# taz.de -- Als Stalin Finnland schlucken wollte: Bereitschaft zum Widerstand unterschätzt
       
       > Zu Putins Propagandamythen gehört, dass Russland alle Kriege gewinnt.
       > Doch schon der sowjetisch-finnische Krieg 1939/40 zeigt: Das stimmt gar
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Eingeschneit und unermüdlich: Finnische Stellung mit Maschinengewehr im Winterkrieg
       
       Am 30. November 1939 begann der sowjetische Angriffskrieg gegen Finnland.
       Vorausgegangen war eine Provokation: Am Grenzort Mainila kam es zu einem
       „Artilleriebeschuss“ sowjetischen Territoriums. Finnland wurde dafür
       verantwortlich gemacht – ebenso wie die „Imperialisten“, die angeblich „die
       finnischen Reaktionäre zu einer Aggression gegen die UdSSR angestachelt“
       hätten.
       
       Die sowjetische Propaganda sprach nicht von einem „Krieg“, sondern von
       einem „Befreiungsfeldzug der Roten Armee“ und von der „Abwehr der
       finnischen Aggression“.
       
       In Wirklichkeit hatte Stalin diesen Krieg bereits seit dem Sommer 1939
       geplant. Seit dem Herbst wurden sowjetische Truppen entlang der finnischen
       Grenze konzentriert. So sehr die sowjetische Propaganda versicherte, es
       gehe nur um den Schutz der nordwestlichen Grenzen und Leningrads –
       tatsächlich bereitete sich Stalin auf die Besetzung ganz Finnlands vor. Zu
       diesem Zweck wurde auf sowjetischem Territorium eine Marionettenregierung
       geschaffen, mit dem finnischen Kommunisten Otto Kuusinen an der Spitze.
       
       „Wir kommen nicht als Eroberer, sondern als Freunde des finnischen Volkes“,
       erklärte die sowjetische Propaganda. Es wurde ein Lied komponiert, das im
       sowjetischen Rundfunk ausgestrahlt wurde und folgende Zeilen enthielt:
       
       „Wir kommen, um euch zu helfen, / um mit der Schmach gründlich abzurechnen.
       / Nimm uns auf, Suomi, du Schöne, / im Geschmeide der klaren Seen!“
       
       Am 14. Dezember 1939 wurde die UdSSR wegen der entfesselten Aggression aus
       dem Völkerbund ausgeschlossen.
       
       ## Bereitschaft zum Widerstand
       
       Doch es verlief nicht nach Stalins Plan, der auf der falschen Vorstellung
       von der Unfähigkeit der finnischen Armee zu längerem Widerstand beruhte.
       Obwohl ihr nahezu doppelt so starke Verbände der Roten Armee
       gegenüberstanden, gelang es diesen nicht nur nicht, Helsinki zu erreichen,
       sondern nicht einmal, die erste Linie der finnischen Stellungen zu
       durchbrechen. Fünf sowjetische Divisionen wurden eingekesselt und fast
       vollständig vernichtet.
       
       Eine Rolle spielte die fehlende Vorbereitung auf Kampfhandlungen unter
       winterlichen Bedingungen, doch vor allem wurde die Bereitschaft des
       finnischen Volkes zum Widerstand unterschätzt. Die Finnen fürchteten das
       stalinistische Regime und wussten über die Repressionen gegen sowjetische
       Finnen und Karelier Ende der 1930er Jahre gut Bescheid.
       
       Die Kampfhandlungen endeten im März 1940 mit der Unterzeichnung eines
       Friedensvertrags, nach dem Finnland rund zehn Prozent seines Territoriums
       an die Sowjetunion abtreten musste. Doch der Preis dafür war enorm: Die
       Verluste der Roten Armee beliefen sich auf etwa 130.000 Tote sowie mehr als
       260.000 Verwundete. Die Verluste Finnlands waren um ein Mehrfaches geringer
       – etwa 26.000 Tote und über 43.000 Verwundete.
       
       ## Die Schwäche der Roten Armee
       
       Die Ziele dieses Krieges wurden nicht erreicht. Finnland verteidigte nicht
       nur seine Unabhängigkeit; zugleich wurde die Schwäche der Roten Armee
       offenkundig demonstriert – und dies öffnete Hitler, der einen Angriff auf
       die UdSSR plante, die Tore.
       
       Einer der zentralen Mythen der [1][Putin’schen Propaganda] besteht darin,
       dass Russland alle Kriege gewinne. In Wirklichkeit jedoch kommt einem, wenn
       man von historischen Parallelen und nicht von gelernten Lehren spricht,
       nach dem 24. Februar 2022 nicht der [2][Sieg im Großen Vaterländischen
       Krieg] in den Sinn, sondern vielmehr die gescheiterte Aggression gegen
       Finnland.
       
       Finnland bewahrte nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahrzehnte lang seinen
       neutralen Status. Doch nach dem Angriff auf die Ukraine konnte die
       historische Erinnerung an jene sowjetische Aggression erneut aufleuchten –
       und bereits im Mai 2022 beschloss Finnland, sich [3][von seiner Neutralität
       zu verabschieden.] Der Winterkrieg von 1939 bis 1940 war nicht vergessen.
       
       7 Jan 2026
       
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