# taz.de -- Winterdienst auf Geh- und Radwegen: Spieglein, Spieglein auf der Straße
       
       > Das Eis taut, die Schieflage bleibt: Warum ein paar Tage Schnee und
       > Glätte zeigen, wessen Sicherheit im Straßenverkehr zählt – und wer
       > rutschen muss.
       
 (IMG) Bild: Wo ist hier der Radweg? Im Berliner Straßenverkehr Anfang Januar
       
       Es rappelt im Inneren des Polizeiautos, geparkt am Straßenrand, zwei Reifen
       auf dem verschneiten Radweg. Ich umfasse die Griffe meines Fahrradlenkers
       fester, bereite mich auf Ärger vor und lege mir meine Worte zurecht.
       
       Warum ich neben den Fahrer:innen kostspieliger SUVs in Berlin-Zehlendorf
       auf der Bundesstraße Fahrrad fahre? Also, ich würde lieber auf dem
       abgesetzten Radweg fahren. Der ist aber nicht nur hübsch verschneit,
       sondern von einer dicken Eisschicht bedeckt. Und erschien mir gefährlicher
       als die Autos, die hier 50 plus fahren und tendenziell zu eng überholen.
       
       Bei Schnee und Eis werden die Machtverhältnisse im Straßenverkehr besonders
       sichtbar. Autos regieren – in Berlin genauso wie in vielen deutschen
       Städten. Ihnen werden die Fahrstreifen freigeräumt oder mit Rollsplitt
       bestreut oder beides.
       
       Verbrenner-Auspuffe helfen, [1][heizen nicht nur die Erde], sondern auch
       den Asphalt auf und bringen Schneereste zum Schmelzen. Die Straße in
       Berlin-Zehlendorf ist an diesem Abend bei Minusgraden wunderbar befahrbar.
       Umso rutschiger sind die ungeräumten Fahrrad- und Gehwege.
       
       ## Mehr als 70 ungeräumte Fahrwege in Berlin
       
       Auf [2][einer interaktiven Karte] des Fahrradclubs ADFC sind mehr als 70
       Radwege im gesamten Hauptstadtgebiet dokumentiert, die nicht vom Schnee
       befreit vereist waren – oder es türmte sich dort Schnee auf, der von
       anderen Flächen weggekehrt wurde. In Göttingen waren viele Radwege eisfrei,
       dafür mussten Fußgänger:innen auf Gehwegen schlittern. In Dresden
       sollen Fahrradwege seit 2025 „gleichrangig“ mit den Straßen geräumt werden
       – bisher klappte das nur stellenweise. Hamburg erweiterte 2021 das
       Radwegenetz, das die Stadt bei Schnee räumt. Rund drei Viertel der
       Fahrradwege im Stadtgebiet gehören aber noch immer nicht dazu.
       
       Für die Räumung von Radwegen sind grundsätzlich die Kommunen zuständig, sie
       müssen verkehrswichtige Radwege genauso wie Straßen für Autos räumen. Nur:
       Bei der Beurteilung, welche Wege „verkehrswichtig“ sind, haben sie
       Spielraum.
       
       „Im Zweifelsfall sollte eine Räumpflicht für (alle) Radwege angenommen
       werden, damit der gefahrfreie Radverkehr ermöglicht wird“, [3][schreibt der
       Verband kommunaler Unternehmen]. „In den meisten Gemeinden wird dies
       sicherlich politisch auch gewollt sein.“ Die Straße ist geräumt, der Radweg
       nebendran nicht? Na, da war flüssiges Autofahren im traditionell
       autobegeisterten Deutschland eben wichtiger – und politisch mehr gewollt.
       
       Fürs Räumen und Streuen auf Gehwegen gelten je nach Gemeinde
       unterschiedliche Regeln. Kommunen können die Winterdienstpflicht per
       Satzung an die Eigentümer anliegender Gebäude übertragen. Manche Vermieter
       wälzen sie wiederum per Mietvertrag auf die Mieter:innen ab.
       
       ## Versäumte Streu- und Räumpflichten
       
       In Berlin zum Beispiel müssen sich meist Eigentümer:innen um schnee-
       und eisfreie Gehwege kümmern. Vielen Hausbesitzer:innen ist das
       offensichtlich recht egal; [4][der Verkehrswendeverein Changing Cities
       kritisiert], dass das Ordnungsamt versäumte Räum- und Streupflichten nur
       selten ahndet.
       
       Dabei haben glatte Wege fatale Folgen: Notaufnahmen in Schleswig-Holstein
       behandelten Anfang Januar wegen Schnee und Eis [5][50 Prozent mehr
       Patient:innen als sonst], viele mit typischen Ausrutsch-Sturz-Diagnosen
       – gebrochenen Unterarmen oder verletzten Schultern.
       
       Klar, schlitternde Autos sind auch gefährlich, Busse und Krankenwagen
       müssen freie Fahrt haben. Winterdienst kostet, [6][erfordert Personal] und
       Maschinen, die in den vergangenen Jahren wegen durchschnittlich wärmerer
       Winter seltener gebraucht wurden.
       
       Wenn Menschen aber schlicht nicht die Wahl haben, sicher mit dem Fahrrad zu
       fahren oder zu Fuß zu gehen, ist das nicht nur ungerecht. Es führt auch die
       Verkehrswende, Baustein [7][im Kampf gegen die Klimakrise], wortwörtlich
       aufs Glatteis.
       
       ## Teure Unfallkosten
       
       Wie es anders geht? In Kopenhagen werden manche Radwege mit Abwärme
       beheizt. Im isländischen Reykjavík gilt für Fahrradwege „Service 1a“ –
       alleroberste Räumpriorität, schon frühmorgens, damit die Menschen sicher
       mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Schweden hat errechnet, dass die
       Behandlung von Glätteunfallopfern viel teurer für die Gesellschaft ist als
       ein umfassender Winterdienst.
       
       Der Ärger mit den Polizeibeamten in Berlin-Zehlendorf bleibt übrigens aus.
       Kurz danach aber hupt der Fahrer eines kostspieligen SUVs laut und lang,
       überholt eng und gestikuliert aufgebracht. Ich würde wirklich lieber auf
       dem Radweg fahren.
       
       14 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutsche-Emissionen-2025/!6143401
 (DIR) [2] https://berlin.adfc.de/artikel/mitmachen-adfc-winterdienst-check
 (DIR) [3] https://www.vku.de/fileadmin/user_upload/Verbandsseite/Publikationen/2021/VKU_Info-99_WEB_2_.pdf
 (DIR) [4] https://changing-cities.org/kaum-winterdienst-fur-fuss-und-radverkehr/
 (DIR) [5] https://www.ndr.de/notaufnahmen-in-sh-melden-mehr-patienten-durch-schnee-und-eis,notaufnahmen-104.html
 (DIR) [6] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/01/berlin-bsr-kein-winterdienst-gehwege-radwege.html
 (DIR) [7] /Sturmtief-Elli/!6143820
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nanja Boenisch
       
       ## TAGS
       
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