# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Kyjiw, zwei Uhr nachts
       
       > Jede Nacht bricht irgendwo in der ukrainischen Hauptstadt die Strom- und
       > Wasserversorgung zusammen. Die Menschen wehren sich – immer wieder.
       
 (IMG) Bild: Ein Wohnhaus in Kiew, davor wurden Notzelte errichtet, damit die Bewohner:innen sich aufwärmen können
       
       Was würden Sie tun, wenn plötzlich kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt?
       Oder wenn die Heizung mitten im Winter plötzlich ausfällt? Oder wenn es
       plötzlich keinen Strom mehr gibt? Und was wäre, wenn all das zusammen auf
       einmal und auf unbestimmte Zeit passiert? Exakt [1][dieses Szenario] ist
       für viele Ukrainer:innen Realität geworden – auch für mich persönlich.
       
       Kyjiw, zwei Uhr nachts. Russland führt einen weiteren massiven Angriff auf
       die Ukraine durch. Man hört eine [2][Explosion]. Eine von vielen, aber
       genau diese scheint ihr Ziel getroffen zu haben. Der Kühlschrank verstummt,
       alle Geräte im Haus gehen aus, im Bad gibt es kein Wasser mehr.
       
       Es herrscht plötzlich Stille, in der nur noch zu hören ist, wie heißes
       Wasser aus dem Heizkörper der Zentralheizung fließt – das ist übrigens gut
       so: So werden die Heizungssysteme bei Frost vor einer Katastrophe bewahrt.
       Andernfalls würden der Heizkörper und die Rohre zu Bruch gehen – zusammen
       mit der Hoffnung, dass es wieder warm wird.
       
       Kyjiw ist nicht irgendeine große Stadt, sondern es ist eine echte Metropole
       – mit Wolkenkratzern, U-Bahn, achtspurigen Straßen und teuren Restaurants.
       Doch inmitten all dieser Pracht wird man um Dutzende von Jahren in die
       Vergangenheit zurückgeschleudert. In den ersten Minuten nach dem Strom- und
       Wasserausfall versuche ich, mich an die neue Realität zu gewöhnen.
       Natürlich kommt der Winter nie plötzlich, und auch das vierte Jahr der
       russischen Invasion wurde von niemandem abgesagt – aber was muss ich
       persönlich jetzt tun? Hier ist mein Wasservorrat, hier ist mein Akku für
       mein Smartphone, hier ist meine Taschenlampe und hier ist meine warme Decke
       – wie verwundbar bin ich gerade?
       
       ## Wer jung ist, kann Trinkwasser holen
       
       Mein Kühlschrank hält beispielsweise zwölf Stunden lang, aber Lebensmittel
       können auch auf dem Balkon gelagert werden. Die Mobilfunkverbindung wird
       vermutlich auch weiterhin funktionieren, wenn auch nur mit Schwierigkeiten.
       Wer jung und gesund genug ist, hat noch die Zeit, Trinkwasser zu holen.
       Wenn man seine Jugend und Gesundheit hinter sich gelassen hat, muss man
       dasselbe tun, nur dass es deutlich schlechter geht.
       
       Dann heißt es: abwarten. Höchstwahrscheinlich wird zuerst die
       Wasserversorgung wiederhergestellt. Deutlich später folgt dann die
       Stromversorgung. Und irgendwann auch die Heizung. Allerdings gibt es keine
       Garantie dafür, dass der nächste Beschuss nicht diesen Kreislauf erneut in
       Gang setzt.
       
       Zehntausende Menschen sind hier in der Ukraine mit der Wiederherstellung
       der Kommunikationswege beschäftigt. Selbstlos, ohne angemessene Bezahlung
       und mit Überstunden. Allerdings bewunderte man in der Ukraine zu Beginn des
       Kriegs ebenfalls die Heldentaten der Eisenbahner. Hat dies ihr Leben und
       ihre Arbeitsbedingungen verbessert? Ich glaube nicht.
       
       Im Internet findet man Videos, wie in einem der [3][Wohnviertel] von Kyjiw
       die Stromversorgung wiederhergestellt wird – und über dem ganzen Viertel
       ertönt der Jubelschrei der Bewohner:innen. Das ist es also, was wirklich
       Menschen verbindet. In diesem Jubelschrei ist auch meine Stimme zu hören.
       
       [4][Vasili Makarenko] ist freier Autor aus Kyjiw und war Teilnehmer eines
       Osteuropa-Workshops der [5][taz Panter Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [6][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [7][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       6 Feb 2026
       
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