# taz.de -- Washington Post in der Krise: Im freien Fall
> Vor 13 Jahren übernahm Jeff Bezos die „Washington Post“. Nun steckt die
> renommierte Zeitung in einer tiefen Krise. Das Protokoll eines
> Scheiterns.
(IMG) Bild: Macht traurig: die Geschichte der Washington Post
Milliardär und Washington-Post-Eigentümer Jeff Bezos steht vor einem
publizistischen Scherbenhaufen. Hunderttausende Leser haben seit dem
US-Wahlkampf 2024 ihre Abos gekündigt. Etliche namhafte Journalisten hatten
die Washington Post bereits aus eigenem Antrieb verlassen. Vergangene Woche
wurden mindestens [1][300 Redakteure und Reporter entlassen] – manchen
Rechnungen zufolge sind es sogar knapp die Hälfte der 790 redaktionellen
Stellen. Und nun tritt Verleger William Lewis, gerade zwei Jahre im Amt,
zurück.
Die traditionsreiche, mehrfach preisgekrönte Zeitung steckt in einer der
tiefsten Krisen ihrer 150-jährigen Geschichte. Eine selbstverschuldete,
kritisieren viele Leser und Mitarbeiter, die den Schuldigen in dem
Eigentümer sehen. Dabei war es Bezos selbst, der vor 13 Jahren die Zeitung
kaufte, sie aus einer Krise holte und sich für ihre Werte einsetzte. Wie
kam es also zu dem Wandel? Und wie tief sind die Risse in einer der ehemals
erfolgreichsten Publikation der USA?
Die aktuellen Massenentlassungen will Bezos aktuell kaum kommentieren. Sein
erstes öffentliches Statement fiel knapp aus. Der Amazon-Gründer schrieb
von einem „spannenden und erfolgreichen neuen Kapitel“ für die Washington
Post. Der Rücktritt von Lewis, den er trotz lauter Kritik 2024 selbst ins
Haus geholt hatte, erwähnte er nicht.
Stattdessen stellt Bezos den Kahlschlag als strategischen Schritt dar: „Die
Daten zeigen uns, was wertvoll ist und worauf wir uns konzentrieren
sollten.“ Künftig soll die Washington Post auf Themen fokussieren, die
traditionell zu ihrem Markenzeichen gehören – etwa Innenpolitik und
nationale Sicherheit.
## Betriebliches Versagen?
Die Kürzungen sind tief: Das Netzwerk internationaler Korrespondenten wurde
dezimiert, etliche regionale Büros geschlossen, von Berlin über Jerusalem
bis Seoul. „Ich wurde gerade mitten in einem Kriegsgebiet von der
Washington Post entlassen“, schrieb Lizzie Johnson, Ukraine-Korrespondentin
der Zeitung, auf der Plattform X. Auch die Ressorts Lokales, Sport, Foto
und Bücher sind betroffen.
Und die Kritik wird immer lauter – nämlich dass hinter den Kürzungen keine
durchdachte Strategie stehe, sondern betriebliches Versagen. Und dass Bezos
13 Jahre nach seiner Übernahme seine Vision und Versprechen von damals
aufgegeben habe. Eine taz-Anfrage zu seiner Strategie beantwortete er
nicht.
2013 kaufte Bezos die Washington Post für 250 Millionen Dollar. Für den
Amazon-Gründer – laut Bloomberg der viertreichste Mann der Welt, mit einem
Vermögen von schätzungsweise 235 Milliarden Dollar samt
Raumfahrtunternehmen – wohl Peanuts. Die Zeitung sei für ihn keine
Renditenquelle, hieß es damals, sie sei ihm als journalistische Institution
wichtig.
Schon zum Auftakt gab es intern Bedenken gegen den neuen Eigentümer, mit
denen Bezos aber offen umging. In einem Brief damals an die Mitarbeiter
bekannte er sich zu den „Werten“ der Washington Post, versprach
Kontinuität: „Wir werden weiterhin der Wahrheit folgen, wohin auch immer
sie uns führt.“ In einem Meeting verkündete er eine „goldene Ära“ für die
Zeitung
## Retter der Zeitung
„Jeff Bezos kam als Retter“, erzählt ein nun gekündigter Reporter der
Washington Post der taz. Die Zeitung habe vor der Übernahme Geld und Leser
verloren. „Er investierte enorme Summen, die es der Post ermöglichten, neue
Mitarbeiter einzustellen, zu wachsen und sich zur wohl wichtigsten Zeitung
des Landes zu entwickeln.“
Zumindest in den ersten Jahren hielt sich Bezos größtenteils aus dem
Tagesgeschäft heraus. Das Business war wieder auf Kurs, die Zeitung schrieb
schwarze Zahlen, und die Redaktion zog 2016 in ein neues, modernes
Bürogebäude in Washington ein.
Nach dem US-Wahlkampf im selben Jahr, den Donald Trump gewonnen hatte, war
die Washington Post gut aufgestellt, die Abgründe des MAGA-Präsidenten
kritisch zu beleuchten. Das zahlte sich wohl aus, die Online-Abos der
Zeitung wuchsen kräftig – zum Höhepunkt waren es rund 3 Millionen.
Doch als der Demokrat Joe Biden 2021 ins Weiße Haus zog, flaute das
Interesse einiger Leser ab. Die Zeitung hatte vermutlich keine geeignete
Strategie für die kurze Post-Trump-Ära. Die Abos begannen einzubrechen –
genaue Zahlen veröffentlicht die Zeitung nicht. Die Redaktion wurde von
1.000 Stellen auf 790 verkleinert. Und die Konkurrenz, ob The Atlantic, The
New York Times oder The Wall Street Journal, konnte die fliehenden
Starreporter anwerben.
## Der umstrittene Brite
Eine umstrittene Personalentscheidung verschärfte die ohnehin angespannte
Lage: Im Januar 2024 wurde der Brite William Lewis Verleger, ernannt von
Bezos. Lewis, früher für das berüchtigte Murdoch-Medienimperium tätig, war
in verschiedene Presseskandale in Großbritannien verwickelt gewesen. Auch
wenn Lewis die Vorwürfe zurückwies, blieb ein Misstrauen in der Redaktion.
Doch Bezos hielt zu ihm, trotz deutlicher Kritik an der Person.
Der entscheidende Wendepunkt kam mit den Präsidentschaftswahlen im November
2024. Bezos habe entschieden, seine anderen Unternehmen vor Trumps Zorn zu
schützen – so berichtet es ein Ex-Mitarbeiter der taz. Die Washington Post
sei zu einem politischen Spielball geworden. Und es folgte eine Reihe von
kontroversen Schritten, die die Zeitung in eine regelrechte Krise stürzten.
Eine geplante Wahlempfehlung für Kamala Harris des Editorial Boards wurde
erst elf Tage vor der Wahl gekippt – [2][wohl auf Druck von Bezos.] Er
beendete damit nach 36 Jahren eine Tradition, die bei vielen US-Zeitungen
üblich ist. Nach der Wahl nahm Bezos an der zweiten Amtseinführung von
Trump teil, mit Spitzenplatz auf der Bühne unter den anderen Techbossen.
Sein Unternehmen Amazon spendete 1 Million Dollar für den Anlass.
Im Februar 2025 kündigte Bezos an, das Meinungsressort werde künftig darauf
fokussieren, „persönliche Freiheiten und freie Märkte“ zu unterstützen.
[3][Beiträge, die dem widersprechen, werde die Zeitung nicht mehr
veröffentlichen.] Meinungschef David Shipley legte daraufhin sein Amt
nieder, aus Protest. Plötzlich waren Meinungsbeiträge des Editorial Boards
zu lesen, in denen etwa die Entscheidung Trumps, das
Verteidigungsministerium in „Department of War“ umzubenennen, gelobt wurde.
## Die Flucht der Leserschaft
Das Ergebnis: Leser verlassen die Washington Post in Scharen. Inzwischen
beträgt die täglich verkaufte Printauflage nicht mal 100.000 Exemplare
(2020 waren es noch rund 250.000). Online soll die Zeitung bis zu 500.000
Abonnenten eingebüßt haben. Das bringt die Washington Post eher auf das
Niveau einer mittelgroßen Regionalzeitung in den USA.
Doch Bezos habe weiterhin auf eine schwarze Null gedrungen, erzählen
Mitarbeiter der taz. Der bereits erwähnte gekündigte Reporter sagt:
„Anstatt die Zeitung durch diese Budgetverluste, für die er persönlich
verantwortlich war, mit seinem Vermögen aufzufangen, beschlossen er und
sein ernannter Verleger [William Lewis], die Zeitung stattdessen zu
bestrafen, indem sie versuchten, sie wieder in die Gewinnzone zu bringen.“
Eine Auslandskorrespondentin der Washington Post, die ebenfalls ihre Stelle
Anfang Februar verlor, sagt der taz: „Gerade jetzt, wo sich die USA in
beispiellosen Turbulenzen in der Zeitgeschichte befinden, ist es umso
wichtiger, zu verstehen, wie die USA die Welt beeinflussen und wie die Welt
die USA sieht.“ Sie sehe bei der Zeitung vor allem ein „Managementproblem“
– „und das ist nicht die Schuld der Journalisten“. Bezos müsse verstehen,
dass erfolgreiche Medienorganisationen mit anderen Einnahmequellen
subventioniert werden und über Nachrichten hinaus diversifiziert sind.
Jay Rosen glaubt jedoch nicht, dass reines Subventionieren durch Bezos die
Probleme der Zeitung lösen würde. Er ist Associate Professor für
Journalismus an der New York University. „Die Washington Post sollte über
eine gemeinnützige Stiftung samt ausreichendem Vermögen verfügen, die ihr
auch in guten wie in schlechten Zeiten ein unabhängiges Redaktionswesen
garantiert“, sagt er der taz. Dann könne Bezos endgültig die Bühne
verlassen, in dem Wissen, dass er etwas Gutes getan habe. „Es gibt keine
Garantie dafür, dass diese Struktur funktionieren wird, aber Zigmilliardäre
können es sich leisten, es zu versuchen.“
## Ein Loblied an Bezos
In der Abschieds-E-Mail von William Lewis an Mitarbeiter, aus dem Guardian
zitiert, singt der ausscheidende Verleger dennoch ein Loblied über Bezos:
Die Washington Post hätte keinen besseren Eigentümer haben können. Marty
Baron, von 2012 bis 2021 Chefredakteur der Washington Post, kommt zu einem
anderen Urteil: „Bezos’ widerwärtige Bemühungen, sich bei Präsident Trump
einzuschmeicheln, haben einen besonders hässlichen Fleck hinterlassen.“
14 Feb 2026
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## AUTOREN
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