# taz.de -- Repression gegen Kurd:innen: Vor Gericht, wegen eines Films
> Die kurdische Regisseurin Rojhilat Aksoy setzt sich kritisch mit dem
> Völkermord an den Armeniern auseinander. Nun muss sie dafür vor Gericht.
(IMG) Bild: Ihre Filme sind ein Politikum, nun ist sie selbst eines: Rojhilat Aksoy, kurdische Filmemacherin
Es beginnt mit einer Filmvorführung. Ein Abend im Winter 2024 in einem Kino
in Amed, der kurdische Name für die Millionenstadt Diyarbakır in
Südostanatolien, organisiert von einer kurdischen Filmschaffenden aus der
lokalen Szene. Am Ende steht ein Strafverfahren – wegen „Beleidigung des
türkischen Staates“.
Rojhilat Aksoy gehört zu jener Generation [1][kurdischer
Kulturschaffender], die ihre Arbeit nicht nur als künstlerische Praxis
verstehen, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Projekts. Geboren
wurde sie am 15. August 1990 in Mardin, einer multiethnischen Stadt im
Südosten der Türkei, aufgewachsen ist sie jedoch in Istanbul.
Schon früh zieht es Aksoy zum Film. Sie studiert an der Kocaeli-Universität
in İzmit, östlich von Istanbul, und arbeitet anschließend im Umfeld der
kurdischen Filmszene. Bald wird sie Teil der Nahost-Film-Akademie (Middle
East Cinema Academy) in Diyarbakır, auf Kurdisch heißt die Stadt Amed. Die
Akademie bildet junge Filmschaffende aus und fördert unabhängiges Kino in
der Region. In einer Gegend, in der kurdische Sprache und Kultur
jahrzehntelang marginalisiert wurden, wird Film hier zu mehr als
Unterhaltung: Es ist ein Mittel, Geschichten zu bewahren, Erinnerung
sichtbar zu machen und politische Erfahrungen zu erzählen.
## Filme, die in den großen Kinos nicht zu sehen sind
Als Filmschaffende und Organisatorin an der Nahost-Film-Akademie in Amed
organisiert Rojhilat Aksoy Workshops, begleitet Produktionen und bringt
Filme in die Öffentlichkeit, die in den großen kommerziellen Kinos kaum zu
sehen sind. Im Dezember 2024 gehört dazu auch die Vorführung des
Animationsfilms „Aurora’s Sunrise“, der die Geschichte der armenischen
Genozid-Überlebenden Aurora Mardiganian erzählt. In vielen Ländern gilt der
Völkermord an den Armeniern von 1915 als historisch belegt; in der Türkei
ist er bis heute politisch hochumstritten.
Weil Aksoy den Antrag für die Filmvorführung unterschreibt, hat die
Staatsanwaltschaft gegen sie ein Verfahren nach Artikel 301 des türkischen
Strafgesetzbuchs eröffnet – jenem Paragrafen, der die „Beleidigung der
türkischen Nation“ oder staatlicher Institutionen unter Strafe stellt. Der
erste Verhandlungstag ist für den 6. April in Diyarbakır angesetzt.
In der Anklage wird argumentiert, der Film stelle die [2][Ereignisse von
1915 als Völkermord] dar und beschreibe Armenier als Opfer staatlicher
Gewalt. Dies könne als Herabsetzung staatlicher Institutionen gewertet
werden. Aksoy weist den Vorwurf zurück. „Die Vorführung eines Films ist
Teil der Meinungs- und Kunstfreiheit“, sagt sie.
So steht am Ende eine paradoxe Szene: Eine Filmschaffende, die einen Film
über Geschichte zeigen wollte, findet sich plötzlich selbst in einer
politischen Geschichte wieder – vor Gericht, wegen eines Films.
## Kunst und Politik eng verflochten
Doch die Geschichte von Rojhilat Aksoy ist nicht nur die eines einzelnen
Gerichtsverfahrens. Es erzählt auch von einer kulturellen Bewegung, die im
kurdischen Raum versucht, Bilder, Stimmen und Erinnerungen sichtbar zu
machen – und davon, wie eng Kunst, Geschichte und Politik in dieser Region
miteinander verflochten bleiben.
Rojhilat Aksoy ist Filmemacherin. Vielleicht aber ist sie vor allem eines:
eine Kuratorin von Geschichten – in einem Land, in dem genau diese
Geschichten oft umkämpft sind.
15 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Tuerkischer-Aktivist-Ibrahim-Yaylali/!6155660
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern
## AUTOREN
(DIR) Derya Türkmen
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