# taz.de -- Im Wochenendhaus: Mein Körper will auf dem Land sein, mein Kopf in der Stadt
       
       > Morgens vom Krähen eines Hahnes aufwachen und festellen, dass man gut
       > geschlafen hat: Das Land hat durchaus seine Vorteile.
       
 (IMG) Bild: Wo ein Hahn danach kräht, da ist wohlfühlen angesagt
       
       Gestern bin ich aufs Land gefahren. Das sage ich, dass ich aufs Land fahre,
       obwohl es sich immer noch falsch anhört. Ich bin „auf dem Land“
       aufgewachsen und niemand sagte damals „auf dem Land“. Ich kannte den
       Ausdruck gar nicht. Jetzt aber sage ich, dass ich aufs Land fahre. Jetzt
       bin ich nämlich aus der Stadt und nicht mehr vom Land und alles hat sich
       umgekehrt.
       
       Als ich ein Kind war und noch vom Land war, da wünschte ich mir, dem Land
       den Rücken zukehren zu können. Ich sagte trotzig, „Ich ziehe jedenfalls mal
       in die Stadt, in eine kleine Wohnung.“ Dass die Wohnung klein sein sollte,
       war keine Bescheidenheit, sondern der Tatsache geschuldet, dass ich kaum
       wusste, was ich mehr verabscheute: Arbeit auf dem Hof oder im Haushalt.
       
       Eine kleine Wohnung in der Stadt konnte nur weniger Arbeit bedeuten, als
       die in einem Haus, auf einem Hof mit Tieren und Garten. Diesen ganzen
       Zwängen wollte ich entfliehen, um meine freie Zeit mit dem verbringen zu
       können, was ich wirklich gerne tat: lesen, zeichnen, Musik hören, rumliegen
       und träumen.
       
       Im Grunde kann ich zufrieden sein: Ich führe ein solches Leben. Ich
       [1][wohne in einer kleinen Wohnung in der Stadt] und fülle meine Freizeit
       mit ungefähr diesen Dingen aus. Ich bin auch zufrieden. Ich will nicht
       zurück. Ich wollte nie zurück.
       
       Die Stadt, [2][mit ihrer ganzen, schrecklichen Vielfalt an Leben],
       schrecklich, weil zuweilen grausam und abstoßend, aber auch immer wieder
       wundervoll neu und fremd, und das alles sichtbar, ist der Ort, wo ich
       hingehöre. Wo ich das Gefühl habe, das zu sehen, was für mich wichtig ist.
       Weder will ich mich verstecken, noch versteckt sein. Ich will mir keine
       Illusionen machen. Ich will mich nicht abschirmen. Ich will es alles sehen.
       
       ## Es gibt Schlimmeres
       
       Jetzt bin ich also auf dem Land, weil mein Freund ein altes Häuschen auf
       dem Land hat, und ich sehe, was das mit mir macht. Seit Langem schlafe ich
       schlecht, das sind die Hormone, die mir fehlen. Dreimal, viermal in der
       Nacht wache ich auf, Augenringe, Konzentrationsschwierigkeiten, ich will
       nicht klagen, gibt Schlimmeres.
       
       Sobald ich aber hier bin, in diesem alten Häuschen, mit den winzigen, alten
       Fenstern, sobald ich hier unter mein Federbett krieche, ist alles anders.
       Ich wache auf und plötzlich ist es Morgen. Ich bin erschüttert, ich habe
       die ganze Nacht geschlafen, vom Abend bis zum Morgen. Die Spatzen
       tschilpen, der Hahn kräht und kräht und kräht. Ich kenne ihn, von ganz
       früher her, diesen dummen, lieben Hahn.
       
       Ich fotografiere die Veilchen am Schuppen und schicke das Bild an meine
       Freundinnen. Eine Freundin schreibt: „Es ist irgendwie komisch, in diesem
       Jahr nehme ich die blühenden Bäume und Pflanzen bewusster war und erfreue
       mich so daran.“ Ich denke, ich auch. Ich frage mich, woran das liegt. Am
       Alter? An der instabilen Welt? Ist die Welt instabiler als sonst, als
       früher? Bin ich dem Frühling dankbar, dass er in dieser instabilen Welt
       noch erscheint, mit all der Hoffnung im Gepäck?
       
       Das ist ja alles einigermaßen abstrakt und absurd, dazu sentimental. Aber
       warum bin ich jetzt so gerne auf dem Land und warum ist ein Teil von mir so
       anders als in der Stadt? Will mein Körper auf dem Land sein und mein Kopf
       in der Stadt? Ich glaube, das ist eine Erklärung, mit der ich sehr
       zufrieden bin. Mein Körper will hier schlafen gehen, mein Kopf in Hamburg
       U-Bahn fahren. Alles, das eine wie das andere, nehme ich an. Was sonst?
       
       Danke – Frühling! Danke – Hahn! Danke – Spatzen!
       
       5 Apr 2026
       
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