# taz.de -- Neuer DDR-Roman von Karsten Krampitz: Freiheit mit Behinderung
       
       > Karsten Krampitz erzählt von einer Freiheit, die in der DDR in einer
       > Nische möglich war. „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ heißt der
       > Roman.
       
 (IMG) Bild: Tanz mit Rollis in einer Nische der DDR, Tangerhütte 1985
       
       Eines der intensivsten, vielleicht das intensivste Gefühl von Freiheit hat
       man im Moment der Befreiung. Was für ein Gefühl der Euphorie und des
       Glücks, als die Mauer fiel! Andererseits gibt es auch die Freiheit in der
       Unfreiheit. Davon erzählt Karsten Krampitz in seinem neuen – um es
       vorwegzunehmen – großartigen Roman „Gesellschaft mit beschränkter
       Hoffnung“.
       
       Mitten in der DDR, in einem abgelegenen kleinen Dorf in Thüringen, blühen
       Freiheit und Glück. Und das ausgerechnet für im Rollstuhl sitzende
       Schwerbehinderte und vom Staat drangsalierte Außenseiter. Eine Geschichte,
       die auf [1][wirkliche Begebenheiten] zurückgeht.
       
       Aber der Reihe nach: Zu Beginn waren es vier Insassen des Marienstifts in
       Arnstadt, alle schwerstbehindert. Der große Bruder des Erzählers hat
       Spastik; eine Frau und zwei Männer sitzen im Rollstuhl und leiden unter
       progressiver Muskeldystrophie, einem genetischen Defekt, bei dem sich die
       Muskeln im Körper zurückbilden und damit die Lebenserwartung verkürzen.
       
       ## Geld ist nur Mist
       
       Spiritus Rektor der Gruppe ist der studierte Theologe Marko Grunstetter,
       genannt Gruns, der in Wirklichkeit [2][Matthias Vernaldi] hieß. Da das
       Marienstift in Kirchenträgerschaft ist, überzeugt Gruns den zuständigen
       Superintendenten mit einem theologisch gewürzten Brief, ein leer stehendes
       Pfarrhaus in Hartroda, einem winzigen Weiler auf dem Thüringer Land, für
       eine Behindertengemeinschaft zur Verfügung zu stellen.
       
       Mitte der 1970er Jahre ziehen dann die vier mit zwei Pflegern, zwei
       „Latschern“, dort ein. Finanziert wird das Ganze durch die Pflegebeiträge
       und im Westen gesammelte Spenden, die Gruns diskret vom Superintendenten
       bei seinen regelmäßigen Besuchen in einem Umschlag überreicht bekommt.
       „Geld ist nur Mist“, sagte Gruns, „auf diesem Mist aber wachsen die Blumen
       und Bäume der Freiheit.“
       
       In den Räumen der Kirche waren damals Dinge möglich, die sonst nicht
       denkbar waren. Bei den Rüstzeiten, die die Kommune Hartroda regelmäßig
       veranstaltete, wurde so frei diskutiert, wie es sonst im real existierenden
       Sozialismus, von allen „Resoz“ genannt, nicht möglich war. Klar, dass diese
       Freiheit in Hartroda nicht lange unentdeckt blieb.
       
       Ende der 1970er Jahre tauchten dann die Musiker der Band Mischpoke auf,
       eine Bluesrockband, die die zum Pfarrhaus gehörende Scheune als Probenraum
       nutzte. „Ich hab meine Sache auf nix gestellt / auf gar nix / auf überhaupt
       nix“, hieß es einem ihrer Songs.
       
       ## Ein offenes Haus
       
       Mit der „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ gehen die Musiker ein
       Zweckbündnis ein: Für Unterkunft und Übungsräume übernehmen sie Arbeiten
       für die körperlich eingeschränkten Mitglieder der Kommune. Menschen, die
       nicht viel Zeit hatten, weil ihnen die Kräfte schwanden. „,Wir haben keine
       Zeit' war in Hartroda ein geflügeltes Wort. Und jeder Tag war ein
       Geschenk.“ Abgesehen davon, dass niemand wusste, wie lange das freie Leben
       vom Staat noch geduldet werden würde.
       
       Ein Leben, das nicht einfach war. Die Rollis mussten jede Nacht alle zwei
       Stunden umgedreht werden, damit sie sich nicht wundliegen. Morgens wurden
       sie gewaschen und auf die Toilette getragen. „Wenn Gruns […] bis zum späten
       Vormittag im Bett liegen musste, mit Verlaub, in seiner Pisse“, schreibt
       Krampitz, „weil jemand anderes so frei war, hackevoll den Tag zu verpennen,
       dann hatte das mit Freiheit wenig zu tun; […] Freiheit ist, wenn Menschen,
       die einander brauchen, anders miteinander umgehen.“
       
       Nicht alle kapierten das in dem offenen Haus, das in Hartroda geführt
       wurde. So bediente sich jemand an den Geldvorräten der Kommune. War es
       einer von den Rüstzeiten oder waren es die Punks, die immer wieder zu Gast
       waren? Geklärt wurde es nie.
       
       Die Behindertenkommune Hartroda, von der Krampitz in seinem furios
       geschriebenen Roman erzählt, steht paradigmatisch für die Nischen von
       Außenseitern und Unangepassten, die es in der DDR gab. Wie in [3][Lutz
       Seilers Roman] „Kruso“, in dem sich an der Spitze von Hiddensee in der
       Gaststätte „Zum Klausner“ eine Gruppe von Außenseitern als Saisonkräfte
       trifft, erzählt er von Momenten der Freiheit und des Glücks inmitten der
       real existierenden Diktatur.
       
       ## Mit Ironie und Witz
       
       Deren Untergang 1989 war dann nicht nur eine Befreiung, sondern schuf auch
       neue Probleme, die die Freiheit wieder infrage stellten. Mit dem Wegfall
       der Außenseiterrolle der nicht behinderten Bewohner wurde das Zweckbündnis
       zwischen Musikern, Pflegern und Behinderten brüchig. Schließlich wollten
       auch die Latscher die neue Freiheit ausprobieren, waren nicht mehr auf die
       in Hartroda angewiesen.
       
       Karsten Krampitz gelingt es in „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“,
       von der ersten bis zur letzten Seite sprachlich originell zu bleiben. Mit
       Ironie und Witz erzählt, haben selbst die Kalauer in seinem Roman in ihrer
       Sinnlosigkeit noch einen Sinn, ist es doch sinnlos, arbeitsunfähige
       Schwerbehinderte und Musiker, die sich den verordneten künstlerischen
       Vorgaben des Resoz widersetzten, für den Aufbau des Sozialismus
       einzusetzen: „Ich habe meine Sache auf nix gestellt / auf gar nix / auf
       überhaupt nix.“ Dass es am Ende dann auch Überraschungen gibt, mit denen
       niemand gerechnet hatte, wundert einen vielleicht nur heute.
       
       25 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Behinderte-im-Visier-der-StaSi/!5177317
 (DIR) [2] /Nachruf-auf-Matthias-Vernaldi/!5668601
 (DIR) [3] /Buchpreis-Gewinner-Lutz-Seiler/!5031204
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fokke Joel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Literatur
 (DIR) DDR
 (DIR) Kirche
 (DIR) Behinderung
 (DIR) Außenseiter
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Berliner Senat
 (DIR) DDR
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Behinderung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Assistenzen im Arbeitgebermodell: Besetzung für gleichen Lohn
       
       Menschen mit Behinderung protestieren am Mittwoch vor der
       Sozialsenatsverwaltung. Sie fordern die freie Wahl ihrer persönlichen
       Assistent*innen.
       
 (DIR) Erinnerungskultur zur DDR im Wandel: „Die einseitige Erzählung war lange die offizielle“
       
       Wie Popkultur hilft, 1989 vielfältiger zu erzählen. Die Historikerin Anna
       Lux über Erinnerung, Utopieverluste und das eine Bild des Ostens.
       
 (DIR) Berliner Pogrom am 5. November 1923: Das vergessene Pogrom
       
       Vor 100 Jahren überfiel ein antisemitischer Mob plündernd die im Berliner
       Scheunenviertel lebenden Jüdinnen und Juden. Eine Spurensuche.
       
 (DIR) Nachruf auf Matthias Vernaldi: Unverschämt lebendig
       
       Matthias Vernaldi war Vorkämpfer für die Selbstbestimmung von Menschen mit
       Behinderungen – vor einer Woche ist er mit 60 Jahren gestorben.
       
 (DIR) Behinderte im Visier der StaSi: "Laufen wollt ich, doch man gab mir Flügel"
       
       In Thüringen entstand vor 30 Jahren so etwas wie die Kommune 1 der DDR.
       Hartroda war ein einmaliges Lebensprojekt Behinderter - zum Missfallen der
       StaSi.