur Beifall zu
klatschen.
Heute steckt die abgehalfterte SPD in einer kleinen Koalition, Grüne und
Linke machen Druck. Auch medial wird nicht mehr vom kranken Mann Europas
fabuliert. Die Union weiß, dass sie Wahlen verliert, wenn sie den
Sozialstaat schröpft. Der Wind hat sich gedreht.
Und damit zurück zum Wetter: An diesem Wochenende geht der Winter womöglich
zu Ende. Und es gibt Anzeichen, dass es nicht nur wärmer wird, sondern der
politische Frühling kommt. Ein Grüner gewinnt die Wahlen im konservativen
Baden-Württemberg. [5][Die AfD zerlegt sich über ihre Vetternwirtschaft]
und wird die Wahlen in Sachsen-Anhalt verlieren. Und auch von Friedrich
Merz sind Überraschungen zu erwarten.
So wie es CDU-Kanzler brauchte, um die Wehrpflicht abzuschaffen, die „Ehe
für alle“ zu beschließen, die Schuldenbremse zu lockern, wird es ein
CDU-Kanzler sein, der die Erbschaftssteuer reformiert. Wetten?
21 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Kersten Augustin
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