# taz.de -- Tagebuch aus Lettland: Unsere Feste feiern wir mit Tränen in den Augen
       
       > Für Menschen, die aus der Haft in Belarus freikommen, gibt es ein breites
       > Netz der Solidarität. Doch selbst die größte Hilfe ist nicht groß genug.
       
 (IMG) Bild: Belarussische Dissident:innen in Warschau begrüßen die Oppositions-politikerin Swetlana Tichanowskaja, Juli 2022
       
       Im Dezember 2025 kamen 143 belarussische politische Gefangene frei.
       Endlich. 123 von ihnen wurden dank amerikanischer Diplomatie aus der Haft
       entlassen – im Austausch gegen eine teilweise Aufhebung von Sanktionen.
       Weitere 20 Gefangene kamen durch Begnadigung frei – ob [1][Belarus]'
       Staatspräsident Alexander Lukaschenko dafür eine Gegenleistung erhielt, ist
       unbekannt.
       
       Es ist, wie man so sagt, ein Fest mit Tränen in den Augen: Andere Menschen
       werden weiterhin verhaftet, und mehr als 1.100 Menschen sitzen immer noch
       in Haft, und auf sie warten politisch motivierte Verfahren. Und dennoch ist
       es ein Fest.
       
       Alle [2][123 Personen] aus der erstgenannten Gruppe wurden zwangsweise aus
       Belarus ausgewiesen. Die meisten von ihnen kamen zunächst in die Ukraine,
       wo sie regelmäßig Schutzräume aufsuchen mussten, weil ständig Beschuss
       drohte. Danach sind sie in die Europäische Union gebracht worden, zunächst
       nach Polen.
       
       Wir, die belarussischen Dissident:innen und Communitys im Exil, haben
       einen starken Willen, diesen Menschen zu helfen.
       
       Als man sie aus der Ukraine nach Warschau gebracht hatte, wurden sie dort
       mit Essen empfangen, Ärzt:innen und Psycholog:innen kümmerten sich um
       sie. Noch bevor die genaue Zahl der Freigelassenen bekannt wurde, kündigte
       der [3][Bysol-Fonds] eine Spendenaktion an, damit jeder und jedem, die oder
       der aus dem Gefängnis entlassen wurde, 1.000 Euro ausgezahlt werden konnte.
       Dafür mussten 123.000 Euro gesammelt werden, was in weniger als drei
       Stunden gelang.
       
       Ein Erfolg. Und ein Beweis, wie schnell wir in unserer Community handeln
       können, dass wir immer wachsam sind und dass wir auf Veränderungen schnell
       reagieren. Wenn nötig, sind wir sofort bereit. Früher hatten wir zu sehr
       auf Oppositionsführer und auf politische Strukturen im Exil gehofft. Jetzt
       jedoch haben wir verstanden: Man muss sich selbst organisieren. Jede
       Stimme, jeder Cent und auch jede Handlung zählen.
       
       In einem Social-Media-Chat, über den die Hilfe in Warschau koordiniert
       wird, erhalte ich einen Eindruck davon, wie diese große
       Freiwilligenstruktur funktioniert. Die Helfer:innen besuchen die Hotels,
       in denen viele der Freigelassenen untergebracht sind. Für eine entlassene
       Frau wird beispielsweise ein weicher Halskragen gebracht, ein Mann erhält
       eine Knieorthese.
       
       ## Ich möchte diese Solidarität feiern
       
       Das ist eine Solidarität, die ich feiern möchte: Belarus:innen, die früher
       im Gefängnis saßen, helfen Belarus:innen, die jetzt aus dem Gefängnis
       freigekommen sind. Freiwillige in Warschau begleiten die Freigelassenen zum
       Arzt oder zur Ärztin. Auch die Pflege wird schnell organisiert: Termine im
       Friseursalon, für Pediküre oder Massagen werden kostenlos oder zu einem
       bloß symbolischen Preis angeboten.
       
       Die Universitätsdozentin [4][Olga Filatchenkova], die mehr als zwei Jahre
       wegen der Unterstützung studentischer Proteste inhaftiert war, hat kleine
       Weihnachtsbäume als Geschenk gebastelt. Ehemalige politische Gefangene
       übernehmen die Betreuung der kürzlich Freigelassenen und helfen ihnen
       dabei, im Ausland zurechtzukommen.
       
       Das ist viel, reicht aber dennoch nicht aus. Nicht weil die Helfenden zu
       wenig tun, sondern weil nichts jemals genug sein wird. Keine Fürsorge und
       keine Hilfe kann das ungeschehen machen, was diesen Menschen
       ungerechtfertigterweise mehrere Jahre in Folterkammern angetan wurde. Aber
       dank der Solidarität und der vielfältigen und schnellen Unterstützung kann
       das persönliche Leid jedes einzelnen Repressionsopfers etwas erträglicher
       gemacht werden.
       
       [5][Nasta Zakharevich] ist eine belarussische Journalistin und lebt im Exil
       in Lettland. Sie war Teilnehmerin eines [6][Osteuropa-Workshops der taz
       Panter Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan.] 
       
       Durch Spenden an die [8][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [5] /programm/2024/tazlab2024/de/speakers/2124.html
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 (DIR) [8] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nasta Zakharevich
       
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