# taz.de -- Kurdische Diaspora und Syrien: Eine neue Form von Zusammenhalt
> Wegen der komplizierten und konfliktreichen Lage in Syrien rückt die
> kurdische Diaspora in Deutschland eng zusammen. Was treibt sie um?
(IMG) Bild: Köln-Deutz am 24. Januar: Tausende Menschen nehmen an einer pro-kurdischen Demonstration auf der dortigen Werft teil
Ein Fahnenmeer, Sonne flutet durch die Banner. „Hoch lebe der Widerstand in
Rojava“, „Hoch die internationale Solidarität“, schallt es von allen Seiten
Ende Januar in Köln. Mehrere Tausend Menschen aus Nordrhein-Westfalen (NRW)
und dem ganzen Bundesgebiet sind hierher auf die Deutzer Werft gekommen, um
zu protestieren.
In NRW lebt die größte kurdische Diaspora in Deutschland. Etwas abseits vom
Geschehen in Deutz steht gerade eine Medizinstudentin aus der kurdischen
Hochschulgruppe (HSG) Aachen. Ihr Name ist Şîlan, sie ist auf dem Weg zum
Studierendenblock. Dort angekommen, fällt sie jungen Menschen aus
unterschiedlichen kurdischen Hochschulgruppen in die Arme. Einige von ihnen
teilen sich Snacks, andere malen eine kurdische Flagge auf ein weißes Stück
Pappe. Wieder andere planen, wie sie sich gleich aufstellen werden, oder
produzieren Content für ihre Social-Media-Kanäle.
„Ich bin heute hier, um meine Solidarität mit Rojava zu bekunden“, sagt
Şîlan. Auch wenn ihre Familie nicht aus Rojava stamme – die Angriffe der
syrischen Übergangsregierung auf die kurdische Bevölkerung hätten sie
betroffen gemacht. Şîlan ist Kurdin, ihre Vorfahren stammen aus
Nordkurdistan, der heutigen Türkei. Aus Angst vor Repressionen will sie nur
ihren Vornamen in der taz veröffentlicht sehen.
Was Şîlan und die anderen an diesem Tag auf die Straße treibt: Zunächst
hatte Mitte Januar die Übergangsregierung, angeführt von Ahmed al-Scharaa,
die von Kurden geleiteten Streitkräfte der Syrian Democratic Forces, kurz
SDF, in Aleppo angegriffen. Ihre Begründung lautete, dass dort die
staatliche Autorität wiederhergestellt werden müsse. Außerdem nutze die SDF
die kurdischen Viertel in Aleppo als Rückzugsorte für ihre Kämpfer:innen.
In den Augen der Interimsregierung von al-Scharaa führt die SDF einen
separatistischen Krieg.
Ende vergangener Woche wurde dann bekannt, dass al-Scharaa und die SDF ein
Abkommen geschlossen haben, das über eine Waffenruhe hinausgeht: Im
Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass die Kurd:innen den [1][Anspruch
auf Selbstverwaltung in Rojava aufgeben] – für Zugeständnisse wie ein
gewisses Maß an kommunaler Selbstverwaltung, die Anerkennung der kurdischen
Sprache, die Beibehaltung eigener Brigaden innerhalb der syrischen
Streitkräfte.
Leyla Ferman, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum
Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, kommentiert das am
Telefon so: „Die Kurd:innen ringen gerade um ihre Existenz. Die
Ereignisse bestimmen das kurdische Leben für die nächsten 100 Jahre.“
## Gefahr auch für die autonome Region Kurdistan im Irak
Und der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland e.V., Ali
Ertan Toprak, betont: Wenn die kurdische Selbstbestimmung in Rojava falle,
dann würde auch über kurz oder lang die autonome Region Kurdistan im Irak
von Islamisten angegriffen werden. Für die Wissenschaftlerin Ferman ist mit
Blick auf andere kurdischsprachige Minderheiten wie die Jesid:innen
klar: „Es wird keine Zukunft der Jesid:innen in Syrien geben, sollte es
keinen Status für die Kurd:innen geben.“ Damit wäre Syrien nach der
Türkei das zweite Land, in dem Jesid:innen ihre angestammte Region nicht
mehr bewohnen könnten. Leyla Ferman ist selbst Jesidin.
Sie glaubt, dass daran auch das jüngst geschlossene Abkommen mit der
syrischen Regierung nichts ändere: „Es gibt keine verfassungsrechtlich
gesicherten Rechte für Kurden in Syrien, keine echte politische Integration
und keine glaubwürdigen, internationalen Instanzen, die als Garanten
fungieren.“ Die Ideologie der HTS – eine islamistische Miliz, zu der auch
der syrische Überganspräsident Ahmed al-Scharaa gehört und die maßgeblich
am Sturz des Langzeit-Diktators Assad im Dezember 2024 beteiligt war –
bleibe islamistisch. „Kurd:innen und alle Nicht-Muslime haben darin keinen
Platz“, betont Ferman.
Während Şîlan und die anderen Studierenden in Köln auf der Deutzer Werft
auf den Start der Demonstration warten, erzählt die 24-Jährige von der
großen Trauer, von der Wut, die sie verspüre. Und sie spricht darüber, wie
ihre Kommiliton:innen und sie ständig auf das Handy schauen würden, um
die letzten, die ganz aktuellen Ereignisse in Syrien zu verfolgen.
Eigentlich wollte auch der Siegener SPD-Kommunalpolitiker Mohammad Eibo auf
der Deutzer Werft dabei sein. Stattdessen eine kommt Sprachnachricht an die
taz-Reporterin, Eibo ist leider krank geworden. Also ein Mobilfunkgespräch.
„Einen Teil meiner Kindheit und Jugend habe ich in den kurdischen Teilen
Aleppos verbracht“, erzählt er leicht verhustet. Er kenne die Menschen und
die Straßen, die die syrische Armee angegriffen habe. „Ich bin jedoch in
Rojava geboren. Um genauer zu sein, komme ich aus Efrîn.“ 2015 sei er nach
Deutschland geflohen. Zuvor hatten die HTS-Miliz und der IS die Stadt Efrîn
umzingelt.
Eibo hat Hoffnung für Rojava: „Die Menschen dort haben eine Utopie zum
Leben erweckt.“ In Rojava werde Gleichberechtigung angestrebt. 50 Prozent
der Politiker:innen, zum Beispiel, seien Frauen. Nicht alle sehen das so
optimistisch wie Eibo. Ein arabischstämmiger SDF-Soldat [2][berichtet in
der taz] von Diskriminierung und einem Zweiklassensystem innerhalb der SDF.
Und die arabische Mitarbeiterin einer lokalen NGO in al-Raqqa, die bei der
Re-Integration ehemaliger Frauen von IS-Kämpfern unterstützt, sagt, die SDF
scheitere oft am eigenen emanzipativen Anspruch. Frauen in Ämtern und
Behörden seien oft nur ein Feigenblatt, aber hätten eigentlich „nichts zu
melden“.
Kemal Sido ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker. Er sagt
in einem längeren Telefonat, der jüngste Angriff auf Kurd:innen reihe
sich ein in eine Vielzahl von Attacken der syrischen Übergangsregierung und
ihrer Milizen: Im Sommer eskalierte die Gewalt in der Provinz Suweida, wo
eine Minderheit von Drus:innen lebt. Auch mit der alawitischen
Bevölkerung an der Küste – Ex-Machthaber Assad ist Alawit – kam es bereits
im Frühjahr 2024 zu Kämpfen. Und nun der gewaltsame Konflikt in den
Kurd:innengebieten im Norden Syriens und in der Stadt Aleppo.
Dabei, so Politikwissenschaftlerin Ferman, „gab es ein Übereinkommen mit
der syrischen Übergangsregierung, dass die Volksräte und auch ihre Polizei-
und Sicherheitskräfte in ihren kurdischen Vierteln in Aleppo bleiben
dürfen“. Abertausende Menschen mussten im Januar 2026 [3][laut den
Vereinten Nationen] aus Aleppo flüchten. Zu den getöteten
Zivilist:innen in Aleppo und Rojava gibt es derzeit keine verlässlichen
Zahlen.
In Köln-Deutz ist mittlerweile auf der Werft der Demonstrationszug in
Richtung Stadt losgelaufen. Es wehen auch viele Banner mit dem Kürzel der
kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und solche der kurdischen
Frauenverteidigungseinheiten (YPJ). Einige Demonstrierende schaffen es, sie
von umliegenden Parkhausdächern zu hissen. Die YPG und YPJ gehören zu den
SDF, den Syrian Democratic Forces. Die SDF sind ein Zusammenschluss aus
kurdischen, arabischen und assyrischen Verbänden. Es geht ihnen aus der
Sicht von Nahostreferent Kemal Sido „um Syrien und nicht nur um die
Kurd:innen“.
Sido ist, ebenso wie Ferman, skeptisch, was die Intentionen der syrischen
Regierung gegenüber der Selbstbestimmung der Kurd:innen angeht. Auch er
sieht in der Armee vor allem „eine Gruppe aus verschiedenen islamistischen
Milizen“. Im März 2025 war er zuletzt in Syrien, hatte dort keine
einheitliche Uniform der syrischen Streitkräfte gesehen.
„Rojava ist nicht nur eine Region, sondern auch ein gemeinsamer
Gegenentwurf – gegen Nationalismus, gegen das Patriarchat“, betont in
Köln-Deutz die Medizinstudentin Şîlan. Gerade hält sie zusammen mit anderen
Studierenden ein Banner. „Frauenrevolution in Rojava verteidigen“ steht
darauf. Rojava sei basisdemokratisch und die Macht komme von unten. „Das
ist ein Hoffnungsschimmer dort für den ganzen Nahen Osten.“
Aber, sagt Müslüm Örtülü, Mitarbeiter von Civaka Azad, dem Kurdischen
Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit in Berlin: Die syrische
Übergangsregierung vertrete eine islamistische Ideologie und akzeptiere
nicht die Autonomie der Völker. Auch wenn die HTS sich nach dem Sturz
Assads in die syrische Armee integriert hat: Viele Kurd:innen trauen
al-Scharaa nicht.
Die Türkei versuche seit Langem, die kurdische Selbstverwaltung zu
schwächen, sagt Örtülü. Gleichzeitig habe auch die USA, lange Zeit
Schutzmacht der SDF, die Kurd:innen bei den jüngsten Angriffen im Stich
gelassen. Örtülü sieht es so: al-Scharaa – er nennt ihn bei seinem alten
HTS-Kampfnamen „Jolani“ – und seine Regierungstruppen seien auch
Islamisten, „aber sie sind Partner des Westens. Es ist dieselbe Ideologie
wie der IS, doch sie werden nach Deutschland eingeladen, mit ihnen wird
verhandelt und geredet“.
Für die in Köln demonstrierende Şîlan ist der Zweck dieses Vorgehens klar:
„Das geschieht nur, um Menschen wieder nach Syrien abschieben zu können“,
sagt sie bitter. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte bereits
eine „Abschiebeoffensive“ in Bezug auf Syrer:innen an. Denn für
Asylsuchende mit vorübergehendem Bleiberecht entfalle nach dem Sturz
al-Assads der Schutzgrund.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte schon vergangenen November
erklärt, er sehe keinen Asylgrund mehr für Syrer:innen.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner [4][hingegen] betonte erst kürzlich,
Syrien sei nach den EU-Regeln noch nicht als sicheres Herkunftsland zu
bewerten, dafür sei die Situation zu instabil.
## Gefahr von IS-Terrorangriffen in Deutschland
Das „Frau-Leben-Freiheit“-Banner auf der Demo hält nun eine andere
Studentin. Ihre Haare sind, wie die vieler Frauen hier, seitlich
geflochten. So wollen sie Solidarität zeigen mit kurdischen Kämpferinnen,
rufen dabei „Jin, Jiyan, Azadî“ – „Frau, Leben, Freiheit“, der
feministische Slogan der PKK. [5][In den sozialen Medien war unlängst ein
Video zu sehen,] auf dem ein Mann, mutmaßlich ein Kämpfer der syrischen
Regierungstruppen, den Zopf einer angeblich getöteten kurdischen Kämpferin
in die Kamera hält.
Der Mann nennt sich Rami Yousef al-Dahsh. Er hatte das Video wohl zunächst
selbst auf Facebook gepostet. Nun behauptet er, dass der Zopf nicht echt
gewesen und das Video ohne sein Wissen ins Netz gestellt worden sei. Die
Szene löste weltweit Protest gegen Rami Yousef al-Dahsh und Solidarität mit
Kurdinnen aus.
Die Medizinstudentin Şîlan hat Angst, dass nun auch die Gefahr von
IS-Terrorangriffen in Deutschland wieder steigen könnte. Tatsächlich
konnten inmitten von Chaos und Kämpfen zwischen der syrischen Armee und den
SDF eine unklare Zahl an inhaftierten IS-Terroristen aus den kurdisch
kontrollierten Gefängnissen fliehen.
## Kritik an der Rolle der EU
Während die Menschen auf der Kölner Demonstration nun rufen, dass „deutsche
Waffen raus aus Kurdistan“ sollten, fordert Şîlan: „Jolani, also
al-Scharaa, und seine Übergangsregierung müssen als das bezeichnet werden,
was sie sind: als Terroristen.“ Die EU solle ihnen [6][keine 620 Millionen
Euro] für den Wiederaufbau des Landes zur Verfügung stellen. Außerdem solle
die Bundesregierung al-Scharaa auch nicht nach Deutschland einladen, wie
Mitte Januar, als er wegen der Kämpfe mit der SDF dann kurzfristig absagte.
Aus Şîlans Sicht begeht die amtierende syrische Regierung Kriegsverbrechen
und müsse deshalb dafür sanktioniert werden. Der wissenschaftliche Dienst
des Bundestags kam vergangenen September [7][in einem Gutachten im Auftrag
der Linken-Abgeordneten Cansu Özdemir] zu dem Schluss, dass die syrische
Armee in Massaker und Menschenrechtsverletzungen involviert sei. Das
Gutachten bezog sich auf Berichte von Menschenrechtsorganisationen.
Doch die Menschen wie Şîlan auf der Demonstration in Köln-Deutz kämpfen
nicht nur gegen den Umgang der deutschen Bundesregierung mit der syrischen
Übergangsregierung. Sie kämpfen auch gegen das Bild von ihnen als
Protestierende, wie es sehr oft in der medialen Berichterstattung
gezeichnet wird. Aus ihrer Sicht ist es ein Zerrbild.
Şîlan ist zum Beispiel enttäuscht, wie die [8][Aachener Zeitung über eine
Demo berichtet] hat, an der auch ihre Hochschulgruppe in Aachen teilnahm.
Es sei dort nur aus einer „Sicherheitsperspektive“ berichtet worden,
ausschließlich die Polizei sei zitiert worden mit Zahlen zu Gewalt,
Ausschreitungen und Verkehrsbehinderungen. Nach der Perspektive von ihr und
ihrer Hochschulgruppe sei fast nicht gefragt worden: „Weshalb interessiert
es die Medien nicht, warum wir demonstrieren?“ Auf der Deutzer Werft bleibt
die Demo an diesem Tag friedlich. Zuvor war es in verschiedenen Städten zu
Ausschreitungen mit syrischen Gegendemonstrant:innen und
Polizist:innen gekommen.
## Kurd:innen rücken zusammen
Müslüm Örtülü, Mitarbeiter von Civaka Azad, dem Kurdischen Zentrum für
Öffentlichkeitsarbeit in Berlin, meint, diese Art der Berichterstattung
hänge mit der Kriminalisierung der kurdischen Freiheitsbewegung und dem
Verbot der PKK in Deutschland zusammen. Gerade wegen der Frustration über
die Berichterstattung in Medien und das Vorgehen der deutschen Regierung
zeige sich aber innerhalb der kurdischen Diaspora in Deutschland eine neue
Form von Zusammenhalt. Der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde
Deutschland, Ali Ertan Toprak, beschreibt es am Telefon so: „Ich habe noch
nie erlebt, dass die Kurd:innen so eng zusammenrücken. Das gibt uns
Kraft.“
Zuvor sei, so Toprak, innerhalb der kurdischen Diaspora der Spalt zwischen
der kurdischen Freiheitsbewegung aus Nordkurdistan (in der Türkei gelegen)
und einer konservativeren, nationalistischen Bewegung in Südkurdistan (im
Irak) größer gewesen. Diese neue Einigkeit ganz unterschiedlicher
Strömungen, zumindest für den Moment, ist auch an den Fahnen und Bannern
auf der Demo abzulesen: Verschiedene kurdische Bewegungen, von
patriotisch-konservativ bis internationalistisch-links, sind dort
vertreten.
Als sich schließlich mitten auf der Werft in Köln und an diesem Januartag
die Menge zum Versammlungsende noch mal zusammenfindet, macht sich in der
Abenddämmerung Hoffnung auf vielen Gesichtern breit. Immer wieder rufen die
Menschen: „Hoch lebe die Einigkeit der Kurd:innen!“
4 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Autonome-Region-Rojava/!6150173
(DIR) [2] /Kurdengebiete-in-Nordsyrien/!6149662
(DIR) [3] https://news.un.org/en/story/2026/01/1166811
(DIR) [4] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/begrenzung-migration-eu-kommissar-syrien
(DIR) [5] https://de.euronews.com/2026/01/24/syrien-kurden-gewalt
(DIR) [6] https://www.deutschlandfunk.de/eu-stellt-fuer-syriens-wiederaufbau-620-millionen-euro-in-aussicht-102.html
(DIR) [7] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/syrien-un-al-sharaa-rede-hts-miliz-100.html
(DIR) [8] https://www.aachener-zeitung.de/lokales/region-aachen/aachen/kurden-demo-mit-feuerwerk-und-pyrotechnik-polizei-fertigt-mehrere-strafanzeigen/125425836.html
## AUTOREN
(DIR) Beritan Dik
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