# taz.de -- Die Tradition, Menschen zu vergiften: Gift vom Kreml
> Die Sowjetunion betrieb geheime Labors, die Experimente an Häftlingen
> durchführten. Das toxikologische Wissen in Russland ist hoch, bis heute.
(IMG) Bild: Die Lubjanka in Moskau, fotografiert 1990: Von 1920 bis 1991 war es Hauptquartier, zentrales Gefängnis und Archiv des KGB
Dank der geöffneten Archivdokumente wurde in den 1990er Jahren bekannt,
dass 1937 von der Staatssicherheit ein geheimes Labor eingerichtet worden
war. Es bestand bis Anfang der 1950er Jahre und befasste sich mit der
Entwicklung von Giften zur heimlichen Vernichtung der „Feinde der
Sowjetmacht“.
Es stellte sich heraus, dass es auch in der Sowjetunion eigene
„Wissenschaftler“ gab, die Experimente an Häftlingen durchführten, die zum
Tode verurteilt waren. Das Labor wurde von Grigori Mairanowski geleitet,
und er experimentierte nicht nur – er tötete Menschen.
Mairanowski (geb. 1890) erhielt in den 1920er Jahren eine medizinische
Ausbildung, spezialisierte sich auf Toxikologie und arbeitete in
medizinischen Einrichtungen. 1937 übernahm er die Leitung des geheimen
toxikologischen Labors, das Forschungen an toxischen Substanzen betrieb und
nach Giften suchte, die bei einer Obduktion nicht identifiziert werden
konnten. Bald wurde er Oberst der Staatssicherheit und ohne Verteidigung
einer Dissertation – auf Antrag des NKWD – zum Doktor der Wissenschaften
und Professor ernannt.
Das Labor befand sich in einem der Gebäude des Staatssicherheitskomplexes
an der [1][Lubjanka] in Moskau, wo es Räume zur Beobachtung der Experimente
an Menschen gab. Das Leiden derjenigen, die nicht sofort starben, wurde
durch einen Türspion beobachtet. Zur Vollstreckung von Todesurteilen
verwendete man mit Gift gefüllte Explosivgeschosse.
## Gifte testen
Das Labor wurde vom Minister für Staatssicherheit Beria betreut, was später
zu einem der Anklagepunkte gegen ihn wurde, nach seiner Verhaftung im
Sommer 1953. In seinen Aussagen erklärte er, die Anweisung zur Organisation
des Speziallabors sei von Stalin gekommen und nach seiner Anweisung seien
Experimente an Gefangenen durchgeführt worden.
Der bereits verhaftete Mairanowski erklärte in Verhören: „Durch meine Hand
wurden nicht wenige Feinde der Sowjetmacht vernichtet, darunter auch
Nationalisten aller Richtungen.“ Während der Ermittlungen schilderte er,
welche Gifte er an Häftlingen getestet hatte – von Arsen und Thallium sowie
Kaliumcyanid Colchicin, Thallium u. a.
Im Labor wurden Mittel zur Verabreichung von Gift entwickelt: Man mischte
es dem Essen bei, sprühte auf die Haut, konstruierte Spazierstöcke,
Regenschirme, Füllfederhalter und Geschosse, die mit Gift gefüllt waren.
Im Urteil gegen Beria hieß es, dass infolge der verbrecherischen Tätigkeit
Mairanowskis mindestens 150 Menschen getötet worden seien. Es gibt keinen
Zugang zu seinen Opferlisten. Doch in einem Fall besteht ein begründeter
Verdacht. Es handelt sich um Raoul Wallenberg, den schwedischen Diplomaten,
der während des Holocausts Tausende ungarischen Juden rettete. Nach der
Besetzung Budapests durch die Sowjetarmee wurde er nach Moskau verschleppt
und in die Lubjanka gebracht. Dort starb er im Alter von 35 Jahren im
Gefängnis.
## Ernsthafte Vermutungen
Schweden richtete über viele Jahre offizielle Anfragen an die sowjetischen
Behörden und erhielt ausweichende Antworten. Schließlich wurde 2001 eine
[2][offizielle Bescheinigung] vorgelegt: „Verstorben am 17. Juli 1947; die
Möglichkeit eines gewaltsamen Todes ist nicht ausgeschlossen.“ Es bestehen
jedoch ernsthafte Vermutungen, dass Mairanowski ihm eine tödliche Injektion
verabreicht habe.
Beria wurde 1953 zum Tode verurteilt, Mairanowski zu zehn Jahren Haft. Nach
seiner Freilassung im Jahr 1962 wurde ihm untersagt, in Moskau oder
Leningrad zu leben. Er starb 1964 in Dagestan.
Der Kreml setzt auch heute Gifte gegen seine Gegner ein. Wir wissen nicht,
wie viele Menschen auf diese Weise ums Leben gekommen sind, doch im Fall
von [3][Alexei Nawalny] wissen wir einige Details genau – welches Gift
verwendet wurde und wer es entwickelte. So werden in Russland nicht nur
Denkmäler für Stalin errichtet, sondern 73 Jahre nach seinem Tod auch die
„Tradition“ solcher Tötungen fortgesetzt.
3 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Irina Scherbakowa
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