# taz.de -- Proteste in Solidarität mit Rojava: Deutschland, plötzlich Islamistenfreund
       
       > Wer Islamisten legitimiert, sollte von „Frauen, Leben, Freiheit“
       > schweigen. Zum Glück erinnern Proteste ans Versagen der deutschen Politik
       > in Syrien.
       
 (IMG) Bild: Teilnehmer:innen einer Demonstration für Rojava in Hamburg
       
       Rechte hatten schon immer eine heimliche Faszination für den Islamismus.
       Klar, zunächst einmal hassen sie alles, was mit dem Islam zu tun hat, und
       wollen es weg haben, weit weg. Aber aus der Entfernung betrachtet ist der
       Islamismus für sie durchaus interessant: Unterdrückung von Frauen*,
       religiöser Fundamentalismus, hierarchische Gesellschaftsordnung – alles gar
       nicht so schlecht, vielleicht sogar ein bisschen beneidenswert.
       
       Womöglich hat die neue Begeisterung im Westen für den ehemaligen
       Dschihadistenführer Ahmed al-Scharaa ja auch damit etwas zu tun. Bis vor
       Kurzem stand al-Scharaa als Anführer der HTS-Miliz, die aus der
       Terrororganisation al-Nusra-Front hervorgegangen war, noch auf
       internationalen Terrorlisten. Jetzt ist al-Scharaa syrischer Machthaber,
       vor allem Donald Trump ist großer Fan, aber auch Bundeskanzler Friedrich
       Merz wollte ihn gleich nach Berlin einladen, natürlich um über
       Abschiebungen nach Syrien zu reden.
       
       Dann aber hatte al-Scharaa wohl doch zu viel damit zu tun, in die
       kurdischen Autonomiegebiete einzumarschieren, die er wieder dem syrischen
       Staat einverleiben will – [1][offenbar unter Duldung des Trump-Regimes],
       das sich von den Kurd:innen abwendet. Derzeit steht ein brüchiger
       Waffenstillstand einem weiteren Vormarsch im Weg. Die Message der USA ist
       eindeutig: Die Kurd:innen, die einst an ihrer Seite den Islamischen Staat
       besiegten, haben ausgedient.
       
       Man muss das auch im Kontext des globalen Rechtsrucks deuten. Teile des
       Westens, allen voran die USA, sind in den vergangenen Jahren immer weiter
       vom Liberalismus in den Faschismus gekippt. War aber im Liberalismus den
       Kurd:innen ihr Sozialismus noch zu verzeihen, weil die kurdischen Gebiete
       auch für Demokratie, Gleichberechtigung und Säkularismus standen,
       präferiert der Westen nun offen einen Dschihadisten, allen [2][Massakern an
       Alawit:innen,] Drus:innen und Kurd:innen zum Trotz.
       
       ## Internationale Solidarität
       
       Quer durch Europa ist in den vergangenen Wochen deshalb eine internationale
       Solidaritätskampagne angelaufen. In Hamburg haben [3][Aktivist:innen im
       Hauptbahnhof Gleise blockiert], in Basel haben sie vor dem Hauptquartier
       der Vereinten Nationen protestiert, in Berlin wurde [4][die türkische
       Botschaft mit Farbe attackiert]. Allein in den vergangenen Tagen fanden
       mehrere Demonstrationen in der Hauptstadt statt, teils mit vierstelligen
       Teilnehmer:innenzahlen. Am Freitag stoppte die internationale [5][Karawane
       zur Verteidigung der Menschlichkeit] in Berlin, die es sich zum Ziel
       gesetzt hat, bis in die kurdische Stadt Kobanê in Nordsyrien vorzustoßen.
       
       Die Aktivist:innen zeigen damit, dass sie den Kampf gegen Islamismus
       ernst nehmen – im Gegensatz zur deutschen Politik, die sich spätestens nach
       der Einladung von al-Scharaa wirklich alle Lippenbekenntnisse auch für die
       Menschen im Iran sparen kann, die genauso „Jin, Jiyan, Azadî“ rufen wie
       ihre kurdischen Genoss:innen. „Frauen, Leben, Freiheit“ – dieser Ausruf ist
       aus den Mündern deutscher Politiker:innen ein Hohn, wenn man sich in
       Syrien für den Islamismus entscheidet und weiter die Türkei mit Waffen in
       ihrem Krieg gegen die kurdischen Gebiete unterstützt.
       
       Für Linke zeigt sich dagegen: Die Kämpfe der Menschen in Rojava und
       hierzulande sind verknüpft. Hier wie dort geht es gegen eine sich
       formierende rechte Allianz, die ideologisch völlig unterschiedlich sein
       mag, in ihrem Traum einer unterdrückenden Gesellschaft aber geeint ist.
       Dagegen hilft nur, sich selbst zu vereinen, für die Freiheit, für das Leben
       und in internationaler Solidarität.
       
       26 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Syrien-nach-dem-Sturz-von-Assad/!6074900
 (DIR) [3] https://www.welt.de/regionales/hamburg/article69728148707d4aa20757df5c/demo-kurden-aktivisten-setzen-sich-auf-gleise-im-hamburger-hauptbahnhof-verkehr-lahmgelegt.html
 (DIR) [4] https://berlin.t-online.de/region/berlin/id_101091552/berliner-botschaften-von-gruppe-attackiert.html
 (DIR) [5] https://peoplescaravan.tem.li/language/de/routen/
       
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 (DIR) Timm Kühn
       
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