# taz.de -- Karsten Krampitz liest in Pankow: Landluft macht frei
       
       > Eine Kommune Todgeweihter, die über ihr Leben bestimmen wollen: Der Roman
       > „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ fiktionalisiert eine reale
       > Utopie.
       
 (IMG) Bild: Vom Staat in der DDR oft drangsaliert: im Rollstuhl sitzende Schwerbehinderte
       
       Ausgerechnet Pankow: eine Ortsmarke, über Jahrzehnte stehend fürs
       politische Establishment der untergegangenen DDR, egal, ob dessen
       realsozialistische Führungsriege, von den Sowjets erst mal hier
       konzentriert, längst [1][draußen in Wandlitz beziehungsweise Bernau]
       wohnte. Nein, nach Pankow fuhr 1983 Udo Lindenbergs Sonderzug, gerichtet
       war der Song, eben, an den kein bisschen niedlich-harmlosen Ostberliner
       Chefrocker Erich Honecker.
       
       Ausgerechnet hier also, in den historisch aufgeladenen Räumen einer
       öffentlichen Leihbücherei – einst ein Waisenhaus für jüdische Kinder –
       liest Karsten Krampitz an einem frostigen Berliner Winterabend aus einem
       Buch, das Dissidenz zum Thema hat. Die Dissidenz ganz besonders Abhängiger,
       von staatlicher Drangsalierung Bedrohter, sollte man meinen. „Gesellschaft
       mit beschränkter Hoffnung“ [2][heißt sein Roman], erschienen im vergangenen
       Herbst.
       
       Auf knapp 200 Seiten hat der promovierte Historiker Krampitz eine
       Geschichte fiktionalisiert, die ganz real passiert ist in der DDR. Die quer
       liegt zu so manchem, das bis heute hochgehalten wird im Reden über diese
       „zweite deutsche Diktatur“; die andererseits aber keinen Eingang gefunden
       hat in die [3][jüngeren, immer etwas trotzig wirkenden Versuche, das
       deutsch-deutsche Selbstbild geradezurücken] in einem gern auch ostalgischen
       Sinne.
       
       Einen „DDR-Roman, der aus so ziemlich allen Rastern des Genres“
       herausfällt“, [4][erkannte die FAZ]. „Mitten in der DDR, in einem
       abgelegenen kleinen Dorf in Thüringen, blühen Freiheit und Glück“, [5][so
       stand es in der taz-Rezension]. „Und das ausgerechnet für im Rollstuhl
       sitzende Schwerbehinderte und vom Staat drangsalierte Außenseiter.“ Von
       „einer gelebten Utopie“ schreibt der Verlag, die unorthodox linke
       [6][Edition Nautilus].
       
       ## Eine Kommune selbstbewusster Krüppel
       
       Erstaunlich, was sich da ab den späten 70er Jahren in der thüringischen
       Provinz abspielte, „mitten in der DDR“: Eine Handvoll Menschen mit
       Behinderung, solche, denen die DDR-Medizin nur wenig verbleibende Zeit
       voraussagte, setzten ein Leben in Autonomie durch. Sie gründeten eine
       Kommune selbstbewusster Krüppel. „Die haben beschlossen: Wir brechen aus“,
       so erzählt es Krampitz nun im kleinen Vortragsraum der
       Janusz-Korczak-Bibliothek. „Wenn wir unsere Rente zusammenlegen und unser
       Pflegegeld, dann haben wir so viel, dass wir noch zwei, drei andere, zwei,
       drei Latscher mit durchfüttern können. Die müssen uns helfen.“
       
       „Latscher“, das sind die Nichtbehinderten in der Kommune, anfangs Pfleger
       aus dem Arnstädter Marienstift, in dem die Kommunard:innen sich
       kennengelernt hatten; später zieht die freiheitliche Zelle Gleichgesinnte
       aus allen Teilen des erklärten Arbeiter-und-Bauern-Staats an. Im Buch
       findet so auch die in Berlin in Ungnade gefallene Band Mischpoke Asyl im
       entlegenen Thüringen, angelehnt an die real existierende Combo Freygang.
       
       Das Haus in Hartroda stellte die Kirche, einer der dort Einziehenden hatte
       auch Theologie studiert, im Fernstudium. Aber wegen seiner Behinderung
       wurde ihm nicht zugetraut, Pfarrer zu werden: „Da sagte die Kirche, du
       kannst die Leute nicht anständig unter der Erde bringen“, erzählt Krampitz
       über diese Hauptfigur, die bei ihm Gruns heißt.
       
       Matthias Vernaldi, der echte, 2020 verstorbene Laienprediger, war ab 1990
       von Berlin aus ein [7][engagierter Behindertenrechtsaktivist]. Krampitz hat
       ihn gut gekannt, lange auch mit ihm zusammengearbeitet – dass er dann im
       vergangenen Jahr den „Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben“
       erhielt, ist irgendwie folgerichtig.
       
       Mit der Rolle der Kirche in der DDR, zumal der späten, kennt Krampitz sich
       aus, promoviert wurde er über das Staat-Kirche-Verhältnis in der DDR nach
       der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im August 1976,
       überhaupt „ein Schicksalsjahr“: Vor seinem ganz überwiegend wohl
       DDR-sozialisierten Publikum unterbricht er immer wieder seine Lesung,
       streut teils herrlich abschweifende Erklärungen ein – oder auch nur einen
       Kalauer, der es nicht durchs strenge Hamburger Lektorat geschafft hat.
       
       19 Feb 2026
       
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