# taz.de -- Wahlkampf für die US-Midterms: „Gerrymandering“ für den eigenen Vorteil
> In Virginia entscheidet die Bevölkerung per Referendum, dass Gouverneurin
> und Staatskongress neue Wahlkreise bilden dürfen. Das soll den
> US-Demokraten nützen.
(IMG) Bild: Eine Neuzeichnung der Wahlkreise ist in Virginia im Sinne der demokratischen Partei. Straßenszene vom 21. April in South Hill
Die Midterms, [1][die Zwischenwahlen um die Kongressmehrheit] in den USA,
sind noch sieben Monate entfernt. In den meisten Staaten haben die Parteien
noch nicht einmal intern ihre Kandidaten gekürt. Und doch hatte man am
Dienstagabend in den USA das Gefühl, als ginge es schon um alles.
Die Zeitungen und Blogs veröffentlichten Live-Updates aus Virginia, die
Netzwerksender zeigten noch aus den kleinsten Wahlbezirken des Staates
südlich von Washington Prognosen. [2][Ex-US-Präsident Barack Obama] hatte
sich mit Werbespots engagiert, und auch der derzeitige Amtsinhaber Donald
Trump ging im letzten Moment noch vor die Kameras, um sich einzumischen.
Lobbygruppen hatten knapp 100 Millionen US-Dollar gesammelt. Dabei ging es
bei der Volksabstimmung am Dienstag, 21. April, formell nur um das Recht
der Staatsregierung, die Wahlbezirke neu zu ziehen.
Am Ende erteilten die Bürgerinnen und Bürger des ehemaligen
Plantagenstaates zwischen den Appalachen und dem Atlantik mit 51,5 zu 48,5
Prozent der Stimmen der Gouverneurin und dem Staatskongress das Mandat, die
Wahlkarte neu zu zeichnen. Ein Ergebnis, das die demokratische Partei so
feierte, als habe man Trump praktisch schon aus dem Amt gewählt. „Wir haben
Trump gerade einen Riesenarschtritt verpasst“, jubelte der Sprecher des
Staatsparlaments, Don Scott.
Die Bedeutung der Abstimmung leitete sich aus dem komplizierten Krieg ab,
den die Parteien im Vorfeld der Midterms um die Wahlbezirke führen.
[3][Trump begann mit dem „Gerrymandering“ in Texas], wo er den Gouverneur
dazu bewegen konnte, die Grenzen der Bezirke so neu zu ziehen, dass die
Republikaner bei der Wahl im November mutmaßlich vier Sitze hinzugewinnen.
[4][Mit chirurgischer Präzision werden die Grenzen auf diese Weise neu
festgelegt, dass die Wähler einer Partei auf mehrere neue Bezirke verteilt
werden.] „Cracking“ wird das in der Fachsprache genannt.
Die Demokraten kritisieren diese Praxis, derer sich die Republikaner seit
geraumer Zeit bedienen, eigentlich als undemokratisch. Doch der Demokrat
und kalifornische Gouverneur Gavin Newsom – der von Anstandsregeln im Kampf
gegen Trump nicht viel hält – zog nach [5][und gestaltete die Karte in
seinem Staat um].
## „When they go low, we go high“ ist wohl passé
So wie die Demokraten von Virginia beabsichtigen, die Linien neu zu ziehen,
könnten sie im Herbst vier Abgeordnete hinzugewinnen. Konkret heißt das:
Bei exakt gleichem Wahlverhalten würde der Bundesstaat nicht wie derzeit 6
demokratische und 5 republikanische Abgeordnete nach Washington schicken,
sondern 10 Demokraten und 1 Republikaner. Das Rennen um die Mehrheit im
Abgeordnetenhaus – was ein deutlicher Machtverlust für Trump bedeuten würde
– ist nun wieder offen.
So bemerkte Trump vor der Wahl: „Es geht um die Zukunft des Landes.“ Nun
kann er nur noch auf Florida hoffen, wo in der kommenden Woche die letzte
Abstimmung über das Redistricting stattfindet. Und schließlich steht noch
ein Urteil des Obersten Bundesgerichtes aus, das „Gerrymandering“ nach
ethnischer Zugehörigkeit im Süden wieder erlauben könnte.
Dass der Ausgang von Wahlen in den USA mittlerweile so stark von dieser
Praxis abhängt, wird von vielen bedauert. So verwendeten die Republikaner
in Virginia ein altes Video von Barack Obama, in dem er das Gerrymandering
massiv kritisierte. Die Praxis entwerte die Stimmen vieler Wähler, allen
voran die von Minderheiten. Die einzige Entschuldigung, welche die
Demokraten dafür haben, dass sie bei dem Spiel mitmachen, ist: Die anderen
haben angefangen. Die Maxime von [6][Ex-Präsidentengattin Michelle Obama]
„When they go low, we go high“ ist in der Ära Trump wohl nichts mehr wert.
So unterstützte auch die frisch gewählte Gouverneurin von Virginia, Abigail
Spannberger, die Abstimmung – wenn auch nur zögerlich. Eigentlich wollte
sie als Pragmatikerin antreten, die Probleme löst, anstatt Parteipolitik zu
betreiben. Jetzt wird sie von beiden Seiten kritisiert: Von den Demokraten,
weil sie sich zu wenig engagiert hat, von den Republikanern, weil sie sich
zu stark engagiert hat. Ein scheinbar unvermeidliches Schicksal in diesen
Zeiten.
22 Apr 2026
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(DIR) [5] https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/kalifornien-wahlkreise-gerrymandering-100.html
(DIR) [6] /Michelle-Obamas-neuer-Podcast/!5704946
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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