# taz.de -- Massaker in Iran: Die unsolidarische Linke
> Links der Mitte tut man sich schwer, mit dem Freiheitskampf der Iraner
> echte Solidarität zu zeigen. Warum Linken die Unterstützung so
> schwerfällt.
(IMG) Bild: Die Iraner machen sich keine Illusionen darüber, dass die USA nur in ihrem Eigeninteresse handeln
Es gab diese eine Hoffnung, an der sich die Iraner nach Jahrzehnten der
Unterdrückung klammerten: „Wenn wir ausreichend viele Menschen sind, die
sich trotz Lebensgefahr auf die Straßen trauen, kann uns dieses Regime
nicht alle erschießen – dann sind wir stärker als sie.“
Diese Hoffnung wurde am 8. und 9. Januar auf blutigste Weise zerschlagen.
Innerhalb von nur zwei Tagen ließ das Regime zwischen [1][7.000 und 36.000
Demonstranten systematisch erschießen], eine unabhängige Zählung lässt die
Regierung nicht zu.
Zehntausende sitzen jetzt in den Foltergefängnissen, Tausenden droht die
Hinrichtung. Angehörige der Toten müssen mehrere Tausend Euro zahlen, damit
die Sicherheitskräfte ihnen überhaupt die Leichname übergeben – offiziell
um für die verschossene Munition aufzukommen.
Angesichts dieses Horrors bleibt vielen Iranern nur noch die Hoffnung auf
amerikanische Militärschläge. Nicht aus Naivität, sondern aus der
verzweifelten Hoffnung heraus, dass Luftschläge das Mullah-Regime derart
schwächen, dass sie wieder auf die Straßen zurückkehren und ihr Land
befreien können.
## Bitter: Ausgerechnet Trump weckt Hoffnung
Es ist nicht schön, das so zu benennen, aber es ist so: [2][Ein
autoritärer, Fakten verdrehender Rabauke wie Donald Trump,] der für die
Armen und Schwachen dieser Welt nur Verachtung übrig hat, hat einem Volk,
das mit unfassbarem Mut gegen Frauenunterdrückung und Klerikalfaschismus
Widerstand leistet, mehr zu bieten als alle linke Politiker und Aktivisten
der letzten 50 Jahre.
Im Augenblick ist [3][das Schweigen der Aktivisten, Politiker und NGOs
links der Mitte besonders] laut. Bestenfalls beklagt man in symbolischen
Statements die Toten und warnt im selben Atemzug vor militärischen
Interventionen. Schlimmstenfalls schweigt man komplett oder sympathisiert
sogar offen mit dem Mullah-Regime – immerhin das letzte Bollwerk gegen
Israels Expansionismus und westlichen Imperialismus, oder?
Vom französischen Star-Intellektuellen Michel Foucault, der die
Machtergreifung der Mullahs 1979 als „politische Spiritualität“ verklärte,
bis zur früheren „feministischen“ Außenministerin Annalena Baerbock, die
die Einstufung der Revolutionsgarden als Terrorgruppe jahrelang ausbremste:
Iran erwies sich schon immer als der Prüfstein, an dem scheinbar
progressive Ideologien scheiterten.
Mit ihrer feministischen Stoßrichtung ernteten die „Frau, Leben,
Freiheit“-Proteste 2022 in linken Kreisen immerhin noch einige Sympathien.
Doch jetzt, wo einfache Working-Class-Iraner nach dem proamerikanischen
Sohn des gestürzten Schahs rufen, scheint sich ein Großteil der linken
Weltöffentlichkeit endgültig vom Iran abgewendet zu haben. Praktisch keine
Demos. Keine Hashtags. Keine Hollywood-Reden. Stattdessen erklärt man den
Iranern, dass die Schah-Monarchie doch genauso schlimm gewesen sei wie die
Herrschaft der Ayatollahs. Oder dass „regime change“ im Nahen Osten noch
nie funktioniert habe.
## Das Leid wird relativiert
In Kreisen, wo man – berechtigterweise – ein freies Palästina fordert, ist
die Zurückhaltung besonders entlarvend. Als Zohran Mamdani, New Yorks
linker Bürgermeister, nach wochenlangem Schweigen zu seiner Meinung befragt
wurde, sagte er nur, dass er „den Umgang Irans mit den Protesten nicht
unterstütze“.
Linke israelkritische Medien, wie Dropsite News, verbreiten das
Regime-Narrativ, dass der Mossad hinter den Demonstrationen stehe. Andere
wiederum stellen die hohen Opferzahlen als Manipulation dar, um eine
mögliche US-Intervention zu legitimieren. Anstatt den Menschen vor Ort eine
Stimme zu geben, spricht man über sie. Anstatt den Betroffenen zuzuhören,
relativiert oder leugnet man gar ihr Leid.
Dass es vielen Menschen mit progressiven Werten so schwerfällt, den
Widerstand in Iran ohne Wenn und Aber zu unterstützen, hat tiefsitzende
ideologische Gründe. Es sind die Glaubenssätze, die einer echten
Solidarität von links im Wege stehen.
## Die historische Schah-Phobie
Erstens: die historische Schah-Phobie. Der Sohn des gestürzten Schahs, Reza
Pahlavi, ist für viele junge Iraner zu einer politischen
Identifikationsfigur geworden. Nicht aufgrund einer diffusen
Schah-Nostalgie, sondern weil er als der einzige Oppositionspolitiker mit
einem klaren Programm wahrgenommen wird.
Trotz seines Bekenntnisses zur Demokratie und zu einem nationalen
Referendum über die künftige Staatsform begreifen ihn ideologische Linke
aber weiterhin als Symbol der autoritären Schah-Monarchie vor 1979.
Gleichzeitig stellen sie die Herrschaft seines Vaters auf dieselbe Stufe
wie die islamistische Mullah-Diktatur („weder Schah noch Mullah“).
Doch diese Gleichsetzung hält keinem historischen Vergleich stand. Der
Repressionsapparat des Schahs hat während der ganzen Islamischen Revolution
nicht annähernd so viele Menschen getötet, wie die Islamische Republik in
nur zwei Tagen. Von den Frauen- und Bürgerrechten, die 1979 abgeschafft
wurden, ganz zu schweigen.
## Der Feind meines Feindes
Zweitens: Mein Feindesfeind ist mein Freund. Neben der Scharia bildet der
„Widerstand gegen Israel und den US-Imperialismus“ das ideologische
Fundament der Islamischen Republik. In Teherans Zentrum läuft seit 2017 ein
Countdown bis zur angeblichen Zerstörung Israels. Das macht das
Mullah-Regime für Teile der antiimperialistischen und israelkritischen
Linken anschlussfähig.
Dabei müsste allen klar sein: Ein System, das die eigenen Bürger mit Füßen
tritt, hat nicht das geringste Interesse am Wohl der Palästinenser. Für die
Mullahs sind die Palästinenser nichts als ein geopolitisches Machtpfand.
Die Islamische Republik ist der Hauptfinancier von Hamas und Hisbollah.
Ohne sie fiele das einzige nachvollziehbare Argument weg, das Israel gegen
eine Zweistaatenlösung vorbringen kann. Wer also ein freies Palästina will,
muss auch ein freies Iran wollen.
## Angst vor einem „Regime Change“
Drittens: Die Angst vor dem „Regime Change“. Es ist wahr, dass westliche
Militärinterventionen und „Regime Changes“ im Nahen Osten nur selten
erfolgreich waren. Doch Iran hat andere Startvoraussetzungen als der Irak,
Afghanistan oder Libyen – von der säkularen Zivilgesellschaft bis hin zur
dezentralen Verwaltung.
Die Iraner machen sich keine Illusionen darüber, dass die USA nur in ihrem
Eigeninteresse handeln. Aber nach dem systematischen Massaker im Januar
fragen sie sich auch: „Wie sollen wir mit leeren Händen gegen diese
Tötungsmaschinerie ankommen?“
Ein Unterdrückungsapparat, der sich mit Öleinnahmen finanziert und zu
äußerster Gewalt bereit ist, kann allein durch Streiks und Straßenproteste
nicht besiegt werden. Wer angesichts dieser Realität ausländische
Interventionen ablehnt, dient zwar dem eigenen Gewissen, aber nicht den
Menschen vor Ort. Und: Haben wir in Deutschland nicht selbst die Rote Armee
und die Amerikaner gebraucht, um uns vom Faschismus zu befreien?
Angesichts des Grauens in Gaza war es richtig, auf die Straße zu gehen,
auch wenn man die Hamas verurteilt. Menschen, die unfassbare Grausamkeit
erfahren, haben bedingungslose Solidarität verdient. Genauso ist es im
Iran. Unabhängig davon, wie man zu Reza Pahlavi oder Donald Trump steht:
Der Kampf der Iraner für Freiheit und Menschenwürde braucht unsere ganze
Solidarität – auch und vor allem von links.
8 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ein-Protokoll-aus-Iran/!6144277
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## AUTOREN
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