# taz.de -- Winter legt Nahverkehr lahm: Berlin im Straßenbahnchaos
       
       > Eisregen hat die gesamte Tramflotte Berlins zum Erliegen gebracht. Wie
       > kann das sein? Experten üben Kritik. Andernorts läuft es besser.
       
 (IMG) Bild: Gefrorene Oberleitungen: Komplettausfall bei den Berliner Trams
       
       Drei Tage [1][nach dem Eisregen] herrscht bei der Berliner Straßenbahn
       immer noch Ausnahmezustand. „Alle unsere Kräfte sind draußen, wir arbeiten
       mit Hochdruck an der Beseitigung“, versichert eine Pressesprecherin der
       Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).
       
       In der Nacht zu Montag hatte sich Eisregen wie ein Mantel um die
       Oberleitungen gelegt und die gesamte Tramflotte in der Hauptstadt zum
       Stillstand gebracht. Jetzt wird das Netz von auf Kranwägen stehenden
       BVG-Mitarbeitern mit Handarbeitsgeräten Meter für Meter von der Kruste
       befreit. Es gibt 22 Straßenbahnlinien mit einer Strecke von 200 Kilometern,
       aber nur drei spezielle Kranfahrzeuge. Das dauert.
       
       Im nahegelegenen Potsdam oder auch in Dresden fuhr die Tram weiter, trotz
       Eisregen. Und auch im Regionalverkehr der Deutschen Bahn gab es kaum
       Einschränkungen. Und schon mehrt sich die Kritik, die verpeilte Hauptstadt
       kriege es mal wieder nicht auf die Reihe. „Dass der gesamte Tramverkehr
       ausfällt, kann nicht sein“, schimpft der Berliner Mobilitätsforscher
       Andreas Knie. „Die BVG hätte Vorkehrungen treffen müssen, in Potsdam ging
       das doch auch.“
       
       Christian Böttger, Hochschulprofessor für Verkehrswesen und Eisenbahn in
       Berlin, sieht das ähnlich. Der BVG-Vorsitzende Henrik Falk spreche immer
       von großen Visionen, „aber seine Fahrzeuge winterfest zu machen, müsste an
       erster Stelle stehen“, meint Böttger.
       
       ## Von einer Minute auf die andere eingefroren
       
       40 Wagen, die in der Nacht unterwegs waren, mussten auf freier Strecke
       anhalten. Die Oberleitungen, so heißt es, seien von einer Minute auf die
       andere eingefroren. Sind in Potsdam die Straßenbahnen robuster oder hatte
       Brandenburgs Hauptstadt schlicht Glück, weil dort die Wetterlage
       tatsächlich etwas milder ausfiel als im angrenzenden Berlin? Aus Dresden
       wird berichtet, dass dort ein Spezialfahrzeug die Oberleitungen mit
       Glycerin schmiert.
       
       Die händischen Enteisungsbemühungen waren am Mittwoch so weit gediehen,
       dass ein Teil der Strecken wieder befahrbar war. Aber es gibt weiterhin
       Einschränkungen. Das Wetter macht die Arbeiten nicht einfacher, [2][der
       Frost hält auch die nächsten Tage] an. Am härtesten betroffen sind die
       Menschen in den Außenbezirken im östlichen Berlin. Die BVG setzt dort Busse
       als Schienenersatzverkehr ein.
       
       Auf die Frage, ob es nicht schnellere und bessere Möglichkeiten der
       Enteisung gebe, antwortet die BVG-Sprecherin: „Es ist völlig klar, dass wir
       uns nun anders für harte Winter aufstellen werden.“ Warum das nicht schon
       geschehen ist? „Alle unsere Fahrerinnen und Fahrer sagen, so etwas haben
       sie in 40 Jahren nie erlebt“, sagt die Sprecherin. Eine ganz ungewöhnliche
       Kombination von Frost und Feuchtigkeit sei das gewesen.
       
       ## Vorbild Wien
       
       Als leuchtendes Beispiel für ein funktionierendes [3][Tramverkehrswesen
       gilt Wien] – obwohl es auch in der österreichischen Hauptstadt kürzlich
       Eisregen gab. Anruf bei der Pressestelle der Wiener Linien: Von November
       bis März würden Gleise, Weichen, Betriebsflächen und ausgewählte
       Haltestellen geräumt und gestreut, teilt der Pressesprecher mit. Bei tiefen
       Temperaturen würden die Weichenheizungen aktiviert. Bei Eisregen würden die
       Oberleitungen durchgängig befahren und so eisfrei gehalten. Allerdings
       fahren etliche der Berliner Tramlinien ganz regulär die ganze Nacht durch –
       und auch diese froren ein.
       
       Insgesamt seien in Wien an Tagen mit Eisregen 150 Mitarbeiter*innen
       und 80 Fahrzeuge wie Schienenräumungs- und Streufahrzeuge zusätzlich im
       Winterdiensteinsatz gewesen, so der Sprecher. „Dadurch konnten alle Linien
       durchgehend fahren.“ Grundlage für die Einsätze seien laufende
       Wetterprognosen und abgestufte Einsatzpläne. „Die Situation in Wien war
       jedoch vom Ausmaß nicht mit jener außergewöhnlichen in Berlin
       vergleichbar.“
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Eisregen-in-Berlin/!6148755
 (DIR) [2] /Fahrradexpertin-ueber-Winter-und-Politik/!6144235
 (DIR) [3] /Wien-Wien-nur-du-allein/!5502968&s=Wiener+Verkehrsbetriebe/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Plutonia Plarre
       
       ## TAGS
       
 (DIR) BVG
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) Verdi
 (DIR) BVG
 (DIR) talkshow
 (DIR) ADFC
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Verdi und BVG schließen Kompromiss: Geisterfahrten bei der Tram
       
       Trotz des Warnstreiks am Montag sollen Straßenbahnen fahren dürfen – ohne
       Fahrgäste. Die BVG will so vermeiden, dass Oberleitungen wieder
       festfrieren.
       
 (DIR) Jetzt doch Streusalz in Berlin: Kai Wegner rutscht schon wieder aus
       
       Berlins Regierender Bürgermeister appelliert ans Abgeordnetenhaus und
       erntet Spott. Acht Monate vor der Wahl erlebt die Stadt eine
       Wegner-Dämmerung.
       
 (DIR) Warnstreik angedroht: Erst Eisregen, dann Streik
       
       Verdi kündigt für Montag Warnstreik an. Tram-, Bus- und U-Bahnen sollen
       ganztägig nicht fahren. BVG spricht von unverhältnismäßiger Eskalation.
       
 (DIR) Eisregen in Berlin: „Alles ein bisschen durcheinander“
       
       Die Notaufnahmen sind voll, die Straßenbahnen fahren nicht mehr und auch
       der Müll wird nicht abgeholt. Der Eisregen hat Berlin voll im Griff.
       
 (DIR) Winterdienst auf Geh- und Radwegen: Spieglein, Spieglein auf der Straße
       
       Das Eis taut, die Schieflage bleibt: Warum ein paar Tage Schnee und Glätte
       zeigen, wessen Sicherheit im Straßenverkehr zählt – und wer rutschen muss.
       
 (DIR) Fahrradexpertin über Winter und Politik: „Krachend durchgefallen“
       
       Die Berliner Radverkehrspolitik sei katastrophal, sagt SuSanne Grittner vom
       ADFC. Genauso fatal wie der Zustand der Radwege bei Eis und Schnee.