# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: In Odessa sterben die Seepferdchen
       
       > Im Schwarzen Meer läuft Öl aus, ein Behälter wird beschossen. Viele Vögel
       > und Fische kommen um. Dabei ist das Meer so wichtig, auch für die
       > Menschen.
       
 (IMG) Bild: Tote Vögel am Strand von Odesa, Dezember 2025
       
       Meine Kinder, die jetzt in Wien leben, sagen oft, dass sie dort nichts zu
       tun haben. Sie wüssten nicht, wohin sie gehen sollten, wie sie sich
       vergnügen könnten.
       
       Das überrascht mich jedes Mal: Wie kann das sein? Schließlich ist [1][Wien]
       die kulturelle Hauptstadt Europas. Sie hat Museen, Theater, Konzerte. Diese
       eine Stadt bietet ganz viele unterschiedliche Welten. Ja, schon, antworten
       sie, aber hier gibt es kein Meer.
       
       Da kann ich nichts dagegen sagen. Denn in Odessa ist alles anders. Ob du
       traurig oder glücklich bist – du gehst ans Meer. Es ist immer da. Es heilt
       immer. Und ich selbst kann ohne Meer nicht leben. Bei jeder Gelegenheit,
       sobald ich einen freien Moment habe, gehe ich an die Küste.
       
       Aber diesen Winter wurde es schwierig, [2][ans Meer zu kommen]. Nach dem
       Beschuss des Hafens von Odessa lief Sonnenblumenöl aus einem der
       Spezialbehälter ins Meer. Formal gilt es nicht als giftige Substanz. Aber
       genau dieses Öl wurde zu einer tödlichen Falle für Vögel: Wenn sie mit dem
       Öl in Berührung kommen, verlieren sie ihre Flugfähigkeit. Das ist
       eingetreten. Am nächsten Morgen fanden [3][die Einwohner:innen] von
       Odessa Tausende toter Vögel an der Küste.
       
       ## Zarte, verletzliche, märchenhafte Wesen
       
       Es ist schon über einen Monat her, aber das Meer spült immer noch ihre
       Kadaver an Land. Und dann brachte der Sturm eine weitere Tragödie aus den
       Tiefen des Meeres – Tausende von Seepferdchen. Zarte, verletzliche, fast
       märchenhafte Wesen. Die Strände waren mit ihnen übersät.
       
       Die Meinungen über die Ursachen der Katastrophe gehen auseinander. Einige
       glauben, dass ein starker Sturm die Seepferdchen aus ihren gewohnten Tiefen
       gerissen und an Land gespült hat. Andere – und das sind die meisten
       Experten – bringen das mit der kürzlichen Verschmutzung durch
       Sonnenblumenöl in Verbindung. Mikroorganismen, die Öl in der Meeresumwelt
       verarbeiten, können für empfindliche Tiere wie Seepferdchen tödlich sein.
       Es gibt noch eine weitere Version: Das Öl sank auf den Grund, wo die
       Seepferdchen überwinterten, und deckte sie buchstäblich zu, wodurch ihnen
       der Sauerstoff entzogen wurde.
       
       Das Problem ist, dass man das nicht direkt überprüfen kann. Die Station in
       Odessa, wo solche Analysen durchgeführt werden könnten, ist schon lange
       abgebrannt. Es konnte nur das Wasser untersucht werden – darin wurden keine
       schädlichen Stoffe gefunden. Aber die Seepferdchen selbst konnten nirgendwo
       untersucht werden.
       
       ## Menschen wollen die toten Seepferdchen aufbewahren
       
       In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viele tote Seepferdchen und
       Krabben an der Küste von Odessa gesehen. Die Menschen sammelten sie ein und
       sagten, sie wollten sie trocknen und zumindest Souvenirs daraus machen –
       als Erinnerung an diesen seltsamen und schrecklichen Winter.
       
       Ich kam ans Meer, um dort zu recherchieren. Ganz zufällig traf ich einen
       Freiwilligen, den Vater der bekannten Umweltwissenschaftlerin Galina
       Teranko. Sie ist derzeit in Frankreich, arbeitet in einem Labor und kann
       wegen des Krieges nicht kommen. Deshalb schickt sie ihren Vater ans Meer:
       Er sammelt Proben, friert sie ein und schickt sie ihr nach Frankreich,
       damit sie eine molekulare Analyse durchführen kann.
       
       Die Ursachen werden noch gesucht. Und doch sind all diese Katastrophen auch
       eine Folge des Krieges und dem, was er mit unserem Meer anrichtet. In
       Odessa sind wir die meiste Zeit ohne Strom und Wasser. An das Meer zu
       gehen, ist eine der wenigen Freuden, die wir haben. Doch auch das wird
       immer seltener.
       
       [4][Tatjana Milimko] ist Chefredakteurin des ukrainischen
       Onlinenachrichtenportals [5][USI.online] und Alumna der taz Panter Stiftung
       ([6][Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa])
       
       Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan].
       
       3 Mar 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tatjana Milimko
       
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